https://www.faz.net/-gz7-16s3j

Architektur : Musizieren ohne Nebenwirkungen

An Musikhochschulen sind die Räume schallgedämpft. Bild: ddp

In Berlin, Frankfurt und Hamburgs Hafencity entstehen Mehrfamilienhäuser mit schalldichten Räumen. Hier sollen Musiker zu jeder Tages- und Nachtzeit spielen und proben können, ohne die Nerven der Nachbarn zu strapazieren. Die Idee stammt von einem Architekten aus Lübeck.

          Für Winfried Hammann ist die Idee ein kleiner Coup. Binnen vier Jahren kommt seine Bürgerstadt AG in drei deutschen Großstädten mit einem „Musikerhaus“ auf den Markt. Dieser Tage präsentierte das Unternehme, das sich auf die Betreuung von Baugruppen spezialisiert hat, den Sieger des Architektenwettbewerbs für das Vorhaben in der Hamburger Hafencity. Ende 2011 soll das Mehrfamilienhaus fertig sein, in dem ein Teil der Wohnungen mit je einem schalldichten Raum ausgestattet ist.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Berlin ist man schon weiter. Läuft alles nach Plan, werden die Eigentümer des Neubaus am Spittelmarkt im Dezember einziehen. Und auch in Frankfurt, das nicht gerade dafür bekannt ist, unkonventionelle Wohnungsbauinitiativen zu fördern, sollen Musiker bis Ende 2011 mitten in der Stadt ein Zuhause finden, in dem es nicht mehr zum Zerwürfnis zwischen Nachbarn kommt, weil ein Teil der Bewohner ausgiebig Klavier spielt, Stimmübungen macht oder posaunt. Denn Musizieren, gleich ob ein Profi in die Tasten haut oder ein Anfänger seine Geige malträtiert, führt häufig zum Streit in der Nachbarschaft.

          „Die Musikerhäuser sind ein echtes Nischenprodukt, das es so unseres Wissens nach bisher noch nicht gibt“, schwärmt der Bürgerstadt-Vorstand. Um zu vermeiden, dass sich der Schall auf die angrenzenden Räume und Wohnungen überträgt, werden die Musikerzimmer vom eigentlichen Bau entkoppelt. Vereinfacht muss man sich das wie einen riesigen Aufzugsschacht aus Beton vorstellen. In diesen werden weitere massive Baukörper in Form von Würfeln gesetzt. Deren Wände sind gemauert - Böden und Decken bestehen ebenfalls aus Beton. Die Boxen sind nur punktuell und nicht starr miteinander verbunden.

          Der Schall bleibt im Raum

          Das Innere des Raums entsteht in Trockenbauweise. Sowohl der äußere Rahmen als auch die innere Box verfügt über Fenster und Türen. Auf diese Weise sollen selbst laute Töne nicht mehr durch die Wände dringen können. Von exzessiven Proben kann sich in der Nachbarschaft dann niemand mehr gestört fühlen, denn der Schall bleibt im Raum.

          So sind es die Ohren der Musiker selbst, die Schutz brauchen. Standard ist in den Zimmern daher Teppichboden. „Je nach individuellem Bedarf kann man den Schall noch weiter dämpfen, etwa durch Vorhangstoffe“, sagt Architekt Jörg Schreckenberg. Er ist gewissermaßen der Vater der Idee. In seiner Heimatstadt Lübeck hat er schon ein Musikerhaus verwirklicht. Als passionierter Saxophonist und einstiger Mieter habe ihm zu Hause immer ein Übungsraum gefehlt. „Musiker wollen meist unter Leuten sein und nicht einsam im Grünen wohnen“, glaubt er.

          Das Vorbild steht in Lübeck

          Das Haus am Spittelmarkt ist sein zweites Vorhaben dieser Art. Zu den bisherigen Käufern der Wohnungen zählen die Erste Sopranistin der Staatsoper und die Erste Bratsche des Deutschen Symphonie-Orchesters. Das Grundstück kaufte er von der Bürgerstadt AG, die die Vermarktung übernahm.

          Zwischen 2600 bis 4000 Euro je Quadratmeter kostet eine solche Wohnung in der Hauptstadt. In Hamburg liegt die Preisspanne zwischen 3300 und 4000 Euro; in Frankfurt sind Quadratmeterpreise von 2900 bis 3600 Euro veranschlagt. Dort allerdings müssen die Käufer zusätzlich Erbpachtzinsen zahlen. Der bautechnische Mehraufwand für die zwischen 10 bis 20 Quadratmeter großen Musikerzimmer verteure die Kaufpreise um etwa 25 000 Euro je Wohnung, sagen die Anbieter. „Wenn sie versuchen, einen Altbau zum Tonstudio umzurüsten, ist das nicht billiger - die Qualität ist aber längst nicht so gut“, argumentiert Bürgerstadt-Vorstand Hammann.

          Mühsame Vermarktung in Berlin

          Die Vermarktungszeit in Berlin dauerte ein Jahr und sei „etwas mühsam“ gewesen. Als Ladenhüter erwies sich eine 200 Quadratmeter große Maisonettewohnung, die der Anbieter für 600 000 Euro verkaufen wollte. Dennoch gefiel das Vorhaben der Bürgerstadt AG so gut, dass sie die Musikerhäuser nun in Hamburg und Frankfurt baut. In der hessischen Stadt sei das Interesse riesig, in Hamburg liebäugelten „echte Musikergrößen“ mit dem Kauf, erzählt Hammann. Architekt Schreckenberg indes kann davon nicht profitieren. „So eine Idee kann man sich ja leider nicht patentieren lassen“, klagt er. Der Lübecker konnte sich im Hamburger Wettbewerb nicht gegen den Entwurf von 360grad+architekten durchsetzen. Für den Bau in Frankfurt habe man ihn gar nicht erst eingeladen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.