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Alter Baustoff, neu entdeckt : Architekten bauen Holzhochhäuser

Hoho in Wien: Bald das höchste Holzhochhaus der Welt Bild: Architekten ZT

Holzhäuser sind nur etwas für Landeier? Von wegen. Der Baustoff kommt auch in der Stadt groß raus - an modernen Hochhäusern.

          6 Min.

          Das Bauwesen ist nicht gerade bekannt dafür, mit seinen Begriffen Gefühle zu erzeugen. Pfosten-Riegel-Fassade. Stahlbetonträger. Spüren Sie etwas? Doch fällt das Wort „Holzhaus“, reiht sich in unseren Köpfen sogleich Bild an Bild: Wir sehen die kanadische Blockhütte, das schwedenrote Haus mit Bootssteg, die einsame Berghütte aus verwittertem Fichtenholz. Als offenbar unverzichtbare Beigaben fallen einem gleich noch der knisternde Kamin ein, knarzende Holzdielen und dieser harzige Geruch, der einem auch mit geschlossenen Augen verrät, in was für einem Haus man sich befindet. Die meisten Menschen befällt dieses heimelige, etwas sehnsüchtige Gefühl - nach Gemütlichkeit, einem Zurück zur Natur, Stadtflucht.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wahrscheinlich gibt es nur noch einen anderen Begriff aus der Welt des Bauens, der ebenso starke Bilder hervorruft: Hochhaus. Auch wer daran denkt, denkt das Material gleich mit: Stahl, Beton und Glas, all die Stoffe, aus denen die Moderne gebaut ist und für die das Hochhaus wie kaum ein anderes Symbol steht. Holzhaus und Hochhaus - das sind zwei gefühlte Pole, wobei das eine für Einfachheit und Landleben und das andere für Technologie und Urbanität steht.

          Nicht immer sieht man Holzbauten ihre hölzerne Konstruktion sofort an. So bei diesem 25 Meter hohen Holzhaus in Bad Aibling.

          Doch dieser vermeintliche Widerspruch löst sich immer mehr auf. Denn Holz hat sich auf den Weg in die Innenstädte gemacht. Technische Innovationen im Holzbau, kombiniert mit immer höheren Anforderungen an den Klimaschutz, haben dem archaischen Rohstoff zu einer Renaissance verholfen - zunächst bei kleineren Häusern, doch zunehmend auch bei mehrstöckigen Gebäuden. Überall auf der Welt entstehen Hochhäuser, deren wichtigster Baustoff in den heimischen Wäldern nahezu unbegrenzt nachwächst: Seit Herbst 2014 entsteht im norwegischen Bergen mit „Treet“ ein 50 Meter hoher Holzbau. In Stockholm sollen bald 13 Stockwerke von einer Holzkonstruktion getragen werden, und der kanadische Architekt Michael Green plant, in Vancouver sogar 30 Stockwerke mit verleimten Schichtholzbrettern zu bauen.

          Höchstes Holzhochhaus der Welt

          Nicht nur Länder mit einer reichen Holzbautradition sind in den Wettbewerb um das höchste Holzhaus der Welt eingestiegen: Auch im australischen Melbourne, in Mailand und vor allem in London sind hölzerne Hochhausprojekte entstanden oder in Planung.

          Das wohl höchste Holzhochhaus der Welt wächst seit vergangenem Herbst in den Wiener Himmel. Das Hoho Wien soll eines der Leuchtturmprojekte der Seestadt Aspern werden, einem neuen Stadtteil, der bis 2028 im Nordosten der Hauptstadt auf einem ehemaligen Flugfeld entsteht. 24 Stockwerke, verteilt auf 84 Meter Höhe - bei weitem nicht so eindrucksvoll wie das Burj Khalifa in Dubai, mit 828 Metern derzeit das höchste Gebäude der Welt. Und auch den Vergleich mit dem Empire State Building in New York, das auf 381 Meter kommt, hält es nicht stand. Doch überlegt man, dass der Holzbau bis vor wenigen Jahren noch der Öko-Fraktion unter den Architekten vorbehalten war und vor allem im Bau von Einfamilienhäusern zum Einsatz kam, ist das eine atemberaubende Entwicklung. Vor allem, da das Hoho Wien nach gültigen Vorschriften zum Brandschutz überhaupt nicht gebaut werden dürfte. Auch in Deutschland sind maximal fünf Geschosse in Holzbauweise zulässig, für höhere Varianten bedarf es einer Sondergenehmigung.

