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Lärm in der Wohnung : Alles Schall und Raum

Wer trotz offenem Grundriss lärmarm wohnen möchte, für den hat die Innenarchitektin ein paar Tipps parat: Mit schönen Gardinen vor den Fenstern, langflorigen Teppichen auf dem Boden, Kissen, weichen Sofas und Tischdecken lässt sich der Schall schon erheblich dämpfen. Auch Raumteiler, Tapeten und Wandbespannungen können etwas bewirken. Bei sehr großen Wohnetagen richte man damit aber wenig aus, sagt Fischer. „Die Dämpfung ist nicht nur mit Interior Design machbar.“ Teilweise müssen schalldämpfende Abhangdecken oder Wände eingebaut werden, etwa über offenen Küchen, damit man wieder an der Theke sitzen und sich unterhalten kann.

Urbaner Klang ist nicht nur Abfall

Design und Architektur vernachlässigen oft den Klang, bestätigt auch Popp. „Eine akustische Wirkung lässt sich nur akustisch vermitteln und nicht abstrakt erklären“, meint der Ingenieur. „Da gibt es zwischen Akustikern und Architekten oft Kommunikationsprobleme.“ Für Architekten simulieren Popp und sein Team deshalb Räume akustisch. Sie geben ihnen Kopfhörer auf die Ohren, und meist setzt ein Aha-Effekt ein, wenn die Augenmenschen selbst hören, wie etwa eine Wohnung mit und ohne absorbierende Decke klingt.

Was innen gilt, gilt außen nicht minder: Baute man früher üppig mit Giebeln, Erkern und Arkaden oder verzierte das Gründerzeithaus mit feinen Ornamenten, so dominieren in modernen Neubauvierteln vor allem Fassaden ohne Struktur - aalglatt, aus Stein, Metall oder Glas. „Das ist ein großes Problem im Städtebau“, sagt Bauakustiker Popp. „Glatte Oberflächen reflektieren Geräusche sehr stark. Stehen die Gebäude dann noch parallel zueinander, entwickeln sich zwischen den Häuserschluchten besonders aggressive Schallereignisse.“ Die ebenen Flächen werden zu Verstärkern, die etwa Gespräche der Nachbarn im Innenhof an lauen Sommernächten die Mauern hochprallen lassen.

Abhilfe schaffen bepflanzte Häuserfronten, Bäume sowie grüne Oasen in der Stadt. Auch Gebäude versetzt statt schachbrettartig auf dem Stadtplan anzuordnen, bricht den Schall, ebenso wie Loggien, Balkone und Wintergärten. Oder man montiert schallabsorbierende Fassaden mit gelochten Blechen vor die Häuserwand, die den Straßenlärm schlucken. Solche Lochblech-Wände kamen etwa in der Hamburger Hafencity zum Einsatz, einem Vorzeigeprojekt in Sachen Lärmvermeidung. Trotz Baulärm, Kreuzfahrtschiffen und Touristenströmen sind die Bewohner in ihren vier Wänden nicht mehr als 30 Dezibel ausgesetzt. Ein Gebäude direkt an der Straße diente als Lärmschutzriegel, damit der Schall nicht in die Apartments und das dahinter liegende Gelände vordringt. Außerdem wurden spezielle Kastenfenster konstruiert, die selbst dann kaum Geräusche nach innen lassen, wenn die Bewohner in der Nacht mit gekipptem Fenster schlafen.

Zur Lärmvermeidung in der Stadt gibt es laut Klangforscher Kusitzky schon viele Maßnahmen wie in der Hamburger Hafencity: Umgehungsstraßen, die den Verkehr umleiten, Flüsterasphalt, auf dem die Autos leiser rollen, Schallschutzfenster und -mauern. Doch eines sei all diesen Konzepten gemeinsam: „Klang wird als potentieller Abfall betrachtet“, meint der Wissenschaftler. „Dabei ist er wichtig für unser städtisches Leben, unsere Orientierung im urbanen Raum, für die kulturelle Identität einer Metropole.“

Niemand wolle ja eine stille, eine tote Stadt. Genauso wenig wie eine komplett geräuschfreie Wohnung: Vielleicht ist es auch schön, die eigenen Kinder bei geschlossenem Fenster im Hof spielen zu hören? Oder wahrzunehmen, dass andere Menschen mit im Haus leben, man integriert ist in eine Gemeinschaft? Deshalb möchte Kusitzky ein Bewusstsein für Klang als positive Ressource in Architektur und Stadtplanung schaffen. Vielleicht können wir leisere Elektrogeräte kaufen oder im Garten eine Nistmöglichkeit für Vögel schaffen und ihrem Zwitschern lauschen? Denn ob wir wollen oder nicht: „Wir alle produzieren in unserem näheren Wohnumfeld Klänge“, sagt Kusitzky. „Aber wir können bewusster darauf achten und gestalten, welche das sind.“

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