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Immobilienposse : Eigentümer rügt Bieter

  • -Aktualisiert am

Hohes Haus: Die Berliner Presse mokiert sich über den „Luxusbau“ Bild: Lüdecke, Matthias

Das gibt es selten: Der Eigentümer einer Immobilie will das Gebäude nicht verkaufen, weil er den Preis von mehr als 70 Millionen Euro für zu teuer für die Krankenkassen hält.

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          Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung hat ein Immobilienproblem. Zuerst geriet der Bauherr des neuen luxuriösen Verbandsgebäudes in eine existenzbedrohende Krise. Jetzt will dessen Nachfolger das unlängst bezogene Haus in zentraler Berliner Lage nicht wie versprochen verkaufen. Sein Argument: Mit mehr als 70 Millionen Euro koste das den Kassenverband zu viel. Das Geld solle besser in die Versorgung der Patienten gesteckt werden.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Stein des Anstoßes ist das von Jan Kleihues entworfene „Palais am Deutschen Theater“, ein paar hundert Meter fußläufig entfernt vom Bundesgesundheitsministerium in die eine und zu Parlament und Bundeskanzleramt in die andere Richtung. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ist Nachbar zur einen, das Deutsche Theater und die „Heinrich-Böll-Stiftung“ der Grünen zu anderen Seite.

          Plötzlich will er nicht mehr verkaufen

          In der Berliner Boulevardpresse waren schon Fotoberichte über den „Luxusbau der Krankenkasse“ erschienen. Fünf Etagen mit 15062 Quadratmetern Fläche hat der Kassenverband für seine bisher auf drei Standorte verteilten 375 Mitarbeiter belegt, anderthalb Etagen sind für Sitzungsräume reserviert - was beim Bundesrechnungshof zwar Stirnrunzeln hervorrief, ihn aber nicht zu einem Veto bewogen habe, wie Insider berichten.

          Dem ist dann auch das Gesundheitsministerium als Aufsichtsbehörde gefolgt. Es hat die Transaktion freigegeben und damit die Basis geschaffen, auf der der Verwaltungsrat des Spitzenverbands Ende Juni beschloss, die Immobilie zu erwerben. Die Kosten von geschätzt mehr als 70 Millionen Euro sollten auf die Kassen umgelegt werden. Das wäre rechnerisch rund ein Euro je Versicherten.

          Doch plötzlich will der Verkäufer, die HG Immobilien Mitte GmbH, nicht mehr verkaufen. Man habe von der Beratungsgesellschaft PWC eigens ein Gutachten prüfen lassen, ob der Kauf durch die Kassen für diese wirtschaftlich vertretbar sei. Das Ergebnis sei negativ: PWC habe herausgefunden, dass „dem GKV-Verband beim Ziehen der Kaufoption ein wesentlicher wirtschaftlicher Nachteil entsteht“, sagt Verhandlungsführer Valentin Helou. Davor will er den Spitzenverband der Krankenkassen jetzt bewahren. Dass der dennoch kaufen wolle, „das geht uns nicht in den Kopf“. Denn so schön es sei, als Verkäufer, die Millionen aus dem Geschäft auf dem Konto zu haben - die Investoren seien auch sozial eingestellt.

          Noch wird verhandelt

          Einer der Gründer, sein Vater, sei selbst Arzt, berate Krankenhäuser und kümmere sich um kranke Kinder. Auch sei bekannt, dass es den Krankenkassen an Geld mangle. Eine Nachbarin müsse putzen gehen, um die Behandlungkosten für ihren kranken Mann bezahlen zu können, erzählt Helou. Er sagte dieser Zeitung auch, dass er es „ethisch absolut unkorrekt findet“, dass die Kassen ein Gebäude kaufen wollten, ohne den genauen Kaufpreis zu kennen.

          Tatsächlich trägt der Vertrag die Unterschriften beider Seiten, nach dem die Kassen drei Monate nach Einzug die Kaufoption ziehen können. Das wäre dann der 6. September. Der Vertrag regelt auch, dass der Kaufpreis dann durch einen Gutachter festgestellt wird. Ob das jene 79,6 Millionen Euro sind, die einer der nach Angaben Helous sieben Gutachter errechnet hat, oder 70,7 Millionen, die ein Kassengutachter nennt, muss man abwarten.

          Noch werde über den Preis verhandelt, heißt es bei den Kassen. Wenn man sich nicht einige, werde man die Kaufoption ziehen. Dass Helou in den Gesprächen den Verkaufspreis auf ein ethisch akzeptables Maß gesenkt hätte, ist bisher nicht bekanntgeworden. Vielleicht will er die Immobilie nicht nur behalten, weil sie die erste und auch noch in besonders attraktiver Lage ist, die das Unternehmen in Berlin hochgezogen hat. Immerhin zahlt der Kassenverband, bliebe er Mieter, auch 3 Millionen Euro Miete, Jahr für Jahr.

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