          Holz kann Tugenden wie Naturverbundenheit transportieren, wie in diesem Apartment in Slowenien.

          Doch auch mit Blick auf seinen schlechten Ruf als Brandbeschleuniger ist Holz gerade dabei, die gängigen Klischees zu widerlegen. „Holz ist ein extrem guter Baustoff, wenn es brennt, denn er bleibt stabil. Stahl verliert seine Tragfähigkeit deutlich schneller“, sagt Oliver Sterl vom Wiener Architekturbüro Lainer und Partner, die das Hoho Wien geplant haben. Trotzdem mussten die österreichischen Brandschützer erst überzeugt werden. „Wir halten zwar nicht die Bauordnung ein, aber die Schutzziele“, sagt Sterl. Dazu gehört zum Beispiel, dass das Haus 90 Minuten stabil bleiben muss und das Feuer nicht auf andere Gebäude übergreift. Um das zu ermöglichen, wurden unter anderem die Brandabschnitte sehr klein gehalten. Alle Bauteile aus Holz wie Decken oder Stützen sind sichtbar, damit ein Feuer gleich erkannt wird und nicht längere Zeit unter einer abgehängten Decke schwelen kann.

          „Wir haben die Brandschutzziele zur Grundlage unseres Entwurfes gemacht“, sagt Sterl. Die Sichtbarkeit der Holzoberflächen dient nicht nur der Sicherheit, sondern ist auch gestalterisches Konzept. Im Gegensatz zu anderen Holzhochhäusern, in denen der Besucher gar nicht merkt, dass er sich in einem befindet, da die Holzkonstruktion hinter einer Verkleidung aus Gipskarton verschwunden ist, will das Hoho Wien das Material „erlebbar“ machen. „Der Besucher soll sofort spüren, dass er in einem Holzhaus ist“, wünscht sich Sterl. Dabei wird das Hoho kein reinrassiger Holzbau, sondern in Hybridbauweise erstellt: Der Kern mit Aufzugschächten, Treppen und Leitungen ist aus Stahlbeton. Die meisten anderen Bauteile, die schon vorgefertigt angeliefert werden, sind aus Holzbeton oder Holzkomposit. Insgesamt werde der Holzanteil im Haus jedoch 75 Prozent ausmachen, verspricht Sterl.

          Bleibt jedoch die Frage nach dem Warum. Denn günstiger als Stahlbeton ist der Holzbau nicht. Der Investor des Hoho, die Wiener Kerbler Gruppe, rechnet mit Mehrkosten von etwa 10 Prozent im Vergleich zu einer herkömmlichen Bauweise. Ist es also ein reiner Marketinggag, um Mieter wie die Wellnessbranche oder Hotels für das Haus zu gewinnen? „Keineswegs!“, sagt Sterl und preist die Eigenschaften des Baustoffs: für die Gebäudedämmung, das Raumklima, seine guten ökologischen Eigenschaften und nicht zuletzt die hohe Verfügbarkeit: „In Österreich ist fast die Hälfte des Bundesgebiets von Wald bedeckt. Es wächst so viel, dass wir gar nicht alles verbrauchen“, sagt Sterl.

          Die europäische Schule in Frankfurt ist in Rekordzeit in Modulbauweise aus Haus erweitert worden.

          Mit seiner Begeisterung für das Material ist er nicht allein. Immer mehr Architekten und Bauherren kommen auf den Holztrip. Sind die klimatischen Bedingungen günstig, benötigt der Rohstoff in der Herstellung nicht mehr als Licht, Luft, Erde und Wasser. Zudem verwandelt Holz schädliches Kohlendioxid in Sauerstoff. Die Verarbeitung von Bäumen zu Bauholz verbraucht viel weniger Energie als die Herstellung von Stahl, Beton oder gar Aluminium. Es ist bei gleicher Tragfähigkeit leichter als Stahl und fast so druckfest wie Beton. Ein echter Wunderstoff. Doch wenn die Vorteile auf der Hand liegen - warum sind in Deutschland weniger als 3 Prozent der mehrgeschossigen Bauten aus diesem Material gebaut?

