https://www.faz.net/-gqe-8oqdf

Immobilienjahr 2016 : Ende gut, Elphi gut

Was sagt Andrej Holm?

Andrej Holm hätte dazu bestimmt einiges zu sagen. Der Berliner Stadtsoziologe und Aktivist wetterte gegen die Gentrifizierung schon zu einer Zeit, als es noch nicht zum guten Ton einer Großstadtparty gehörte, sich zwischen Gin Tonic und Wasabi-Nüssen gegen Verdrängung und hohe Mieten zu ereifern. Diese Rolle als Avantgardist brachte ihm 2007 sogar eine Verhaftung ein, weil im Bekennerschreiben einer militanten Gruppe das besagte Wort aufgetaucht war und Andrej Holm damit verdächtig machte. Mittlerweile ist das Thema „bezahlbares Wohnen“ nicht mehr nur Nebenkriegsschauplatz der Politik, sondern eines ihrer Hauptschlachtfelder. Und so ist es nur konsequent, dass der rot-rot-grüne Senat den linken Aktivisten zum Staatssekretär fürs Wohnen ernannt hat. Ob er die kapitalistischen Verdränger nun selbst aus Berlin verdrängen kann, ist noch offen: Wieder könnte ihm ein Wort zum Verhängnis werden, dieses Mal allerdings eines, das er unterschlagen hat, nämlich dass er hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter war.

Bauen wie im Rausch

Anhänger eines freien Marktes können Holms Rezepten nichts abgewinnen. Sie fordern nicht mehr Regulierung, sondern mehr Neubau. Tatsächlich wird in Deutschland gebaut wie schon lange nicht mehr. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden mehr als 300 000 Baugenehmigungen erteilt, das ist fast ein Viertel mehr als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. So viel gebaut wurde zuletzt 1999. Ein Großteil entfällt laut Statistischem Bundesamt auf den Wohnungsbau: Fast ein Drittel der Baugenehmigungen sind für Mehrfamilienhäuser mit drei oder mehr Wohnungen erteilt worden, 27 Prozent entfielen auf Einfamilienhäuser und 6 Prozent auf Zweifamilienhäuser. Es wird auch ordentlich vergrößert, verschönert und saniert: Für An- oder Umbauten wurden 43 600 Baugenehmigungen erteilt, die höchste Zahl seit 1998.

Ein Ungetüm namens Wohnimmobilienkreditrichtlinien

Der Run auf Immobilien ist manchem unheimlich. Auch in der Politik. Nur die besten Absichten verfolgte daher die Wohnimmobilienkreditrichtlinie, die seit März 2016 in Deutschland gilt. Die Bundesregierung wollte damit als Lehre aus der Finanzkrise Immobilienblasen verhindern und die Menschen davor schützen, Kredite für ihre Häuser aufzunehmen, die sie gar nicht bedienen können. Deshalb sollte die Kreditwürdigkeit der Kunden strengeren Auflagen genügen. Doch kaum war die neue Regel in Kraft, beschwerten sich Banken und Kreditkunden. Aus Angst, juristisch belangt zu werden, wurden einige Banken mit der Vergabe zurückhaltender. Vor allem ältere Menschen mit geringer Rente und junge Familien mit noch geringem Einkommen kamen schwerer an Baukredite. Nun bessert die Bundesregierung nach. Ein neuer Gesetzentwurf soll die Kreditleitlinien anpassen - wie genau, ist noch nicht bekannt. Zudem soll bei der Kreditvergabe die Wertsteigerung der Immobilie durch Baumaßnahmen und Renovierung berücksichtigt und der Immobilienverzehrkredit ausgenommen werden, den Rentner auf ihr Haus aufnehmen, um etwa davon zu leben.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.