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Immobilienblase : In London und Paris steigen die Hauspreise nicht mehr

Lange machten die steigenden Preise vieler Häuser in London der Notenbank Sorgen. Doch jetzt entweicht die Luft aus der Blase Bild: Reuters

Lange schien der Anstieg der Immobilienpreise in beiden Hauptstädten ein Selbstläufer. Doch nun verharren die Preise in London. In Paris sind sie seit 2011 sogar gefallen.

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          Am Londoner Immobilienmarkt wird die Luft dünn. Über Jahre hinweg haben ausländische Investoren auf der Suche nach einem sicheren Hafen ihr Geld in Häuser und Wohnungen an der Themse gesteckt - und damit eine schwindelerregende Preisspirale in Gang gesetzt. Auch Paris war lange Zeit ein Perpetuum mobile der Immobilienmärkte.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Wenn Leute oder Unternehmen wegzogen, nahmen andere ihren Platz ein, weil der Standort Paris als wirtschaftliches Kraftzentrum in alle Welt ausstrahlte. Jetzt zeichnet sich eine Wende ab: Eine Reihe von Preisindizes zeigen, dass die Zeiten steigender Preise in der britischen Hauptstadt vorerst vorbei sind. Und in Paris hat sich in jüngster Zeit der Rückgang der Immobilienpreise befestigt, wenn nicht sogar beschleunigt.

          Studien deuten leichten Preisrückgang an

          Am Dienstag in London veröffentlichte Zahlen des britischen Statistikamts weisen für den August zwar einen rasanten Preisanstieg um 19,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat aus. Gegenüber Juli aber ist der durchschnittliche Preis eines Eigenheims in der britischen Hauptstadt um 0,1 Prozent gesunken. Darauf deuten auch andere Marktstudien hin: Die monatliche Umfrage der Royal Institution of Chartered Surveyors (Rics) unter Immobiliensachverständigen ergab im September, dass die Experten in London erstmals seit Anfang 2011 einen leichten Preisrückgang beobachten.

          Auch der Index des Immobiliendienstleisters Hometrack, der ebenfalls auf Branchenumfragen beruht, deutet für den September auf etwas gesunkene Preise hin. Damit geht einer gewaltigen Hausse am Londoner Immobilienmarkt zunehmend die Puste aus: Die Preise liegen mittlerweile um 40 Prozent über dem vorangegangenen Hochpunkt unmittelbar vor Ausbruch der Weltfinanzkrise Anfang 2008.

          Kapitanlagen oder leerstehende Geisterviertel?

          In den vergangenen Jahren sind scharenweise vermögende Anleger nach London geströmt. Sie suchten in unberechenbaren Zeiten einen Parkplatz für ihr Geld und glaubten ihn in Europas drittgrößter Stadt gefunden zu haben. Die zeitweilige Schwäche des Pfund machte den Immobilienmarkt für ausländische Investoren aus der Eurozone, Russland, Asien und dem Nahen Osten nur noch interessanter. In Nobelvierteln wie Mayfair, Chelsea und Knightsbridge gibt es mittlerweile „Geisterstraßen“ voller unbewohnter Luxushäuser, weil deren ausländische Eigner ihre Kapitalanlagen aus Stein und Mörtel mitunter jahrelang leer stehen lassen.

          Vor allem in guten Wohngegenden spielten die sogenannten „Cash Buyer“ eine wichtige Rolle - meist internationale Interessenten, die Millionenbeträge für eine Immobilie aus eigenen Mitteln auf den Tisch legen, ohne auf einen Kredit ihrer Bank angewiesen zu sein. Weniger betuchte Kaufinteressenten nutzten die niedrigen Kreditzinsen, um hohe Hypotheken aufzunehmen. Vor allem diese wachsende Verschuldung in London und anderswo im Land hat für wachsende Bedenken in der Bank von England gesorgt.

          Ausländische Investoren trieben die Immobilienpreise in die Höhe. Doch jetzt scheint eine Wertspitze erreicht zu sein
          Ausländische Investoren trieben die Immobilienpreise in die Höhe. Doch jetzt scheint eine Wertspitze erreicht zu sein : Bild: F.A.Z.

          Die Notenbanker fürchten, dass viele Bürger, die sich für den Kauf eines Eigenheims bis an den Hals verschuldet haben, ihre Kredite nicht mehr bedienen können, wenn die Zinsen steigen. Dies wiederum könnte den britischen Banken hohe Verluste bringen. Bankenvolkswirte erwarten, dass die Bank von England im ersten Quartal 2015 als erste große Notenbank den Leitzins erhöhen wird. Hypothekenkredite sind in Großbritannien überwiegend variabel verzinst, viele Immobilienschuldner werden die Zinswende also unmittelbar zu spüren bekommen.

          Die goldenen Zeiten scheinen vorbei zu sein

          In Paris ist der durchschnittliche Quadratmeterpreis im September um 2 Prozent gefallen, wie die Immobilienagentur MeilleursAgents.com meldete. Das entspricht ungefähr einem Rückgang von 80 Euro auf 78,50 Euro. Das Niveau ist zwar immer noch hoch - 2009 notierten die Durchschnittspreise erst bei rund 6000 Euro, doch die goldenen Zeiten scheinen vorbei zu sein. Zwischen Anfang Juli und Ende August waren die Preise schon um 1,5 Prozent gefallen, und seit Anfang des Jahres beträgt der Nachlass 3 Prozent. Im Juli 2011 hatte die Preiskurve ihren Höhepunkt erreicht, danach ging es lange seitwärts und jetzt bergab. Der Preisrückgang in gut drei Jahren beträgt 9,1 Prozent.

          Die wirtschaftliche Stagnation Frankreichs hinterlässt ihre Spuren. Auch die niedrigen Zinsen ändern daran nichts. „Potentielle Käufer zögern, verschieben ihre Entscheidungen und suchen Ausflüchte. Wir sehen immer mehr Vertragsunterzeichnungen, die verschoben werden“, sagt Sébastien Lafond, Präsident von MeilleursAgents.com. Und das, obwohl das Geld so billig ist. Seit Jahresanfang sind die durchschnittlichen Kreditzinsen um fast einen halben Prozentpunkt auf 2,59 Prozent gefallen, berichtet die Beobachtungsstelle Observatoire Crédit Logement. Vor allem größere Wohnungen für Familien gehen derzeit schlecht weg; bei Ein- bis Zwei-Zimmer-Apartments ist der Rückgang weniger stark.

          Politik verschreckt Investoren

          Zur Wirtschaftsflaute kommen politische Hürden hinzu. Die grüne Wohnungsbauministerin Cécile Duflot hat die Regierung zwar verlassen, doch ihre Politik der Mietpreisbremsen und Lastenerhöhungen für Eigentümer hat Investoren nachhaltig verschreckt. Die Zahl der Neubauten ist stark rückläufig. Die Regierung versucht, durch neue Anreize jetzt gegenzusteuern, hat bisher jedoch kein Vertrauen schaffen können. Daher raten heute 79 Prozent der Notare dazu, erst eine Immobilie zu verkaufen, bevor man eine neue kauft. Im Juni waren das erst 52 Prozent. Experten rechnen nun mit einem Preisrückgang von 5 Prozent im ganzen Jahr.

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