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Steigende Hauspreise : Jetzt wird die Provinz teuer

Auch im Harz sind Häuser begehrt. Bild: Picture-Alliance

Selbst in abgelegenen Regionen sind die Immobilienpreise um 40 Prozent gestiegen. Zuzügler konkurrieren mit Einheimischen um Häuser. Makler bezeichnen den Markt als „völlig verrückt“.

          3 Min.

          Der Immobilienboom hat den ländlichen Raum erreicht. Häuser in Regionen, die mehr als neunzig Minuten Fahrzeit von der nächsten Großstadt entfernt liegen, haben sich in den vergangenen vier Jahren im Durchschnitt um 40 Prozent verteuert. Selbst in Landkreisen, aus denen man mehr als zwei Stunden in die nächste Großstadt fährt, haben die Preise um mehr als 30 Prozent zugelegt. Das ergab eine aktuelle Auswertung des Forschungsinstituts Empirica.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Birgit Ochs
          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Anne-Christin Sievers
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Diese Entwicklung ist überraschend. Jahrelang galt, dass die Ballungsräume wachsen und sich verteuern, während der ländliche Raum mit Abwanderung, Leerstand und sinkenden Preisen zu kämpfen habe. Doch mittlerweile sind Grundstücke nicht nur in den Metropolen selbst, sondern auch in ihren sogenannten Speckgürteln knapp. Im Berliner Umland haben sich die Bodenpreise seit 2012 verdreifacht, weswegen immer mehr Käufer in abgelegene Dörfer und Kleinstädte ausweichen. Während ein gebrauchtes Haus in Frankfurt nicht selten mehr als eine Million Euro kostet, wird es im Vogelsbergkreis im Durchschnitt für 160.000 Euro angeboten und im Spessart für 220.000 Euro. „Das Land zieht in erster Linie Familien an, die sich dort den Traum vom Haus mit Garten erfüllen“, sagt Immobilienökonom Harald Simons.

          Ländlicher Raum wächst wieder

          Das zeigen auch die Wanderungssalden: Während die Jungen nach wie vor aus dem ländlichen Raum fortziehen, strömen die Dreißig- bis Fünfzigjährigen mit ihren Kindern dorthin. Selbst in entlegenen Regionen wie der Prignitz in Brandenburg oder der Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz wächst seit kurzem die Bevölkerung wieder. Berlin ist hingegen im vergangenen Jahr das erste Mal seit fünfzehn Jahren wieder geschrumpft. Aber es sind nicht nur Familien, die es vermehrt aufs Land zieht. Seit einigen Jahren gibt es einen Trend zu Zweitwohnsitzen auch jenseits der touristischen Zentren am Meer und in den Bergen. Zudem lockt der ländliche Raum zunehmend Großstädter an, die in großen Immobilien gemeinschaftlich wohnen und arbeiten wollen – Projekte, die es bislang vor allem in der Stadt gab.

          Es sind nicht nur die günstigen Preise, die auf dem Land locken. Es sind auch die niedrigen Zinsen und der damit verbundene Mangel an attraktiven Anlagemöglichkeiten, die den Immobilienboom befeuern. Zudem ziehen der Platz, die Freiräume und die Nähe zur Natur immer mehr Menschen an – eine Entwicklung, die durch die Pandemie noch einmal deutlich an Schwung gewonnen hat, aber auch schon vorher zu beobachten war, wie Fachleute sagen. „In einer digitalisierten und als unsicher empfundenen Welt sehnen sich viele Menschen nach konkreten Prozessen wie Holz hacken und Gemüse anbauen“, sagt Martina Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der Internationalen Bauausstellung in Thüringen, die sich die Belebung des ländlichen Raums zum Ziel gesetzt hat.

          Konflikte bleiben nicht aus

          Das neue Interesse an Häusern im ländlichen Raum bleibt nicht ohne Konflikte. Insbesondere die Monate seit Beginn der Corona-Krise bezeichnen Makler als „völlig verrückt“. „Seit März 2020 stellt die Nachfrage alles in den Schatten, was wir hier je gesehen haben“, sagt Sabine Schwiemann, Maklerin in der Vulkaneifel. „Selbst die entlegensten Ecken sind gefragt, Hauptsache, Zuganbindung und Internet“, berichtet Makler Johannes Dietrich aus dem Hochschwarzwald.

          Andere seiner Kollegen berichten von vierzig Anfragen innerhalb einer Stunde für unsanierte Bauernhöfe, von Bieterwettbewerben und einer zunehmend aggressiven Stimmung, wenn jemand dann doch nicht zum Zuge kommt. „Die Städter machen den Einheimischen Konkurrenz und sind bereit, höhere Preise zu zahlen“, sagt Schwiemann.

          Auch Oliver Langner, der in der Holsteinischen Schweiz nördlich von Hamburg makelt, berichtet von einem „sehr gemischten Bild“: „Die Schleswig-Holsteiner kaufen hier nicht mehr, denen ist es zu teuer.“ Stattdessen kämen die Käufer aus Hamburg, Köln und sogar München und zahlten Liebhaberpreise. „Für die ist es bei uns noch billig.“ Die Einheimischen seien von der Entwicklung nicht begeistert, denn sie treibt nicht nur die Preise immer höher. Ein Haus, das als Zweitwohnsitz genutzt wird, steht auch die meiste Zeit des Jahres leer. Die große Nachfrage trifft auf ein knappes Angebot. In Erwartung weiterer Preissteigerungen halten sich Verkäufer im Moment zurück.

          Ob das neue Interesse eine echte Trendwende zugunsten des ländlichen Raums ist, da sind sich die Fachleute uneins. Während Immobilienökonom Simons davon überzeugt ist, glaubt Stadtplanerin Doehler-Behzadi nicht an eine Umkehr. „Am großen Trend zur Verstädterung ändert sich nichts. Der ländliche Raum schrumpft nur langsamer.“

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