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Lärm in der Wohnung : Alles Schall und Raum

Offener Grundriss, kein Teppich, glatte Oberflächen - da wird das Kindergeschrei schnell zum ganz besonderen Klangerlebnis. Bild: Laif

Krach nervt, vor allem wenn er in die eigenen vier Wände dringt. Doch nicht nur Flugzeuge und Nachbarn erhöhen den Schallpegel. Moderne Architektur und Einrichtung tun ihr Übriges.

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          Mit einem unscheinbaren Zettel im Briefkasten fing alles an: „In den nächsten Monaten kann es bedingt durch Bauarbeiten zu erhöhter Lärmbelastung kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis“, stand darauf. Das direkt an den Fünfziger-Jahre-Bau angrenzende Wohnhaus im Frankfurter Ostend sollte kernsaniert, ein weiteres Haus im Hinterhof neu gebaut werden. Am nächsten Morgen um 7 Uhr setzte der Presslufthammer ein und gönnte sich auch samstags keine Pause. Mit jedem Hämmern und Bohren wackelten die Wände, und die einfach verglasten Fenster nach hinten zum Hof erzitterten. Was rechtlich in Ordnung war, trieb die Bewohner mehr als ein Jahr lang fast in den Wahnsinn.

          Anne-Christin Sievers
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Lärm geht an die Nerven, vor allem, wenn man ihm in der eigenen Wohnung schutzlos ausgeliefert ist. Selbst wenn die Störenfriede Gesetze und Ruhezeiten einhalten, fühlt sich der Bewohner manchmal wie mitten auf einem Kinderspielplatz, einer Verkehrsinsel oder in einer Konzerthalle. Nach repräsentativen Umfragen des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2014 stören sich die Deutschen mit 54 Prozent am meisten am Straßenlärm. Immerhin 40 Prozent der Befragten nervt der Krach der Nachbarn besonders. Auf Platz 3 der Lärmbelästigungen folgt Industrie- und Gewerbelärm mit etwas mehr als 20 Prozent. Donnert das Flugzeug alle paar Minuten über das Dach oder gibt die Baustelle nebenan über Monate hinweg keine Ruhe, nervt das nicht nur. Der Krach macht auf Dauer krank, wie verschiedene Studien gezeigt haben: Das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Schlafstörungen und Depressionen steigt.

          „Lärm wird meist als unerwünschter Klang definiert“, sagt der Berliner Thomas Kusitzky, der zu auditiver Architektur und Stadtplanung forscht. „Dabei hängt es weniger vom Pegel ab, ob ich einen Klang in einer bestimmten Situation akzeptiere oder nicht, als vom Empfinden des Einzelnen.“ Flug- oder Baulärm stört ab einer gewissen Lautstärke fast jeden. Bei vielen anderen Geräuschquellen liegt nicht klar auf der Hand, ob es sich um angenehmen Klang oder Lärm handelt. Wer in der eigenen Wohnung seine Lieblingsmusik laut aufdreht, produziert bestimmt mehr Dezibel als die Schritte des ungeliebten Nachbarn im Stockwerk drüber - auch wenn die weitaus mehr nerven. Entscheidend ist, ob der Bewohner die Geräusche selbst kontrollieren kann, welche Beziehung er zum Verursacher hat und ob er die Klänge als unvermeidlich bewertet. „Eine Sirene akzeptieren wir meist mehr als das Rasenmähen am Sonntagmorgen.“

          Im urbanen Raum nehmen die Lärmquellen zu. An immer mehr Ecken in der Stadt wird gebaut, um neuen Wohnraum zu schaffen, immer mehr Anwohner beschweren sich über jugendliche Partyhorden an öffentlichen Plätzen, über das nächtliche Geratter der Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster. „Außerdem wohnen wir motorisierter als früher“, sagt Christian Popp. Er ist Ingenieur und Geschäftsführer der Hamburger Firma Lärmkontor, die ihre Kunden unter anderem in bauakustischen Belangen berät. Das reicht vom Laubbläser über den besonders leistungsstarken Staubsauger bis hin zu Profikaffeemaschine und Küchenmixer. Ist der Platz in den Metropolen knapp und teuer, rücken sich die Bewohner durch die verdichtete Bauweise näher auf die Pelle. Selbst wenn jede einzelne Lärmquelle die Grenzwerte einhält, addieren sie sich am Ende und verstärken so den Gesamteindruck.

