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Leerstandsbekämpfung : Künstler und Kreative werden zu gern gesehenen Zwischennutzern

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Funktionierende Übergangslösung: Buntes Treiben auf der stillgelegten Fläche in Dinslaken-Lohberg Bild: RAG/Thomas Stachelhaus

Städte in Nordrhein-Westfalen, die unter einem hohen Leerstand von Gewerbeflächen leiden, gehen gezielt auf Nutzersuche in der Kreativbranche. Die Übergangsmieter zahlen weniger, tragen dafür aber im Idealfall zum Erhalt der Standortqualität bei.

          Einst sorgten Künstler und Kreative vor allem für Kopfschütteln und gerümpfte Nasen unter Immobilienbesitzern. In diesem Abwehrreflex drückte sich nicht zuletzt die Sorge aus, die kreativen Geister als Mieter nicht schnell genug loswerden zu können, wenn die Flächennachfrage wieder anzieht. Doch die Stimmung dreht sich, wie inzwischen Beispiele in zahlreichen Städten in Nordrhein-Westfalen zeigen.

          Wuppertal etwa wirbt seit geraumer Zeit schon gezielt um Zwischennutzer aus der Kreativbranche für leerstehende Gewerbeflächen. In der Stadt gibt es einige weiträumige gründerzeitliche Quartiere. Die Wohnungen in den Gebäuden erfreuen sich einer regen Nachfrage - nur die Ladenflächen im Erdgeschoss stehen immer häufiger leer. Ganze Straßenzüge leiden unter verwaisten Schaufenstern und zugenagelten Fronten, und das schon seit Jahren. „Kleine Ladeneinheiten mit weniger als 100 Quadratmetern Fläche rechnen sich für die meisten Händler nicht mehr, seit wir es gewohnt sind, in Supermärkten und Shoppingcentern einkaufen zu gehen“, sagt Gaby Schulten, die in der Zwischennutzungsagentur der Stadt Wuppertal für die Flächenvermittlung zuständig ist. Das Büro wurde 2007 im Rahmen des Förderprogramms „Stadtumbau-West“ eingerichtet und legte zweieinhalb Jahre später einen ersten Zwischenbericht vor. Danach konnten von mehr als 400 leerstehenden Ladeneinheiten 76 an kreative Zwischennutzer vermittelt werden. Unter den Mietern waren unter anderem kleine Theater, Event-Agenturen für Kinder, Fotografen, Designwerkstätten und Künstler zu finden.

          Leerstehende Räume werden zur Experimentierfläche

          „Stehen Gebäude längere Zeit leer, kosten sie trotzdem Geld und müssen unterhalten werden“, sagt Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Metropoleruhr. „Hinzu kommt, dass Quartiere mit größeren Leerständen schnell in der öffentlichen Wahrnehmung eine Abwertung erfahren.“ Er hält die temporäre Nutzung für eine sinnvolle Alternative. „Zwischennutzer bringen den Eigentümern nicht nur Geld - sie erhalten oder steigern sogar die Attraktivität von Standort und Gebäude.“

          Das Grundkonzept der temporären Nutzung ist einfach: Leerstehende Laden-, Büro- oder Industrieflächen werden über einen vorher fest vereinbarten Zeitraum als Experimentier-, Atelier- oder Geschäftsräume abgegeben - entweder zum Nulltarif oder zu einem vergünstigten Quadratmeterpreis. Nach diesem Prinzip lädt etwa die RAG Montan Immobilien GmbH seit 2010 kreative Nutzergruppen als Zwischenmieter auf die stillgelegte Zeche in Dinslaken-Lohberg ein. Benötigt der Eigentümer die Fläche wieder für eine reguläre Nutzung oder steht ein Investor für das Gebäude vor der Tür, hilft Quartiersmanager Gerhard Seltmann bei der Suche nach Ausweichflächen. „Die Zwischenmieter haben zwar keinen Rechtsanspruch auf eine neue Fläche“, sagt er. „Auf unserem 40 Hektar großen Areal haben wir aber genügend Freiflächen und Gebäude, die genutzt werden können.“ Niemand sitze permanent auf gepackten Koffern. Seltmann hat es vor allem mit Malern, Filmemachern und Fotografen zu tun. Mit den vergleichsweise geringen Mieteinnahmen könne die Eigentümerin gut leben. „Zwischennutzungen und Events sind auf der Zeche Lohberg als gezielte Methode der Öffentlichkeitsarbeit und Standortvorbereitung eingeplant und eingepreist“, fügt er hinzu.

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