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Gütesiegel : Unser Schutt soll schöner werden

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Stiller Protest gegen Bauschutt? Diese Strohpuppe stand im März auf einer Brachfläche in Berlin-Mitte Bild: ddp

Baumaterialien machen einschließlich Erdaushub mehr als die Hälfte des deutschen Massenmülls aus und können jede Menge toxische Emissionen auslösen. Jetzt soll der Bauschutt ökologisch verträglich werden - mit Hilfe des DGNB-Gütesiegels.

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          Was noch vor kurzem als Nachhaltigkeitsesoterik belächelt wurde, beginnt sich zu einem Exportschlager zu entwickeln: das Qualitätssiegel der „Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen“ (DGNB). Zweiundzwanzig Monate nach Gründung der gemeinnützigen Gesellschaft in Stuttgart melden sich führende Verbände der bauschaffenden Wirtschaft und Hochschulen aus aller Welt, um sich mit den Methoden und Kriterien des deutschen Gütesiegels vertraut zu machen.

          Der „Non-Profit“-Organisation unter Federführung ihres Präsidenten Werner Sobek ist es gelungen, mit annähernd 600 Mitgliedern die Creme der deutschen Wirtschaft sowie zahlreiche Städte und Gemeinden als Mitglieder zu werben. „Wir müssen Verantwortung für die kommenden Generationen übernehmen“, sagte der international tätige Bauingenieur und Wissenschaftler Sobek in einem Gespräch mit dieser Zeitung.

          Ökologische Sauberkeit

          Es gehe um ökologische Sauberkeit beim Bau, beim Betrieb und bei der Wiederverwertung von Baumaterialien, die einschließlich Erdaushub 50 bis 60 Prozent des Massenmülls ausmachen und toxische Emissionen auslösen können. Städteplaner, Architekten, Bauingenieure und Hersteller von Baustoffen müssten sich ihrer Verantwortung für die Umwelt bewusst werden. Sie könnten ohnehin nicht anders, denn die europäische Union zwinge sie immer mehr in ein enges Regelungswerk zur Schonung der Umwelt und den sorgsamen Umgang mit den Ressourcen.

          Die DGNB habe sich seit Gründung vor knapp zwei Jahren in ein Zentrum für Nachhaltigkeit entwickelt und mit ihrem Planungs- und Dokumentationssystem für ökologische, ökonomische und soziale Bauqualität ein Bewertungsinstrument für die Qualität von Gebäuden etabliert. Mit einem eindrucksvollen Stärke- und Schwächenprofil bildet es ein leistungsorientiertes Ratingsystem ab.

          Feste Standards

          „Wer die deutschen Bauvorschriften einhält, seine Planung sorgfältig dokumentiert und die Lebenszykluskosten im Griff hat, der erfüllt bereits die Anforderungen der DGNB und könnte ein entsprechendes Siegel erhalten“, sagte Sobek. Der Kriterienkatalog der DGNB setze Standards - auch für die Industrie. Wenn Deutschland kein Bewertungssystem für ökologisches und sozial verträgliches Bauen gesetzt hätte, wären die Märkte von ausländischen Standards dominiert worden und hätte den deutschen Export von Bauleistungen gefährdet. Wer überzeugende Spielregeln setzt, verschaffe sich Marktvorteile. Der Technologieführer auf den Weltmärkten verfüge bisher nicht einmal über ein Handbuch für die Baustoff-Wiederverwertung.

          Das DGNB-Siegel sei ein dynamisches System und werde jetzt auf Infrastruktureinrichtungen wie Autobahnen, Tunnel und Brücken und auf Wohngebäude ausgedehnt. Das werde zwangsläufig auch die Architektur beeinflussen. Man werde Dächer für Photovoltaik vermieten und Häuser ohne Schornstein bauen. Sobek spricht zurzeit mit Hochschulen und Kammern - auch aus dem Ausland - , um die Ausbildung von „Auditoren“ für die Planung und Durchsetzung des DGNB-Qualitätssystems zu gewährleisten.

          Die Gebühren von 3000 Euro sollen überwiegend den Ausbildungsstätten verbleiben. „Wir sind ehrenamtlich tätig“, sagt der Bauingenieur und Wissenschaftler. Die Unabhängigkeit will er auch gegenüber der Politik gewährleistet sehen. Eine ordnungspolitische Einflussnahme auf das DGNB-Bewertungssystem würde der dynamischen Entwicklung schaden. Der Bundesregierung würde er freilich ein Vetorecht einräumen.

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