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Krupp-Anwesen : Im Schatten der Villa Hügel

  • -Aktualisiert am

Wohnkomfort Fehlanzeige: Bauherr Alfred Krupp schlug architektonischen Rat zum Bau der Villa in den Wind. Bild: Ursel Borstell/Krupp-Stiftung

Der imposante Bau der Industriellenfamilie Krupp zieht jährlich Tausende Besucher an. Für den Park des Anwesens interessieren sich nur wenige. Ein Fehler.

          Die Lage im Süden von Essen ist spektakulär: An einem hügeligen Hang, hoch über dem Baldeneysee, liegt der perfekte Ort für ein luxuriöses Landhaus. Schon in der Renaissance hat der italienische Architekt Leonardo Battista Alberti in seinem „Traktat über die Villa“ empfohlen, diese solle idealerweise an einem Hang liegen. Es ist wohl Intuition, als in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Essener Industrielle Alfred Krupp beginnt, Grundstücke rund um diesen Hügel am Baldeneysee aufzukaufen. Der erfolgreiche Unternehmer, der nach dem frühen Tod des Vaters 1826 aus einer kleinen Gussfabrik ein Stahlunternehmen von Weltrang entwickelt, betrachtet den neuen Wohnsitz als „ein Mittel der Lebensverlängerung für mich und die Meinen, ich hoffe damit die notwendigen teuern Reisen in Bäder zu ersetzen“. Gesundes Leben auf dem Land, in frischer Luft und Natur – fast visionär ist Krupps Wunsch.

          1864 starten die Bauarbeiten für das „Zukunftshaus“, dem ein altes Gutshaus weicht. Dabei geht dem Pragmatiker Technik und Nützlichkeit vor Ästhetik. Anstatt eines berühmten Architekten engagiert er mehrere solide Baumeister, die entnervt aufgeben oder widerwillig die Skizzen ihres Auftraggebers ausführen. 1869 ist die gigantomanische Villa fertig, 269 Räume, mehr als 8000 Quadratmeter Wohnfläche, Baukosten 5,7 Millionen Mark, ein Viertel des Firmengewinns während der dreijährigen Bauphase. Das Resultat ist eine technisch hochkomplexe Wohnmaschine, einerseits nach Krupps Willen auf dem modernsten Stand, andererseits total misslungen. Weder Zentralheizung noch komplizierte Klimaanlage funktionieren wie gewünscht, meist ist es lausig kalt in den hohen Räumen, unangenehme Geräusche stören mehr als nur die Nachtruhe.

          Szenerie der Gründerzeit größtenteils verschwunden

          1871 hat Krupp 600 Morgen (rund 150 Hektar) beisammen, Ackerland und Waldungen, aber ausgerechnet die Hügelkuppe, auf der die neue Villa emporragt, ist kahl. Krupp, ein energiegeladener Mann voller Tatendrang von fast sechzig Jahren, will nicht warten, bis alles eingewachsen ist: „Meine Ungeduld ist ein Krokodil, das lässt sich nicht bezähmen.“ Er macht es dem berühmten Fürsten Hermann von Pückler-Muskau nach, lässt in umliegenden Dörfern ganze Alleen großer Bäume ausgraben und auf den Hügel umpflanzen, will „noch bei Lebzeiten“ den Anblick eines Waldes um sein neues Zuhause genießen. Auch was den Park angeht, mag er sich nicht dem Diktat anderer unterwerfen. Kontakte mit renommierten Gartenkünstlern wie dem Lenné-Schüler Gustav Meyer oder Joseph Clemens Weyhe aus einer Düsseldorfer Gärtnerdynastie verlaufen im Sande. Selbstbewusst entwirft Krupp eigenhändig, unterstützt von vertrauten Mitarbeitern wie Baumeister Ferdinand Barchewitz und Obergärtner Friedrich Bete, nach klassischem Vorbild drei Zonen: Blumengarten direkt am Haus, Pleasureground und Übergang in den Park. Beim Einzug in die Villa 1873 sind Park und Garten fast fertig.

          Der ewige Blickfang: Die bronzene Pferdeskulptur weidet hier schon seit mehr als 100 Jahren.

          Spaziert man heute direkt hinter dem großen Haus, dem einstigen Wohnhaus, entlang der Terrasse, bietet sich nur noch teilweise jene Szenerie der Gründerzeit. Geblieben ist die sich über die gesamte Fassadenlänge von 97 Metern erstreckende Steinterrasse, mit niedriger Balustrade abgeschirmt, bewacht von je einem Paar steinerner Sphinxen (vom Bildhauer Max Dennert) und Löwen (vermutlich Souvenirs einer Italien-Reise). Von dort geht es hinunter in den oberen Terrassengarten, ein großes Rechteck mit Rasenflächen und mittig einem Quadrat aus neunundvierzig Kaiser-Linden. Das wurde gerade neu angelegt und entspricht nun wieder Alfred Krupps einstigem Wunsch nach einem duftenden, schattigen Hain, der um 1960 gefällt worden war.

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