https://www.faz.net/-gqe-8aqia

Lärm in der Wohnung : Alles Schall und Raum

Offener Grundriss, kein Teppich, glatte Oberflächen - da wird das Kindergeschrei schnell zum ganz besonderen Klangerlebnis. Bild: Laif

Krach nervt, vor allem wenn er in die eigenen vier Wände dringt. Doch nicht nur Flugzeuge und Nachbarn erhöhen den Schallpegel. Moderne Architektur und Einrichtung tun ihr Übriges.

          7 Min.

          Mit einem unscheinbaren Zettel im Briefkasten fing alles an: „In den nächsten Monaten kann es bedingt durch Bauarbeiten zu erhöhter Lärmbelastung kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis“, stand darauf. Das direkt an den Fünfziger-Jahre-Bau angrenzende Wohnhaus im Frankfurter Ostend sollte kernsaniert, ein weiteres Haus im Hinterhof neu gebaut werden. Am nächsten Morgen um 7 Uhr setzte der Presslufthammer ein und gönnte sich auch samstags keine Pause. Mit jedem Hämmern und Bohren wackelten die Wände, und die einfach verglasten Fenster nach hinten zum Hof erzitterten. Was rechtlich in Ordnung war, trieb die Bewohner mehr als ein Jahr lang fast in den Wahnsinn.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Lärm geht an die Nerven, vor allem, wenn man ihm in der eigenen Wohnung schutzlos ausgeliefert ist. Selbst wenn die Störenfriede Gesetze und Ruhezeiten einhalten, fühlt sich der Bewohner manchmal wie mitten auf einem Kinderspielplatz, einer Verkehrsinsel oder in einer Konzerthalle. Nach repräsentativen Umfragen des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2014 stören sich die Deutschen mit 54 Prozent am meisten am Straßenlärm. Immerhin 40 Prozent der Befragten nervt der Krach der Nachbarn besonders. Auf Platz 3 der Lärmbelästigungen folgt Industrie- und Gewerbelärm mit etwas mehr als 20 Prozent. Donnert das Flugzeug alle paar Minuten über das Dach oder gibt die Baustelle nebenan über Monate hinweg keine Ruhe, nervt das nicht nur. Der Krach macht auf Dauer krank, wie verschiedene Studien gezeigt haben: Das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Schlafstörungen und Depressionen steigt.

          „Lärm wird meist als unerwünschter Klang definiert“, sagt der Berliner Thomas Kusitzky, der zu auditiver Architektur und Stadtplanung forscht. „Dabei hängt es weniger vom Pegel ab, ob ich einen Klang in einer bestimmten Situation akzeptiere oder nicht, als vom Empfinden des Einzelnen.“ Flug- oder Baulärm stört ab einer gewissen Lautstärke fast jeden. Bei vielen anderen Geräuschquellen liegt nicht klar auf der Hand, ob es sich um angenehmen Klang oder Lärm handelt. Wer in der eigenen Wohnung seine Lieblingsmusik laut aufdreht, produziert bestimmt mehr Dezibel als die Schritte des ungeliebten Nachbarn im Stockwerk drüber - auch wenn die weitaus mehr nerven. Entscheidend ist, ob der Bewohner die Geräusche selbst kontrollieren kann, welche Beziehung er zum Verursacher hat und ob er die Klänge als unvermeidlich bewertet. „Eine Sirene akzeptieren wir meist mehr als das Rasenmähen am Sonntagmorgen.“

          Im urbanen Raum nehmen die Lärmquellen zu. An immer mehr Ecken in der Stadt wird gebaut, um neuen Wohnraum zu schaffen, immer mehr Anwohner beschweren sich über jugendliche Partyhorden an öffentlichen Plätzen, über das nächtliche Geratter der Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster. „Außerdem wohnen wir motorisierter als früher“, sagt Christian Popp. Er ist Ingenieur und Geschäftsführer der Hamburger Firma Lärmkontor, die ihre Kunden unter anderem in bauakustischen Belangen berät. Das reicht vom Laubbläser über den besonders leistungsstarken Staubsauger bis hin zu Profikaffeemaschine und Küchenmixer. Ist der Platz in den Metropolen knapp und teuer, rücken sich die Bewohner durch die verdichtete Bauweise näher auf die Pelle. Selbst wenn jede einzelne Lärmquelle die Grenzwerte einhält, addieren sie sich am Ende und verstärken so den Gesamteindruck.

          Eigentlich dürfte Krach von draußen und aus der Nachbarwohnung kein Problem sein. Denn dafür gibt es in Deutschland, wie für so vieles, eine Norm. Die DIN 4109 regelt den festgelegten Mindeststandard in Sachen Schallschutz und -dämmung. Sie rangiert aber auf der Qualitätsskala am unteren Ende. Selbst wenn der Bauträger sie eingehalten hat, muss der Bewohner oft noch der Klospülung des Nachbarn oder trotz geschlossenem Fenster der Straßenbahn draußen lauschen. Manche Bauherren denken auch, sie könnten aus Kostengründen am Schallschutz sparen - obwohl die Mindestanforderungen ihnen bekannt sein dürften.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gergely Karácsony auf einer Aufnahme vom März 2018

          Kommunalwahlen in Ungarn : Orbans Fidesz verliert Budapest

          In Ungarns Großstädten hat die Partei von Regierungschef Viktor Orban einen schweren Stand. Der künftige Bürgermeister von Budapest will die Hauptstadt „transparent, solidarisch und grün“ machen.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.