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Kolumne „Hütten & Paläste“ : Die Pakete der anderen

  • -Aktualisiert am

Wer nimmt das an? Bild: Stefanie Silber

Der Nachbar als Teil der Lieferkette: Wenn der Bote zweimal klingelt, dann ist das Päckchen doch bestimmt wieder für die Power-Besteller aus dem dritten Stock. Oder?

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          Seit Frau K. im Homeoffice arbeitet, sieht sie die Leute aus dem Haus anders. Das liegt allein schon daran, dass deren Bärte, Grübchen, Münder und Nasen unter Masken verschwinden. Schöner Nebeneffekt: Frau K. weiß neuerdings, welche Augenfarbe ihre Nachbarn haben. Auch über den familiären Frieden, den aktuellen Beziehungsstatus der Singles, etwaige Alkoholprobleme, Ernährungsgewohnheiten und geschätzte Tageszeiten für Schäferstündchen ist sie mittlerweile gut im Bilde. Den AHA-Regeln zum Trotz hat ihr das Pandemiejahr die Menschen, die mit ihr unter einem Dach des Mehrfamilienhauses leben, nähergebracht. Gut leiden konnte sie die meisten schon vorher, nun aber wünscht sie sich manche vor allem an den Nachmittagen geradezu herbei. Das hat mit dem Paketdienst zu tun.

          Onlineshopping ist in der Hausgemeinschaft seit Jahren üblich. Regelmäßig hatten Päckchen für die Studentin aus dem Erdgeschoss und für die Lehrerin aus der Dachwohnung im Flur der Ks. Unterschlupf gefunden. Einmal kam sogar eine Blumensendung für die Nachbarin aus dem zweiten Stock. Zum Muttertag. Per Post. Ganz kurz war in Frau K. der Neid aufgeflammt.

          Mit Annahme und Übergabe hatte sie selbst vor Corona allerdings nur selten zu tun. Wenn der DHL-Bote, der Hermes-Mann oder der Amazon-Kurier klingelten, war Frau K. im Büro, beim Einkaufen oder beim Sport. Oder im Eissalon. Die gelegentlichen Beschwerden ihres Teenagersohns hatte sie weggeschmunzelt, wenn der klagte, am Nachmittag gleich dreimal die achtzig Stufen nach unten gesprintet zu sein, um die Post der anderen entgegenzunehmen. Das ist ja eine Zumutung, hatte Frau K. gesagt, und gedacht: Ach Gottchen, da hast du aber oft dein Bett verlassen müssen.

          Sturmgeläut am Nachmittag

          Nun ist die Lage so: Der Sohn, kein Schüler mehr, arbeitet in einem Industriebetrieb. Er hat sich der immer größer und – Lockdown-bedingt – zunehmend aktiver werdenden Schar der Onlinekäufer angeschlossen. Das Institut für Handelsforschung in Köln nennt 2020 ein Rekordjahr des Onlinehandels. Frau K. glaubt das sofort, wenn sie an die Paketberge denkt, die sie für die Powershopper in ihrem Haus entgegennimmt. Nachbarn und Zusteller haben die Homeoffice-Arbeiterin ungefragt zum Glied ihrer Lieferkette gemacht.

          An manchen Tagen kann das richtig stressig sein. Nicht wegen des Abgabetermins für einen Artikel oder der anstehenden Zoom-Konferenz. Auf Trab bringt Frau K. der Bote, der mittags schellt, wenn sie gerade vorm Bildschirm über die Lösung eines Pro­blems brütet. Schnell die achtzig Stufen runter. Was? Gleich drei Pakete für die Nachbarin? Was die nur immer bestellt, und nie ist sie zu Hause. Nachmittags abermals Sturmgeläut. Wieder runter, soso, eine Lieferung für die Familie aus dem zweiten Stock. Zurück in der Wohnung, zeigt das Smartphone eine Nachricht. Der Sohn. Sie sei doch zu Hause. Ein Paket für ihn werde heute noch zugestellt. Unbedingt annehmen. Drei Herzchen. Wieso immer ich, fragt sich Frau K. Was ist mit dem Rentner, der Mutter in Teilzeit?

          Am nächsten Tag fährt sie nach Wochen mal wieder ins Büro. Am Mittag klingelt der Zusteller bei ihr vergebens. Das Paket bekommt sie trotzdem. Der Nachbar aus dem Erdgeschoss hat es für sie angenommen. Am Abend bringt er es vorbei. Achtzig Stufen hoch. Keine Ursache, gern geschehen.

          Birgit Ochs
          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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