          Eigentlich dürfte Krach von draußen und aus der Nachbarwohnung kein Problem sein. Denn dafür gibt es in Deutschland, wie für so vieles, eine Norm. Die DIN 4109 regelt den festgelegten Mindeststandard in Sachen Schallschutz und -dämmung. Sie rangiert aber auf der Qualitätsskala am unteren Ende. Selbst wenn der Bauträger sie eingehalten hat, muss der Bewohner oft noch der Klospülung des Nachbarn oder trotz geschlossenem Fenster der Straßenbahn draußen lauschen. Manche Bauherren denken auch, sie könnten aus Kostengründen am Schallschutz sparen - obwohl die Mindestanforderungen ihnen bekannt sein dürften.

          „Viele Räume sind zu hallig, um in ihnen zu leben“

          Außerdem gelten diese Vorschriften nur für Neubauten. In bestehenden Gebäuden braucht nur der Standard eingehalten werden, der zum Zeitpunkt des Baus galt. Der Bundesgerichtshof hat im Jahr 2010 entschieden, dass Mieter keinen Anspruch auf eine bessere Schalldämmung haben, als zur Zeit der Errichtung des Hauses in DIN-Normen festgelegt war. Deshalb verfehlen viele Altbauten die Mindestanforderungen.

          Nachrüsten kann man zwar, sagt Bauakustik-Experte Popp. Hier eignet sich etwa schwimmender Estrich, der mit einer Dämmschicht dem Tritthall auf nacktem Parkett entgegenwirkt. „Oder man hängt eine zweite Decke unter die vorhandene und füllt den entstehenden Zwischenraum mit absorbierendem Material“, rät Popp. Doch das verringert die Raumhöhe, die gerade den besonderen Charme von Altbauwohnungen ausmacht. Außerdem lohnt es sich meist nur für Haus- oder Wohnungsbesitzer, solche baulichen Maßnahmen vorzunehmen. Denn Mieter müssen die Veränderungen wieder rückgängig machen, wenn sie ausziehen. Da ist es wohl einfacher, sich im Zweifelsfall eine andere Wohnung zu suchen.

          Wer eine neue Bleibe kauft, sollte über Schalldämmung und Raumakustik nachdenken. Denn nachher kann er baulich oft wenig ändern, wenn es hellhörig ist oder ihn Geräusche über die Maße nerven. Dabei ist aber nicht nur entscheidend, dass kein Lärm von außen in die eigenen vier Wände dringt, sondern auch wie die Räume selbst von innen klingen.

          Davon kann Sabine Fischer ein Lied singen. Die Innenarchitektin aus Kelkheim im Taunus hat sich auf Raumakustik spezialisiert und hilft Menschen in ganz Deutschland, denen in ihrer eigenen Wohnung das Hören vergeht. „Der Mensch sucht immer nach einer Balance zwischen den optischen und akustischen Eindrücken im Raum“, sagt Fischer. Doch gerade dieses Gleichgewicht droht in der modernen Architektur und bei puristischen Einrichtungsstilen ins Wanken zu geraten. „Viele betrachten ein Gebäude nur aus der visuellen Perspektive und richten es dementsprechend ein“, so Fischer. Ist der Grundriss offen, sind die Möbel stylisch, sieht es aus wie in der Wohnzeitschrift? „Das ist aber nicht alles. Viele Räume sind zu hallig, um in ihnen zu leben.“

          Hippe Bewohner wünschen sich viel Licht, loftige weitläufige Wohnetagen um die 60 Quadratmeter, die einen freien Blick bieten, vielleicht noch eine offene Treppe - dazu reißen sie auch schon mal Türen und Trennwände heraus. Die Wände und Decken sind nüchtern verputzt, auf dem Boden liegt schickes Parkett mit Fußbodenheizung, vor den Fenstern hängen Rollos und Lamellen. Möbel wie Betonhocker, Glastisch und Designer-Plastikstuhl liegen voll im Trend. Coole und schallharte Oberflächen dominieren.

          Doch was gut aussieht, hört sich nicht unbedingt gut an - oft sogar im Gegenteil. „Weiche, absorbierende Materialien fehlen komplett in unseren heutigen Wohnräumen“, konstatiert die Innenarchitektin. Die Folge: eine hohe Nachhallzeit. Wie bei einem Pingpong-Spiel prallt der Schall zwischen den Wänden in großem Gewummer hin und her. Wenn sich dann viele Klänge und Stimmen überlagern - der Fernseher dröhnt, das Geschirr klirrt, die Kinder schreien -, entsteht ein übermäßiger Schallpegel. Liegt die Nachhallzeit deutlich über 0,5 Sekunden, mindert das die Sprachverständlichkeit, die Hörbarkeit und damit die Lebensqualität erheblich. „Menschen geraten in akustisch schlecht gestalteten Räumen aus dem Gleichgewicht und erleiden gesundheitliche Schäden.“ Das führt laut Fischer zu Hyperaktivität, Nervosität und Konzentrationsschwierigkeiten.

