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Energiesparendes Bauen : Vom Marketing-Gag zum Megatrend

  • -Aktualisiert am

Der Solarspezialist Solon will mit seinem neuen Firmensitz in Berlin den Beweis antreten, dass Design und Klimaschutz zusammenpassen. Bild: obs

Energieoptimiertes Bauen ist auch auf dem Markt für Büroimmobilien angekommen. Klimawandel, wachsendes Umweltbewusstsein und vor allem steigende Energiepreise zeigen Wirkung.

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          „Green Building ist sexy“, ruft Heinrich Schulte-Frohlinde in die Runde. Der Berliner Architekt muss es wissen - er hat gerade ein besonders „grünes Gebäude“ an den neuen Hausherrn übergeben. Das Photovoltaik-Unternehmen Solon eröffnete kürzlich in Berlin seine neue Konzernzentrale. Klaus Wowereit, der für die von ihm regierte Hauptstadt zuvor schon einmal mit „arm, aber sexy“ eine ähnliche Wortwahl gebrauchte, sprach bei diesem Anlass von „beeindruckender Architektur, die neugierig macht auf das, was hinter der Fassade steckt“.

          Tatsächlich steckt eine ganze Menge in und hinter der Hochtechnologie-Fassade. Die Fenster sind dreifach isolierverglast, und in den vorgefertigten Fassaden-Modulen sind die Heizkörper integriert. Glas, Stahl, Holz und Beton prägen den Bau mit seiner geschwungenen Silhouette. Der für das Energiekonzept des Gebäudes verantwortliche Direktor des Braunschweiger Instituts für Gebäude- und Solartechnik, Norbert Fisch, verspricht einen um 75 Prozent niedrigeren Energieverbrauch im Vergleich zu herkömmlichen Bürogebäuden. Auch der Kohlendioxid-Ausstoß soll nur ein Viertel des üblichen Wertes betragen.

          Die Aktivierung des Betonkerns

          Für die energiesparende Kühlung oder Beheizung sorgt eine sogenannte Betonkernaktivierung - in die Betondecken integrierte Wasserrohre, die mit der Abwärme aus der benachbarten Produktionshalle gespeist werden können. Auf dem begrünten und begehbaren Dach sind Photovoltaikanlagen eingebaut, die 15 Prozent des Stromverbrauchs decken sollen. Selbst das Regenwasser versickert nicht ungenutzt auf dem parkartigen Gelände, sondern wird in einer Zisterne gesammelt und als Grauwasser für Toilettenspülungen genutzt.

          Für das 1997 in einem Kreuzberger Hinterhof gegründete Umwelttechnikunternehmen Solon - Firmenmotto: „Don't leave the planet to the stupid“ - dient der neue Firmensitz im Wissenschafts- und Technologiepark Berlin-Adlershof natürlich auch als Demonstrationsobjekt. „Wir wollen beweisen, dass Energieeffizienz und Design gut zusammenpassen“, sagt Firmengründer Alexander Voigt.

          Klimaneutralität ist das Ziel

          Energieoptimiertes oder sogar klimaneutrales Bauen erfasst immer größere Teile der Immobilienwirtschaft. Von den Maklern wird diese Entwicklung aufmerksam beobachtet. „Green Building wird immer mehr zum Thema - einerseits aus Imagegründen, andererseits sind die Betriebskosten niedriger“, sagt Erik Peuschel von Engel & Völkers Commercial in Hamburg. „Bei den heutigen Energiepreisen kann sich das schnell rechnen.“ Für Investoren verbessere grüne Architektur daher die Vermarktbarkeit von Objekten. So bewirbt etwa Union Investment Real Estate das Emporio-Hochhaus in Hamburg offensiv als „Green Building“, weil das aus den sechziger Jahren stammende Bürogebäude unter energetischen Aspekten saniert wird.

          Auf der Nachfrageseite sieht Peuschel schwerpunktmäßig momentan allerdings noch Unternehmen und Institutionen aus der Umweltecke als Nutzer grüner Architektur. So bezieht etwa Greenpeace 2011 eine neue Deutschland-Zentrale in der Hamburger Hafencity. Solarkollektoren, Windenergie- und Regenwassernutzung sind dort selbstverständlich. Schon vor Baubeginn hat das bei den Behörden eingereichte Konzept ein Umweltgütesiegel erhalten. Da bis vor kurzem ein einheitliches Zertifizierungsmodell fehlte, hatte sich die um innovative Ausstrahlung ihres Aushängeschilds bemühte Hansestadt einfach ein eigenes Umweltzertifikat geschaffen. Dieses Signet umfasst fünf Kategorien, darunter den Primärenergiebedarf, umweltschonende Baustoffe und den nachhaltigen Gebäudebetrieb. Für „Gold“ darf ein Bürogebäude nach der „Hafencity-Norm“ maximal 100 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr verbrauchen.

          Gütesiegel mit 49 Kriterien

          Bundesweit gibt es nun seit einem halben Jahr das Gütesiegel der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), das gemeinsam mit dem Bundesbauministerium entwickelt wurde. Im Januar wurde es zum ersten Mal vergeben. Betrachtet werden insgesamt 49 Kriterien - von den soziokulturellen Wirkungen über die technische Effizienz bis hin zur Prozessqualität beim Bau. Von 28 bewerteten Neubauten erhielt das Verwaltungsgebäude des brandenburgischen Landkreises Barnim in Eberswalde die beste Gesamtnote.

          Besonderer Clou des vom Berliner Büro GAP entworfenen Bauwerks ist die Nutzung von Geothermie: 500 Pfähle mit wasserführenden Rohrschlangen transportieren im Winter Erdwärme und halten im Sommer das Gebäudeinnere kühl. Ebenfalls mit „Gold“ ausgezeichnet wurde das neue, nach Niedrigenergie-Standard errichtete Bürogebäude von Volkswagen Financial Services in Braunschweig. „Green Building“ ist eben nicht nur für Umweltunternehmen interessant.

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