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Alte Schlösser : Kein Ort für Träumer und Romantiker

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Adel orientiert sich nach Osten: Elisabeth und Ulrich von Küster vor ihrem Schloss bei Jelenia Gora (Hirschberg) Bild: dpa

Wer ein Schloss, Gut oder Herrenhaus sanieren und bewirtschaften will, braucht ein passendes Nutzungskonzept, Visionen, Mut und viel Arbeitseinsatz. Doch der Aufwand kann sich lohnen.

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          Als Heinrich Graf von Bassewitz mit seiner Frau Lucy im Mai 1992 aus Südamerika nach Gut Dalwitz zurückkehrte, war von der einstigen Schönheit des Anwesens nicht mehr viel zu erkennen. Seit dem Jahr 1349 hatte sich Dalwitz - mit 46 Jahren „Unterbrechung“ während der DDR-Zeit - in Familienbesitz befunden. Nun beschloss das Ehepaar, den landwirtschaftlichen Betrieb am Rand der Mecklenburger Schweiz wieder aufzubauen - mit viel persönlichem Engagement, Idealismus und Mut.

          „Das Problem war, dass wir den Standort hatten und dafür ein Konzept brauchten. Normalerweise ist es umgekehrt“, schildert Graf Bassewitz die Anfangsphase. Zudem konnte der Agrarökonom zu den Hofgebäuden nur Grünland und sandige Äcker pachten, da die besseren Standorte des ehemaligen Familienbetriebs anderweitig vergeben wurden. Daher beschloss er, mit der Rinderzucht zu beginnen, und schuf sich anschließend Schritt für Schritt weitere Standbeine. „Ich spreche immer von meinem großen Bauchladen“, scherzt der Gutsherr.

          Hotel, Biogas, Hühner, Wald und Pferde

          Heute gehören zu Gut Dalwitz neben Ackerbau und Viehzucht auch ein Hotelbetrieb, eine Biogasanlage, eine Hühnerfarm, ein Forstbetrieb und eine kleinere Pferdezucht. „Zwischen der Notwendigkeit, zu diversifizieren, und der Notwendigkeit, unsere Ruinen in Nutzung zu bringen, ist unser Konzept organisch gewachsen“, berichtet Graf Bassewitz. Ohne Fördermittel wäre das jedoch nicht möglich gewesen. „Das Finanzierungskonzept ist der wichtigste Punkt. Man kann von Banken wahrscheinlich nicht verlangen, dass sie den zukünftigen Nutzen eines solchen Gesamtkonzepts beleihen.“ Daher müsse der Eigenkapitalanteil immer stimmen.

          Reiten, Jagen, Tennis, Landwirtschaft - die Finanzierung von Gut Dalwitz speist sich aus vielen Quellen

          Graf Bassewitz hat zudem bei größeren Projekten wie der Biogasanlage einen Partner hinzugezogen und in anderen Fällen Fördermittel in Anspruch genommen. „Die Fördermittel dürfen aber nie der Grund für die Investition sein, sondern diese muss sich auch ohne Fördermittel rentieren“, gibt er zu bedenken.

          Dreißig neue Arbeitsplätze

          Das Ergebnis kann sich sehen lassen: „Bei uns sind über dreißig Arbeitsplätze entstanden, und der Gemeinde geht es dank der Gewerbesteuereinnahmen wieder gut.“ Das könnte theoretisch überall funktionieren. Doch leider sieht es an manchen Standorten anders aus. Das Grundproblem ist, dass in den meisten Fällen die Einnahmeseite von der Ausgabeseite getrennt wurde, also das Land ohne die eigentlich dazugehörenden Gebäude verkauft oder verpachtet wurde. Plakativ gesprochen: Land möchten alle, Ruinen niemand. Hinzu kommt, dass viele Landbesitzer - vor allem in den neuen Bundesländern - gar nicht ortsansässig sind und dadurch nur wenig Motivation haben, die Region nachhaltig zu entwickeln und wiederzubeleben.

          Das ist in Dalwitz anders, denn die Familie von Bassewitz identifiziert sich mit dem Ort. „Ich weiß genau, wie das hier in zehn Jahren aussehen soll.“ Und der Graf hat Geduld: „Es geht nicht um das schnelle Geschäft. Wir leben und arbeiten hier, weil wir einen Teil der Entlohnung in der Lebensqualität sehen.“ Daher werde der erwirtschaftete Überschuss auch immer wieder neu in Gut Dalwitz investiert.

          Ohne Nutzungskonzept läuft nichts

          Nicht immer können Schlossherren und Gutsbesitzer die Klippen der Existenzgründung so erfolgreich umschiffen wie in diesem Fall. Es kommt vor, dass die alten Gemäuer mehrfach den Eigentümer wechseln oder Konzepte nicht aufgehen. Denn Häuser dieser Größenordnung wollen unterhalten und bewirtschaftet werden. Die Basis hierfür ist ein durchdachtes und auf den Einzelfall zugeschnittenes Nutzungskonzept.

          Denn wer Schlossbesitzer werden will, sollte nicht nur ein Romantiker, Idealist und Visionär, sondern vor allem ein kühler Rechner sein. Die Umnutzung dieser außergewöhnlichen Immobilien kostet Kraft, Geld und Zeit. Das weiß auch Lars Axendorf von Axendorf Real Estate Office aus Hamburg, der über jahrelange Erfahrung bei der Vermarktung von Schlössern und Herrenhäusern verfügt.

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