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Steigende Immobilienpreise : „Metropolen sind attraktiver denn je“

  • -Aktualisiert am

Frankfurt bleibt gefragt. Bild: Ricardo Wiesinger

Der Corona-Schock ist vorüber, sagt Immobilienberater Jan Linsin von CBRE. Er sieht das Geschäft mit Wohnungen und Büros zur Normalität zurückkehren.

          2 Min.

          Manche Unternehmen lassen wie Vodafone in Deutschland ihren Mitarbeitern die Wahl, ob sie zu Hause oder im Büro arbeiten wollen. Wie sehr wandelt sich damit der Bürobedarf?

          Jan Hauser
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Corona-Pandemie war ein Kata­ly­sator für den Trend hin zu „New Work“. Einerseits hat sich gezeigt, dass die meisten Unternehmensprozesse auch aus dem Homeoffice heraus erledigt werden können. Ebenso ist aber klar geworden, dass ohne das Büro der soziale Austausch, das Netzwerken und auch die Identifi­kation mit dem Unternehmen deutlich zu kurz kommen. Auch die Wertschätzung der Mit­arbeiter kann bei einer „Remote only“-Arbeitsweise leiden. Für den Büroflächenbedarf bedeutet dies: Moderne Office-Konzepte, die genau diese Kommunikation ermöglichen und zudem im Sinne des „Well-being“ gesundheits­­­för­dernd sind, werden stärker nachgefragt denn je. Wir haben eine Umfrage unter europäischen Unternehmen durchgeführt, um herauszufinden, was das für den Büroflächenbedarf bedeutet: 60 Prozent sagen, dass sie in den kommenden Jahren keinen Veränderungsbedarf sehen beziehungsweise mehr Fläche benötigen. Schlussendlich bleibt der Flächenbedarf also stabil.

          Hat denn die Corona-Pandemie weniger Auswirkungen auf den Immobilienmarkt als gedacht?

          Grundsätzlich sehen wir, dass der Corona-Schock in vielen Fällen nur temporär war: Für 2021 ist ein Knacken der 100-Milliarden-Marke am Investmentmarkt durchaus realistisch. Das wäre absolutes Rekordniveau. Hinzu kommt, dass viele Investoren ihre Immobilienquoten während der Pandemie noch erhöht haben. Auch auf den Vermietungsmärkten zeigen sich deutliche Entspannungstendenzen: Mit einem Flächenumsatz im Bürosegment von 1,75 Millionen Quadrat­metern wurde der Vorjahreszeitraum um mehr als 11 Prozent übertroffen. Aber auch im von der Pandemie stärker betroffenen Einzelhandelssegment zeigt sich, dass wieder längerfristige Mietverträge abgeschlossen werden. Es kehrt also Normalität ein. Natürlich gibt es auch Marktsegmente, die sich erst gar nicht erholen mussten. Am besten zeigt sich das bei Wohn- und Logistikimmobilien, deren Be­deutung für Investoren und Nutzer durch die Pandemie sogar noch gestiegen ist.

          Mehr Homeoffice lässt immerhin län­gere Strecken zum Arbeitsplatz denkbar werden. Zieht mancher deswegen ins günstige und grüne Umland?

          Durchaus. Tatsächlich zeigen sich leichte Abwanderungstendenzen aus dem Stadtkern in die Speckgürtel. Die starke Wachstumsdynamik im Umland vieler Me­tropolen ist aber auch wirtschaftlicher Natur. Das heißt aber keineswegs, dass eine allgemeine Stadtflucht eingesetzt hätte. Die Vorzugslagen der Metropolen sind für Unternehmen und Anwohner attraktiver denn je, was sich an der großen Nachfrage, den steigenden Mieten und den geringen Leerständen zeigt – sowohl bei Büro- als auch bei Wohn­immobilien. Während dabei reine Wohn- und Schlafstädte immer weniger attraktiv werden, bieten gemischte Quartiere ge­nau die urbanen Berührungspunkte und die soziale Durchmischung, die es in dieser Form nur in der Großstadt gibt.

          Noch dauern die Koalitionsverhandlungen an. Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung, oder kann die Wohnungspolitik wenig erreichen?

          Ungeachtet aller parteipolitischen Fragestellungen ist eine konstruktive Zu­sammenarbeit der Immobilienwirtschaft mit den künftigen Entscheidungsträgern wichtig für die Frage, in welchen Städten wir in 15 oder 20 Jahren leben werden. Bei der Wohnungspolitik zeigen internatio­nale Erfahrungen, dass zu starke Vorgaben immer mit massiven Nachteilen verbunden sind: Sei es, dass zu wenig und zu teurer Neubau entsteht, oder dass die Qualität des Bestands abnimmt. Besser ist, der Staat bietet den Rahmen, damit bezahl­barer Wohnraum überhaupt geschaffen werden kann. Also Bauland ausweisen, Er­werbsnebenkosten senken, Bauauf­lagen verschlanken und die Digitalisierung der Bauämter sowie B-Planänderungen vo­rantreiben. Aber auch dann gilt: Attraktive Städte mit wachsender Wirtschaft ziehen Menschen an, und das hat in einer funktionierenden Marktwirtschaft Auswirkungen auf Mieten und Preise.

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