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Dämmwahn : „Nun werden Städte verschandelt“

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Der Stadtplaner Andreas Barz ist Vorsitzender der Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee. Bild: M. Setzpfandt

Es gibt einige gelungene Beispiele für die denkmalgerechte wie energetische Sanierung von Bauten der Nachkriegsmoderne. Insgesamt steht es um die Architektur der Wiederaufbaujahre aber eher schlecht, kritisiert der Stadtplaner Andreas Barz im Interview.

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          Herr Barz, Sie machen sich seit mittlerweile zehn Jahren für die Nachkriegsmoderne stark. Ein ungeliebter Baustil ist das, oder hat sich da etwas geändert?


          Es gibt immerhin viele Beispiele für gelungene Sanierungen. Oft, wenn die öffentliche Hand beteiligt ist und wenn der Denkmalschutz beachtet werden muss.


          Wo zum Beispiel?

          Nehmen wir die Akademie der Künste in Berlin-Tiergarten: Sie hat gerade eine erneuerte Fassade bekommen und eine neue energiesparende Haus- und Brandschutztechnik. Man sieht innen und außen fast nichts von diesen Eingriffen. Aber auch in privater Regie gab es sehr gute Sanierungen wie das Haus Hardenberg in Berlin und das Europa-Center oder die Siemens-Siedlung in München. Leider sind es trotzdem nur Ausnahmen.

          Und wie sieht es in der Regel aus?


          Leider ganz anders. Die Nachkriegsbauten gelten nicht viel. Viele regen sich über die "graue Architektur" auf, über Allerweltsgebäude, die zu ihrer Zeit eben schnell hochgezogen werden mussten. Ganz Westdeutschland steht voll davon. Angeblich ist sie eine Verschandelung der Städte. Dabei geschieht doch heute erst wirklich Schlimmes. Nun werden die Städte erst wirklich verschandelt. Mit einer Welle von Sanierungen, durch eine ungenügende Beschäftigung mit Fassaden.


          Was passiert genau?


          In der Fläche, im Siedlungsbau, arbeitet man sich an den normalen Bauten ab. Die großen Wohnungsgesellschaften schlagen zu, weil es öffentliche Fördergelder gibt. Also bekommen die Häuser ohne Rücksicht auf ihre Besonderheiten einfach zwanzig Zentimeter dicke Hüllen verpasst. Das ist verheerend. Fünfziger-Jahre-Bauten mit ihren filigranen Strukturen können leicht erdrückt werden, denen geht es schnell an die Ästhetik.


          Aber hätte die Wohnungswirtschaft denn eine Wahl?


          Natürlich gibt es Alternativen. Beim Dämmstoff selbst lässt sich schon eine Auswahl treffen. Es gibt innovative, sehr dünne Materialien. Aber dann muss der Bauherr noch viel mehr rechnen, als ohnehin nötig ist. Überhaupt: Mehr Nachdenken ist gefragt - kein Bau ist wie der andere.


          Das müssen Sie bitte erklären.


          Oft hilft es bereits, die Energiebilanz zu verbessern, indem die Gebäude intensiver genutzt werden. Das gilt vor allem für die vielen öffentlichen Bauten. Es kann auch schon viel bringen, lediglich Fensterscheiben auszutauschen oder geregelte Lüftungsanlagen einzubauen. Wenn es sich um ein Baudenkmal handelt, gibt es allerdings nur einen Weg: Man darf nur das Allernotwendigste tun. Da muss unsere Gesellschaft eben einen gewissen Anteil von energetischen Mehrausgaben verantworten.


          Können Denkmale sogar Wegbereiter sein, nämlich hin zu einem moderateren Sanierungsverhalten?


          Das müssen sie werden. All diese Entwicklungen haben wir vor kurzem hier bei uns im Studentendorf auf einer Fachtagung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz diskutiert. Der Umgang mit Denkmalen weist den Weg, so müssen wir überall vorgehen. Auch bei den weniger bedeutenden Gebäuden oder beispielsweise den Plattenbauten, wo grausige Entwicklungen in den letzten Jahren stattgefunden haben.

          Brauchen wir eine andere Förderung von energetischen Sanierungen als derzeit?


          Ja, und zwar ein Programm für Behutsamkeit und für die Stadtgestaltung. Solche Kriterien spielen bisher überhaupt keine Rolle. Dazu gibt es bereits eine Stiftung Baukultur, die deutschlandweit tätig ist. Ihr kommt eine große Bedeutung zu, sie steht zur Beratung parat. Aber die wenigsten wissen, dass es so etwas gibt. Alle werden stattdessen nur auf eines konditioniert: dämmen, dämmen, dämmen. Aber die Gefahr erkennen zumindest einige Fachleute jetzt.


          Sie hegen Zweifel an Energieberatern?


          Wir müssen sie viel mehr überprüfen, statt ihnen blind zu vertrauen. Auch das hat unsere Tagung gezeigt. Es dürfen nicht alle ausschließlich auf die Vorgaben des Energiepasses und auf Kennziffern schielen! Jeder Haustechniker bietet heute eine Energieberatung an, Architekten genauso, viele machen schnell einen Kurs, damit sie diese Leistungsphase auch noch abdecken können. Dann trimmen sie die Gebäude energiepassgerecht und gucken, dass die Nadel möglichst im positiven Bereich ist. Und überall zeigen sich hinterher Baumängel, wegen der Hast. Bei Verankerungen von Dämmungen können Feuchteschäden auftreten oder auch Algenbefall. Putzfassaden sehen dann aus wie perforiert und müssen bald wieder erneuert werden.

          Weitere Informationen:

          www.bundesstiftung-baukultur.de

          www.wta.de (Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege)

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