https://www.faz.net/-gz7-pyr0

Energie : Gleichmacherei in der Gebäudesanierung

  • -Aktualisiert am

Zinsvergünstigte Kredite und Zuschüsse zum Energiesparen: Dämmung für ein altes Dach. Bild: dpa

Um den Energieverbrauch zu senken, greifen pauschale Vorgaben zu kurz. Nennenswerte Effekte lassen sich erzielen, wenn das unterschiedliche Potential von Gebäudetypen berücksichtigt wird.

          Die jüngste Diskussion über das Energiekonzept der Bundesregierung hat noch einmal gezeigt, dass die unterschiedliche Bauweise von Immobilien bei der Formulierung von Vorgaben kaum berücksichtigt wird. Nun stoßen die pauschalen Zielsetzungen für die energetische Sanierung von Gebäuden zunehmend auf Kritik. „Man muss die unterschiedlichen Gebäudetypen genauer analysieren und auf dieser Grundlage sagen, hier macht man dieses, und dort lohnt sich jenes“, sagt Jens-Ulrich Kießling, Vorsitzender der Bundesvereinigung Spitzenverbände der Immobilienwirtschaft (BSI) und Präsident des Immobilienverbandes IVD.

          Ohne eine individuelle Berücksichtigung der Bausubstanz stünden Aufwand und Ertrag schnell nicht mehr in einem Verhältnis zueinander, warnt auch der Vorstandsvorsitzende von Patrizia Immobilien, Wolfgang Egger. „Die Bausubstanz bietet häufig schon eine gewisse Isolierung, so dass ein hoher Aufwand gar nicht notwendig ist.“

          Pauschale Sanierungspflicht

          Gestützt werden diese Einschätzungen von einer Untersuchung über Energieeffizienz im Altbau, die kürzlich vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle/Saale (IWH) veröffentlicht wurde. Auf der Basis von Angaben zu 200 000 Gebäuden aus der Energieausweis-Datenbank des Energiedienstleisters Ista wurde zum Beispiel festgestellt, dass zwischen 1900 und 1918 errichtete Gründerzeitbauten mit sieben bis zwölf Wohneinheiten nach einer Sanierung nur einen um 10 Prozent geringeren Heizenergiebedarf aufweisen. Bei Bauten in vergleichbarer Größenordnung aus den fünfziger und sechziger Jahren liegt die Differenz immerhin bei rund 27 Prozent. Nach dem Krieg musste eben schnell und kostengünstiger gearbeitet werden, um die Nachfrage nach Wohnraum zu decken.

          Die vorgelegten Zahlen bestätigen, wie notwendig ein differenziertes Vorgehen in der energetischen Sanierung ist. „Die rechtlichen Vorgaben und die Förderpolitik sollten die spezifischen Eigenschaften von Immobilien berücksichtigen, um Investitionsanreize auch tatsächlich zu setzen“, lautet eine Schlussfolgerung in dem IWH-Papier. Eine pauschale Sanierungspflicht werde jedenfalls den Belangen der Wirtschaftlichkeit von Sanierungen wie auch den Belangen des Klimaschutzes und Städtebaus nicht gerecht.

          Stärkere Differenzierung

          Kritisch merken die beiden Autoren der Studie, Claus Michelsen und Silke Müller-Michelsen, an, dass die gesetzlichen Anforderungen im Rahmen der Wärmeschutz- und der Energieeinsparverordnung in erster Linie auf die technische Umsetzbarkeit von Wärmeschutzmaßnahmen abstellen. „Dass Investitionen in Immobilien äußerst komplex sind und die Bereitschaft zu investieren maßgeblich durch die Rentabilität bestimmt ist, wird weitgehend außer Acht gelassen.“

          Lothar Niederberghaus, geschäftsführender Gesellschafter der Planungsgesellschaft AGN, setzt sich schon seit längerem für eine stärkere Differenzierung in der energetischen Gebäudesanierung ein. Er bezieht dabei auch den technischen Aspekt ein „Nur Dämmung und Kessel - das ist zu platt“, warnt er. Derzeit dominierten Schlagwörter den Diskurs und Einzelmaßnahmen die Praxis. Stattdessen müsse zum integrierten Denken zwischen den verschiedenen Disziplinen wie Architektur, Statik, Heizung, Lüftung und Bauphysik zurückgefunden werden.

          Eine größere Berücksichtigung der unterschiedlichen Einspareffekte käme den Eigentümern von Gründerzeithäusern durchaus entgegen. Schließlich stellt sie die energetische Gebäudesanierung vor ganz spezielle Anforderungen. So weist Wolfgang Heckeler, Präsident des Dachverbandes Deutscher Immobilienverwalter (DDIV), darauf hin, dass diese Gebäude häufig dem Denkmalschutz unterliegen. Bei einer energetischen Sanierung wären deshalb in der Regel hohe Auflagen zu erfüllen, die wiederum mit sehr hohen Kosten verbunden seien. „Damit wären diese Maßnahmen nur selten wirtschaftlich darstellbar“, sagt er. Ganz zu schweigen von den technischen Schwierigkeiten in der Umsetzung, gerade bei der Wärmedämmung.

          Weitere Themen

          Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.

          Die Gamescom-Highlights im Überblick Video-Seite öffnen

          Videorundgang : Die Gamescom-Highlights im Überblick

          Ab heute können alle auf die Gamescom. Doch welche Hallen und Stände lohnen einen Besuch? F.A.Z.-Redakteur Bastian Benrath verrät es auf einem Videorundgang.

          Topmeldungen

          Venedig will mit einer Gebühr gegen den Gästeansturm ankommen.

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.
          Klara Geywitz will nicht die zweite Geige neben Olaf Scholz spielen.

          Neues SPD-Duo stellt sich vor : Mehr als ein dekoratives Salatblatt

          Die brandenburgische Landtagsabgeordnete Klara Geywitz ist nicht gerade bekannt, will aber im Team mit Olaf Scholz SPD-Vorsitzende werden. Bei einer Pressekonferenz stellte Geywitz klar, dass sie nicht bloß Dekoration ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.