          „Holz ist immer noch mit vielen Vorurteilen belastet“, sagt der Architekt Tom Kaden. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Partner Tom Klingbeil baute er 2008 das erste siebenstöckige Holzhaus in der Berliner Innenstadt und gilt seitdem als Pionier des mehrgeschossigen Holzbaus in Deutschland. Die Leute assoziierten mit Holzhäusern die Baracken der Nachkriegszeit, die im Sommer zu heiß seien und im Winter zu kalt, die lichterloh brennen und bei Nässe faulen. Völlig zu Unrecht, wie er findet: „Ich bin kein Ideologe, aber Holz ist den meisten anderen Materialien bauphysikalisch einfach überlegen“, sagt Kaden.

          Dabei hat das Hightech-Holz von heute mit den Sperrholzplatten der vierziger Jahre etwa so viel gemein wie ein Tesla-Sportwagen mit einem VW Käfer. Waren Latten, Balken und Dielen in ihrer Dimension früher auf die Maße eines Baumes beschränkt, können Holzbauteile heute in jeder gewünschten Größe hergestellt werden. Auch das ist ein echter Vorzug gegenüber einer herkömmlichen Bauweise: Anstatt von den Wetterbedingungen auf der Baustelle abhängig zu sein, werden Holzbauteile in der Fabrik vorgefertigt und vor Ort nur noch zusammengesetzt, weswegen die Bauzeit von Holzhäusern sehr viel kürzer ist. In Frankfurt wurde gerade ein Schulgebäude in rekordverdächtigen drei Monaten aufgebaut.

          Die Entdeckung des Holzbaus für die Zukunft hat auch viel mit einer Rückbesinnung zu tun. Tugenden wie Naturnähe und Einfachheit, die dem Holz zugeschrieben werden, entsprechen dem Zeitgeist. „Es gibt viele alte Techniken und Traditionen, die nahezu vergessen wurden. Wir versuchen sie wieder zu entdecken und neu zu interpretieren“, sagt Spela Videčnik. Die slowenische Architektin hat vor 18 Jahren das Büro Ofis in Ljubljana gegründet und lehrt zudem Architektur in Harvard. Ihr Heimatland hat eine reiche Holzbautradition, vor allem in der Alpenregion. Dieser will sie neues Leben einhauchen. Ihr Ansatz ist keineswegs nostalgisch: „Die alten Holzhäuser in den Bergen haben oft Jahrhunderte unter extremen Wetterbedingungen auf holprigem Terrain überdauert. Wir wollen das Material und Technik erforschen, um in Zukunft davon zu profitieren“, erläutert Videčnik ihr Interesse.

          Alpines Forschungslabor: Diese Schutzhütte für acht Wanderer in den slowenischen Alpen soll beweisen, wie wetterfest Holz ist.

          Ihr wohl spektakulärstes Projekt hat sie gerade gemeinsam mit Harvard-Studenten entwickelt: Mehrere Schutzhütten, deren Entwürfe sich auf slowenische Holzbautraditionen berufen, sollen auf den Bergspitzen Wanderern Schutz bieten und einen Ausblick auf die spektakuläre Landschaft ermöglichen. Nur 12 Quadratmeter groß, beherbergen sie bis zu acht Personen und müssen langfristig Wind und Regen, Geröll und Schnee, Hitze und Sturm trotzen. Die erste Hütte wurde im vergangenen Herbst in den Steiner Alpen unterhalb des Berges Skuta aufgestellt und hielt dabei nicht nur die Architekten, sondern auch 60 freiwillige Helfer und die slowenische Armee in Atem. Denn die Bauteile mussten einzeln vom Hubschrauber auf den Berg transportiert werden und dann in Windeseile zusammengebaut werden. „Das Wetter musste perfekt sein, und die einzelnen Teile durften höchstens 1800 Kilogramm schwer sein - das Maximalgewicht, das ein Hubschrauber transportieren kann“, sagt Videčnik. „Wir waren ganz schön nervös.“ Es dauerte mehrere Anläufe, bis die Bauteile an langen Seilen auf den Berg geflogen werden konnten. Mal passte das Wetter nicht, dann machte der Pilot einen Fehler. Nicht die Holzkonstruktion kam beim Aufbau an ihre Grenzen, sondern das slowenische Militär.

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