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Neue Häuser : Camouflage im Neubaugebiet

Gut versteckt: Von außen ist das Haus nicht als Holzbau zu erkennen. Bild: Kretzer, Michael

Was tut man nicht alles, um die Nachbarschaft nicht zu verstören? Holz hinter Putz verstecken zum Beispiel. Das kann genau die richtige Entscheidung sein, wie ein Neubau in Griesheim zeigt.

          6 Min.

          Kann ein Holzhaus heute noch provozieren? Nein, sollte man meinen. Schließlich liegt der Holzbau schon seit Jahren im Trend. Zum einen ist der nachwachsende Rohstoff seiner guten Ökobilanz wegen beliebt. Zum anderen lassen sich Holzhäuser vorfertigen, was die Bauzeit verkürzt und relativ günstig sein kann. Außerdem sieht Holz gut aus. All das macht das Material gefragt - auch im Hausbau in der Stadt. In Berlin füllen mittlerweile mehrgeschossige hölzerne Wohnhäuser Baulücken in Gründerzeitquartieren. In Hamburg haben sie im Zuge der Internationalen Bauausstellung den Alpenlook an die Waterkant gebracht. Kaum ein Neubaugebiet im Land, in dem ein „Schwedenhaus“ fehlt. Wer kommt da angesichts der vielen Holzfassaden noch auf die Idee, ein solches Haus für einen möglichen Agent provocateur der Nachbarschaft zu halten? Caroline Gerhard tut es; nicht zu Unrecht.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die junge Frau lebt weder in einem Berliner Szenekiez noch in der Uckermark oder im Allgäu, wo der Holzbau Tradition hat, sondern mit ihrem Mann Sebastian und zwei kleinen Kindern in einem Neubaugebiet in Griesheim bei Darmstadt. Dort baut man mehrheitlich, was den Bauträgern so einfällt: Ein- und Zweifamilienhäuser mit Sattel- oder Walmdächern, Fassaden mit wildem Fenstermuster und Standardgauben. Dazwischen steht das ein oder andere frei geplante Haus, das etwas Besseres sein soll, im Ergebnis aber auch nicht schöner geraten ist als die Bauten von der Stange und vermutlich nur teurer war.

          „Hier ein Haus mit Holzfassade hinzustellen, da war ich dagegen, das hätte nicht gepasst“, sagt die 31 Jahre alte Griesheimerin. Dabei hatten sie und ihr Mann zunächst mit genau so etwas geliebäugelt: einem Haus, das warm, freundlich und gemütlich ist, wie Caroline Gerhard sagt. Was wäre da besser als Holz?

          Ein Exot kam nicht in Frage

          Über ihre Eltern hatten sie die Architektin Monika Krebs kennengelernt, die Erfahrung mit Holzhäusern hat. Gemeinsam unternahmen sie eine Exkursion in den Bregenzer Wald. Die Gegend gilt als Hochburg der zeitgenössischen Holzbaukultur. Doch so beeindruckend die Bauten dort auch waren, zurück in ihrer südhessischen Heimat, kam ihnen ein von Holz ummanteltes Haus gänzlich unpassend vor. Es war nicht die einzige Vorstellung, von der die Bauherren sich im Laufe des Vorhabens verabschieden sollten.

          Anfangs hatten sie gänzlich ausgeschlossen, in einem Neubaugebiet zu bauen. Sebastian Gerhard ist rund 600 Meter Luftlinie entfernt von ihrem heutigen Zuhause aufgewachsen - in einem ehemaligen Neubaugebiet. „Das will man ja nicht unbedingt wiederholen“, sagt der 33-Jährige. Dann aber hätten sie festgestellt, dass die Lage gar nicht so schlecht war: keine weiten Wege zur Arbeit und zum Kindergarten. Das Grundstück war erschwinglich und beide Großeltern in der Nähe, eigentlich ein großes Glück.

          Mögen neue Baugebiete für ihren Wildwuchs bekannt sein und geschmäht werden, die Architektin Monika Krebs vertritt die Ansicht, dass man auch einem solchen Umfeld Rechnung tragen muss, sich nicht dagegenstellen sollte. Das heißt: Egal wo man baut, das Haus muss sich eingliedern. Qualität heißt für sie nicht, dass man mit aller Macht versucht, den anderen zu zeigen, was gute Architektur ist. Anspruch ist für Krebs etwas anderes als Anmaßung. „Ein Exot kam an diesem Standort nicht in Frage“, sagt die Darmstädterin. Deshalb verkniffen sie und die Bauherren sich auf dem 600 Quadratmeter großen Bauplatz im nördöstlichsten Zipfel von Griesheim alles, was dort fremd wirken und die Nachbarschaft vor den Kopf stoßen würde - ein Haus mit Flachdach zum Beispiel oder eben eine Holzverschalung.

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