https://www.faz.net/-gqe-74xhr

Kupferfassaden : Patina ante portas

  • -Aktualisiert am

Diese hat, um im Bild zu bleiben, auch einen sehr strengen Schnitt. Die harte Linie zieht sich vom Dachfirst bis zur Terrassenkante durch, es gibt keine Vor- oder Überstände, Wasserrinnen oder sonstigen Störer an der Fassade. In horizontalen Riemen wurden die Fassadenbleche verlegt und um die Hausecken herum gefaltet; eine Kantenleiste fehlt. Alles ist strengstens geometrisch nach Rastermaß geordnet, so wie es Architekten lieben. Ein Klempnerbetrieb aus der Umgebung hat die akribische Rechenaufgabe umgesetzt und die Bleche entsprechend ausgeschnitten. Hinter der Blechhaut sieht es konventionell aus: Dort liegen gemauerte Wände, eine Bretterverschalung mit Mineralfaserdämmung, das Übliche.

Wie die Innenwände einer kostbaren Schatulle

In großen Stückzahlen stanzt auch der Berliner Metallbauer Ness in seiner Werkstatt die Kupferbleche aus, wenn ein Kunde das wünscht. Jüngst fertigte er für den Neubau der türkischen Botschaft in Berlin ein riesiges Kunstwerk: Das Portal am Haupteingang ist gerahmt von Kupferwänden. Sechs Tonnen Kupferblech verarbeitete Ness dafür. Jetzt glänzt der Botschaftseingang bronzefarben, später werde er schokobraun, vermutet Ness.

Alle am Protokolleingang des Botschaftsgebäudes ineinandergesteckten Bleche haben eine eigene Form; das Ganze folgt dem orientalischen Girih-Muster. Das lässt die Wand wie die Innenwände einer kostbaren Schatulle aussehen. Ganz anders wirkt das Material, wenn große Bleche verwendet werden. Dann erinnert Kupfer an den rauhen Charme von Stahlcontainern.

„Eine Mischung aus Baracke und Titanic-Dampfer“

Und wie lebt es sich nun hinter Kupferwänden? Das kann kaum jemand so gut beurteilen wie Anja Streicher. Sie wohnt sogar in einem Haus, das vollständig aus Kupfer und anderem Blech besteht. Besucht man die Ärztin in Berlin-Dahlem, dann tritt sie einem aus einer weißen Verandatür vor einer kräftig rostroten Hauswand entgegen. Reflexhaft klopft man an die Wand - und wie erwartet scheppert es ein wenig. Anja Streicher, die das zu gut von ihren Gästen kennt, beteuert: „Ich liebe diesen Leichtbaucharakter. Das ist so eine Mischung aus Baracke und Titanic-Dampfer.“

Etwas mehr als achtzig Jahre steht diese Kupferbox schon. Einst gehörte es zu einer Fertighausserie und firmierte laut Katalog der Firma Hirsch Kupfer- und Messingwerke unter dem Namen „Kupferstolz“. Jeweils einen Meter breit sind die vertikal aufgenieteten Kupferbleche in Klinker-Optik. Jahrzehntelang war das Haus weiß überstrichen, jetzt glänzt hier wieder blankes Blech. „Das war ein riesiger Aufwand mit Trockeneis-Strahlern“, erzählt Anja Streicher. Löcher in der Fassade mussten zugelötet werden; das hat Spuren hinterlassen. Die scheckige Oberfläche gefällt der Besitzerin - schließlich sieht so kein zweites Haus aus.

Gute Isolierung möglich

Sorgfältig lässt die Hausherrin es in seinen Urzustand zurückversetzen. Im Inneren wurden alle Blechwände freigelegt. Die zeigen einen Rautenmuster oder „Oblong“, wie es damals hieß - das sind Rechtecke. Die damaligen Bauherren verwendeten für die Innenräume allerdings kein teures Kupferblech, sondern einfache dünne Stahlplatten. Selbst die Zimmerdecken sind aus Blech. Zwischen den Innenwänden und der zwei Millimeter dicken Kupferhaut an der Außenfassade liegt ein Holzständerbau. Alle Zwischenräume wurden 1931 mit vielen Schichten von Aluminiumfolie und Teerpappe ausgefüllt.

Das ergibt nach Einschätzung des Ingenieurs und Klimatechnikers Brendan Herbst bis heute eine hervorragende Dämmung. Herbst, der bei der Sanierung des historischen Fertighauses mitgewirkt hat, traute dem Bau zunächst kaum Dämmeigenschaften zu, wie er berichtet: „Ich war überrascht.“

Anja Streicher hat nun alle Wände richtig abdichten lassen, damit ein Vakuum im Inneren besteht und für eine gute Isolierung sorgt. Der Nachteil: Nägel und Schrauben für die Wände sind tabu. Im Haus Streicher werden die Bilder nur mit Magneten aufgehängt.

Und noch etwas beherzigen alle, die in einem Haus mit Kupferhaut wohnen: Im Sommer, wenn die Sonne scheint, bitte nicht an die Kupferwände fassen. Denn da kann man sich ganz schön die Finger verbrennen.

Weitere Themen

60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

Nach langem Anlauf fusioniert Video-Seite öffnen

T-Mobile US und Sprint : Nach langem Anlauf fusioniert

Ein Zusammenschluss der Nummer drei und Nummer vier des amerikanischen Mobilfunkmarktes war in den vergangenen Jahren schon zwei Mal gescheitert. Jetzt steht nur noch das Justizministerium als einzige Hürde im Weg.

Topmeldungen

Der russische Präsident Wladimir Putin und Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, geben sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau die Hand.

Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.
Klimastreik in Turin.

Klimanotstand : Höllisch, wie das jetzt knallt

Klimawandel war gestern, heute ist Notstand. Den haben wir zwar nicht den Jungen zu verdanken, aber die schlachten ihn jetzt schwungvoll aus und drängen die Politik in die Ecke. Eine Glosse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.