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Lärm in der Wohnung : Alles Schall und Raum

„Viele Räume sind zu hallig, um in ihnen zu leben“

Außerdem gelten diese Vorschriften nur für Neubauten. In bestehenden Gebäuden braucht nur der Standard eingehalten werden, der zum Zeitpunkt des Baus galt. Der Bundesgerichtshof hat im Jahr 2010 entschieden, dass Mieter keinen Anspruch auf eine bessere Schalldämmung haben, als zur Zeit der Errichtung des Hauses in DIN-Normen festgelegt war. Deshalb verfehlen viele Altbauten die Mindestanforderungen.

Nachrüsten kann man zwar, sagt Bauakustik-Experte Popp. Hier eignet sich etwa schwimmender Estrich, der mit einer Dämmschicht dem Tritthall auf nacktem Parkett entgegenwirkt. „Oder man hängt eine zweite Decke unter die vorhandene und füllt den entstehenden Zwischenraum mit absorbierendem Material“, rät Popp. Doch das verringert die Raumhöhe, die gerade den besonderen Charme von Altbauwohnungen ausmacht. Außerdem lohnt es sich meist nur für Haus- oder Wohnungsbesitzer, solche baulichen Maßnahmen vorzunehmen. Denn Mieter müssen die Veränderungen wieder rückgängig machen, wenn sie ausziehen. Da ist es wohl einfacher, sich im Zweifelsfall eine andere Wohnung zu suchen.

Wer eine neue Bleibe kauft, sollte über Schalldämmung und Raumakustik nachdenken. Denn nachher kann er baulich oft wenig ändern, wenn es hellhörig ist oder ihn Geräusche über die Maße nerven. Dabei ist aber nicht nur entscheidend, dass kein Lärm von außen in die eigenen vier Wände dringt, sondern auch wie die Räume selbst von innen klingen.

Davon kann Sabine Fischer ein Lied singen. Die Innenarchitektin aus Kelkheim im Taunus hat sich auf Raumakustik spezialisiert und hilft Menschen in ganz Deutschland, denen in ihrer eigenen Wohnung das Hören vergeht. „Der Mensch sucht immer nach einer Balance zwischen den optischen und akustischen Eindrücken im Raum“, sagt Fischer. Doch gerade dieses Gleichgewicht droht in der modernen Architektur und bei puristischen Einrichtungsstilen ins Wanken zu geraten. „Viele betrachten ein Gebäude nur aus der visuellen Perspektive und richten es dementsprechend ein“, so Fischer. Ist der Grundriss offen, sind die Möbel stylisch, sieht es aus wie in der Wohnzeitschrift? „Das ist aber nicht alles. Viele Räume sind zu hallig, um in ihnen zu leben.“

Hippe Bewohner wünschen sich viel Licht, loftige weitläufige Wohnetagen um die 60 Quadratmeter, die einen freien Blick bieten, vielleicht noch eine offene Treppe - dazu reißen sie auch schon mal Türen und Trennwände heraus. Die Wände und Decken sind nüchtern verputzt, auf dem Boden liegt schickes Parkett mit Fußbodenheizung, vor den Fenstern hängen Rollos und Lamellen. Möbel wie Betonhocker, Glastisch und Designer-Plastikstuhl liegen voll im Trend. Coole und schallharte Oberflächen dominieren.

Doch was gut aussieht, hört sich nicht unbedingt gut an - oft sogar im Gegenteil. „Weiche, absorbierende Materialien fehlen komplett in unseren heutigen Wohnräumen“, konstatiert die Innenarchitektin. Die Folge: eine hohe Nachhallzeit. Wie bei einem Pingpong-Spiel prallt der Schall zwischen den Wänden in großem Gewummer hin und her. Wenn sich dann viele Klänge und Stimmen überlagern - der Fernseher dröhnt, das Geschirr klirrt, die Kinder schreien -, entsteht ein übermäßiger Schallpegel. Liegt die Nachhallzeit deutlich über 0,5 Sekunden, mindert das die Sprachverständlichkeit, die Hörbarkeit und damit die Lebensqualität erheblich. „Menschen geraten in akustisch schlecht gestalteten Räumen aus dem Gleichgewicht und erleiden gesundheitliche Schäden.“ Das führt laut Fischer zu Hyperaktivität, Nervosität und Konzentrationsschwierigkeiten.

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