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Kupferfassaden : Patina ante portas

  • -Aktualisiert am

Extravaganz in Seeheim: erst voroxidiert, dann anthrazitfarben Bild: Rosenkranz, Henner

Im Fassadenbau ist Kupfer ein Nischenprodukt. Kein Wunder, denn das Material ist teuer. Allerdings bietet das Blech auch jede Menge Vorzüge: Es ist robust, wiederverwertbar und individuell.

          Eine Hausfassade, die Flecken bekommt, müsste den Eigentümern eigentlich zu denken geben. Nicht so, wenn der Metallbauer Peter Ness am Werk war. Ness baut Fassaden aus Kupferblech, und die dürfen, ja müssen sogar fleckig werden und die Farbe ändern. Das mache sie nur wertvoller, beteuert Ness. Der Handwerker aus Berlin-Pankow ist ein Schwärmer für alles, was glänzt, schimmert, oxidiert, changiert - und sich an Häuserwänden anbringen lässt.

          Wie sich das Kupfer im Laufe der Zeit verändert, ist unberechenbar. Auf jeden Fall ist das Material unverwüstlich, einmal angebracht, müsse es nicht angerührt werden für Jahrzehnte, verspricht Ness: „So wie die alten Kirchendächer, die halten ewig.“ Er ist darauf spezialisiert, ganze Häuserfronten mit dem Material zu verkleiden. Auf Wunsch stellt er Kupfer-Fassadenplatten her, die wie große Fliesen aussehen oder rautenförmig sind und sich ineinanderstecken lassen. So werden sie vor einen Rohbau montiert.

          Der Exot unter den Baustoffen

          Kupfer eignet sich sehr gut als Wetterschutz, zudem ist es ein Natur-Material, ökologisch unbedenklich und voll recycelbar. Allerdings hat der Baustoff seinen Preis: Der Grund sind die seit Jahren steigenden Rohstoffkosten. Wer für eine Kupferverschalung einen dreimal höheren Preis als für eine Putzfassade kalkuliert, liegt nicht verkehrt. Trotzdem taucht das Material immer wieder als Blickfang an öffentlichen Bauten auf. Wenn schon ein Blech, dann Kupfer, sagen Anhänger des Materials. Es ist stabil, aber formbar und damit ideal zum Modellieren organischer Formen, etwa wenn eine Fassade fließend wirken oder wie gefaltet aussehen soll.

          Eigenwillig und teuer - kein Wunder, das Kupfer ein Exot unter den Baustoffen ist. Doch auch in Einfamilienhausgebieten schimmert es hier und da, zum Beispiel an modernen Anbauten, die eine Kupferhaut haben. Sie sollen für einen Kontrast sorgen. In einer Stadt wie Hamburg gibt es in dieser Hinsicht folgende Spezialität: Wenn dort Besitzer ihre Häuser aufstocken lassen, dann neuerdings häufig mit einem kupferverkleideten Obergeschoss. Es wird auf einen Backsteinbau gesetzt. Erprobt ist diese ästhetische Kombination von Ziegeln und Kupfer überall in der Hansestadt. Zartgrün sind die Kupferbleche im Norden - das liegt am Salzgehalt der Luft in der Nähe der Ost- und Nordsee. Im Binnenland dagegen findet man viel weniger grüne Kupferdächer oder -fassaden. Da behält das Metall meistens seinen typischen Rot-Ton, manchmal nimmt es einen Braunton an. Wenn überhaupt, dann wird es nach vielen Jahrzehnten grün.

          Historische Blechkiste: Kupfer-Fertighaus in Berlin Bilderstrecke

          In der Unberechenbarkeit liegt der Reiz, meint der Architekt Johannes Schlüter aus dem hessischen Seeheim der dort einen Neubau komplett in eine Kupferhaut gehüllt hat. Dach und Außenhaut gehen ineinander über, wie ein Panzer. Das extravagante Eigenheim steht auf einem Hanggrundstück am Ortsrand von Seeheim. Verwendet wurden Kupferbleche eines finnischen Herstellers, die voroxidiert waren und dadurch einen anthrazitfarbenen Ton angenommen haben. Zumindest bis jetzt. „Es taucht tagsüber völlig im Grün der Natur ab“, schwärmt der Architekt über die Wirkung des Blechs. Zugleich warten er und die Familie, die es bewohnt, gespannt darauf, wie stark sich die Farbe wohl in den kommenden Jahren verändern wird. Es war das erste Mal, dass Schlüter Kupfer für einen Hausbau verwendete. Heute hat er viel Lob parat, gerade für die sensible Anmutung. „Das ist wie bei einer Jeans, die man immer mehr mag, je mehr Spuren sie zeigt.“

          Diese hat, um im Bild zu bleiben, auch einen sehr strengen Schnitt. Die harte Linie zieht sich vom Dachfirst bis zur Terrassenkante durch, es gibt keine Vor- oder Überstände, Wasserrinnen oder sonstigen Störer an der Fassade. In horizontalen Riemen wurden die Fassadenbleche verlegt und um die Hausecken herum gefaltet; eine Kantenleiste fehlt. Alles ist strengstens geometrisch nach Rastermaß geordnet, so wie es Architekten lieben. Ein Klempnerbetrieb aus der Umgebung hat die akribische Rechenaufgabe umgesetzt und die Bleche entsprechend ausgeschnitten. Hinter der Blechhaut sieht es konventionell aus: Dort liegen gemauerte Wände, eine Bretterverschalung mit Mineralfaserdämmung, das Übliche.

