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London : Ein Schuhkarton zum Wohnen

  • -Aktualisiert am

So gemütlich lebt es sich in London Bild: Rightmove

Wie mies darf ein Appartement gerade noch sein? Für eine Wohnung in einem angesagten Londoner Stadtteil nehmen Mieter fast alles in Kauf – horrende Preise sowieso. Die Bezirksverwaltung von Islington setzt dem nun Grenzen.

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          Den Briten wird – nicht ganz zu Unrecht – gern nachgesagt, sie verbrächten ihre Freizeit mit Vorliebe in der Kneipe. Ob auf ein schnelles Bier (oder fünf) nach der Arbeit, zum Fußball- oder Rugby-Gucken am Wochenende oder einfach nur, um den eigenen vier Wänden zu entkommen: wenn man auf der Insel jemanden besuchen will und ihn nicht zu Hause antrifft, findet man ihn oft im Pub um die Ecke.

          Nun behaupten böse Zungen, diese Vorliebe ließe sich hauptsächlich auf die exzessiven britischen Trinkgewohnheiten zurückführen. Doch dieses Vorurteil greift viel zu kurz. Denn zumindest die Londoner haben seit geraumer Zeit einen viel pragmatischeren Grund, ihre Stammkneipe als Wohnzimmer zu betrachten: Zu Hause ist schlicht zu wenig Platz. Wie beengt die Wohnverhältnisse in der britischen Hauptstadt mittlerweile sind, konnten Außenstehende in der vergangenen Woche an einem besonders eklatanten Beispiel verfolgen: Ein Immobilienmakler hatte im Stadtteil Islington, einem der Trendquartiere der nördlichen Innenstadt unweit des Bahnhofs King’s Cross, eine Studiowohnung für 737 Pfund (etwas mehr als 900 Euro) im Monat angeboten. Die Ausstattung der Wohnung ist extrem bescheiden: Auf Fotos wirkt es so, als habe jemand nur Tisch, Schrank und Bett in eine ohnehin schon winzige Küche älteren Datums gequetscht. Weder Küchenschrank noch Wohnungstür lassen sich vernünftig öffnen, von möglichen Sitzgelegenheiten für potentielle Trinkkumpane soll erst gar nicht die Rede sein.

          Nun sind die Londoner wohnungstechnisch abgehärtet: Bröckelnder Putz und Schimmel im Bad sind Standard, wer im November um Reparatur einer defekten Heizung bittet, bekommt auch schon mal zu hören, es friere doch noch gar nicht. Mittlerweile hat jeder Londoner, der nicht mit einem größeren Familienerbe oder einer besonders ertragreichen Stelle in der Finanzbranche gesegnet ist, mindestens eine Leidensgeschichte zum Thema Wohnungssuche in petto.

          Auf die Zahl der Zimmer kommt es an, nicht auf Quadratmeter

          Wohl auch deswegen avancierte der „Schuhkarton“, wie die britische Presse die Wohnung weniger spöttisch als zutreffend titulierte, schnell zum Symbol für den wahnwitzigen Immobilienmarkt. Dort sind die ohnehin schon horrenden Preise im vergangenen Jahr noch einmal um 20 Prozent gestiegen, ein Ende ist nicht in Sicht. Sogar der ein oder andere Hedgefonds-Manager denkt deswegen mittlerweile darüber nach, in zwei Zugstunden entfernte Orte im Grüngürtel zu ziehen, um der Kombination aus irrsinnig hohen Preisen und irrsinnig niedriger Wohnqualität zu entkommen.

          Der Nachfrage in der Stadt tut das allerdings bisher keinen Abbruch. Auch der „Schuhkarton“ stieß auf großes Interesse: Bei dem Immobilienmakler, der das Angebot veröffentlicht hatte, gingen innerhalb weniger Stunden Dutzende von Anfragen ein, weniger als einen Tag nach Veröffentlichung des Angebots war die Wohnung auch schon vermietet. Das dürfte auch daran liegen, dass das Studio – minimaler Komfort hin oder her – für seine Lage eigentlich sogar noch recht günstig war: Die Durchschnittspreise für Studiowohnungen liegen in Islington schon jetzt weit jenseits von 1.000 Euro im Monat. Und weil die Briten eher nach Zahl der Zimmer als nach Quadratmetern rechnen, sind kleinere Wohnungen auch nicht automatisch günstiger – eine dem „Schuhkarton“ sehr ähnliche Wohnung war zur selben Zeit zum Beispiel für rund 1.350 Euro im Monat auf dem Markt. Insofern sind die beengten Wohnverhältnisse des Studios viel repräsentativer als die relativ geringe Miete, die man dafür berappen muss.

          Den unbekannten neuen Mieter der Wohnung dürfte all das kaum trösten. Weniger wegen der Enge, sondern wegen des bevorstehenden Rausschmisses: Die Bezirksverwaltung von Islington hat nämlich mittlerweile beschlossen, dass die Wohnung nicht die geltenden Mindeststandards für Wohnraum erfüllt. Der bedauernswerte Bewohner muss sich also schon wieder eine neue Bleibe suchen – vielleicht erst mal im Pub um die Ecke?

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