          Wer trotz offenem Grundriss lärmarm wohnen möchte, für den hat die Innenarchitektin ein paar Tipps parat: Mit schönen Gardinen vor den Fenstern, langflorigen Teppichen auf dem Boden, Kissen, weichen Sofas und Tischdecken lässt sich der Schall schon erheblich dämpfen. Auch Raumteiler, Tapeten und Wandbespannungen können etwas bewirken. Bei sehr großen Wohnetagen richte man damit aber wenig aus, sagt Fischer. „Die Dämpfung ist nicht nur mit Interior Design machbar.“ Teilweise müssen schalldämpfende Abhangdecken oder Wände eingebaut werden, etwa über offenen Küchen, damit man wieder an der Theke sitzen und sich unterhalten kann.

          Urbaner Klang ist nicht nur Abfall

          Design und Architektur vernachlässigen oft den Klang, bestätigt auch Popp. „Eine akustische Wirkung lässt sich nur akustisch vermitteln und nicht abstrakt erklären“, meint der Ingenieur. „Da gibt es zwischen Akustikern und Architekten oft Kommunikationsprobleme.“ Für Architekten simulieren Popp und sein Team deshalb Räume akustisch. Sie geben ihnen Kopfhörer auf die Ohren, und meist setzt ein Aha-Effekt ein, wenn die Augenmenschen selbst hören, wie etwa eine Wohnung mit und ohne absorbierende Decke klingt.

          Was innen gilt, gilt außen nicht minder: Baute man früher üppig mit Giebeln, Erkern und Arkaden oder verzierte das Gründerzeithaus mit feinen Ornamenten, so dominieren in modernen Neubauvierteln vor allem Fassaden ohne Struktur - aalglatt, aus Stein, Metall oder Glas. „Das ist ein großes Problem im Städtebau“, sagt Bauakustiker Popp. „Glatte Oberflächen reflektieren Geräusche sehr stark. Stehen die Gebäude dann noch parallel zueinander, entwickeln sich zwischen den Häuserschluchten besonders aggressive Schallereignisse.“ Die ebenen Flächen werden zu Verstärkern, die etwa Gespräche der Nachbarn im Innenhof an lauen Sommernächten die Mauern hochprallen lassen.

          Abhilfe schaffen bepflanzte Häuserfronten, Bäume sowie grüne Oasen in der Stadt. Auch Gebäude versetzt statt schachbrettartig auf dem Stadtplan anzuordnen, bricht den Schall, ebenso wie Loggien, Balkone und Wintergärten. Oder man montiert schallabsorbierende Fassaden mit gelochten Blechen vor die Häuserwand, die den Straßenlärm schlucken. Solche Lochblech-Wände kamen etwa in der Hamburger Hafencity zum Einsatz, einem Vorzeigeprojekt in Sachen Lärmvermeidung. Trotz Baulärm, Kreuzfahrtschiffen und Touristenströmen sind die Bewohner in ihren vier Wänden nicht mehr als 30 Dezibel ausgesetzt. Ein Gebäude direkt an der Straße diente als Lärmschutzriegel, damit der Schall nicht in die Apartments und das dahinter liegende Gelände vordringt. Außerdem wurden spezielle Kastenfenster konstruiert, die selbst dann kaum Geräusche nach innen lassen, wenn die Bewohner in der Nacht mit gekipptem Fenster schlafen.

          Zur Lärmvermeidung in der Stadt gibt es laut Klangforscher Kusitzky schon viele Maßnahmen wie in der Hamburger Hafencity: Umgehungsstraßen, die den Verkehr umleiten, Flüsterasphalt, auf dem die Autos leiser rollen, Schallschutzfenster und -mauern. Doch eines sei all diesen Konzepten gemeinsam: „Klang wird als potentieller Abfall betrachtet“, meint der Wissenschaftler. „Dabei ist er wichtig für unser städtisches Leben, unsere Orientierung im urbanen Raum, für die kulturelle Identität einer Metropole.“

          Niemand wolle ja eine stille, eine tote Stadt. Genauso wenig wie eine komplett geräuschfreie Wohnung: Vielleicht ist es auch schön, die eigenen Kinder bei geschlossenem Fenster im Hof spielen zu hören? Oder wahrzunehmen, dass andere Menschen mit im Haus leben, man integriert ist in eine Gemeinschaft? Deshalb möchte Kusitzky ein Bewusstsein für Klang als positive Ressource in Architektur und Stadtplanung schaffen. Vielleicht können wir leisere Elektrogeräte kaufen oder im Garten eine Nistmöglichkeit für Vögel schaffen und ihrem Zwitschern lauschen? Denn ob wir wollen oder nicht: „Wir alle produzieren in unserem näheren Wohnumfeld Klänge“, sagt Kusitzky. „Aber wir können bewusster darauf achten und gestalten, welche das sind.“

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