          Wie die Innenwände einer kostbaren Schatulle

          In großen Stückzahlen stanzt auch der Berliner Metallbauer Ness in seiner Werkstatt die Kupferbleche aus, wenn ein Kunde das wünscht. Jüngst fertigte er für den Neubau der türkischen Botschaft in Berlin ein riesiges Kunstwerk: Das Portal am Haupteingang ist gerahmt von Kupferwänden. Sechs Tonnen Kupferblech verarbeitete Ness dafür. Jetzt glänzt der Botschaftseingang bronzefarben, später werde er schokobraun, vermutet Ness.

          Alle am Protokolleingang des Botschaftsgebäudes ineinandergesteckten Bleche haben eine eigene Form; das Ganze folgt dem orientalischen Girih-Muster. Das lässt die Wand wie die Innenwände einer kostbaren Schatulle aussehen. Ganz anders wirkt das Material, wenn große Bleche verwendet werden. Dann erinnert Kupfer an den rauhen Charme von Stahlcontainern.

          „Eine Mischung aus Baracke und Titanic-Dampfer“

          Und wie lebt es sich nun hinter Kupferwänden? Das kann kaum jemand so gut beurteilen wie Anja Streicher. Sie wohnt sogar in einem Haus, das vollständig aus Kupfer und anderem Blech besteht. Besucht man die Ärztin in Berlin-Dahlem, dann tritt sie einem aus einer weißen Verandatür vor einer kräftig rostroten Hauswand entgegen. Reflexhaft klopft man an die Wand - und wie erwartet scheppert es ein wenig. Anja Streicher, die das zu gut von ihren Gästen kennt, beteuert: „Ich liebe diesen Leichtbaucharakter. Das ist so eine Mischung aus Baracke und Titanic-Dampfer.“

          Etwas mehr als achtzig Jahre steht diese Kupferbox schon. Einst gehörte es zu einer Fertighausserie und firmierte laut Katalog der Firma Hirsch Kupfer- und Messingwerke unter dem Namen „Kupferstolz“. Jeweils einen Meter breit sind die vertikal aufgenieteten Kupferbleche in Klinker-Optik. Jahrzehntelang war das Haus weiß überstrichen, jetzt glänzt hier wieder blankes Blech. „Das war ein riesiger Aufwand mit Trockeneis-Strahlern“, erzählt Anja Streicher. Löcher in der Fassade mussten zugelötet werden; das hat Spuren hinterlassen. Die scheckige Oberfläche gefällt der Besitzerin - schließlich sieht so kein zweites Haus aus.

          Gute Isolierung möglich

          Sorgfältig lässt die Hausherrin es in seinen Urzustand zurückversetzen. Im Inneren wurden alle Blechwände freigelegt. Die zeigen einen Rautenmuster oder „Oblong“, wie es damals hieß - das sind Rechtecke. Die damaligen Bauherren verwendeten für die Innenräume allerdings kein teures Kupferblech, sondern einfache dünne Stahlplatten. Selbst die Zimmerdecken sind aus Blech. Zwischen den Innenwänden und der zwei Millimeter dicken Kupferhaut an der Außenfassade liegt ein Holzständerbau. Alle Zwischenräume wurden 1931 mit vielen Schichten von Aluminiumfolie und Teerpappe ausgefüllt.

          Das ergibt nach Einschätzung des Ingenieurs und Klimatechnikers Brendan Herbst bis heute eine hervorragende Dämmung. Herbst, der bei der Sanierung des historischen Fertighauses mitgewirkt hat, traute dem Bau zunächst kaum Dämmeigenschaften zu, wie er berichtet: „Ich war überrascht.“

          Anja Streicher hat nun alle Wände richtig abdichten lassen, damit ein Vakuum im Inneren besteht und für eine gute Isolierung sorgt. Der Nachteil: Nägel und Schrauben für die Wände sind tabu. Im Haus Streicher werden die Bilder nur mit Magneten aufgehängt.

          Und noch etwas beherzigen alle, die in einem Haus mit Kupferhaut wohnen: Im Sommer, wenn die Sonne scheint, bitte nicht an die Kupferwände fassen. Denn da kann man sich ganz schön die Finger verbrennen.

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