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Häusermarkt : Britische Immobilien erreichen Rekordpreise

Immobilien sind für viele Briten zurzeit unbezahlbar Bild: dpa

Ein durchschnittliches Haus ist so teuer wie nie zuvor – trotz Brexits. Allein im September sind die Immobilienpreise um mehr als 7 Prozent gestiegen. Das liegt an speziellen Corona-Effekten und auch einem Steuerbonus.

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          Ungeachtet mancher ökonomischer Post-Brexit-Turbulenzen im Vereinigten Königreich entwickelt sich der britische Immobilienmarkt weiter glänzend. Im September wurde mit 7,4 Prozent Plus zum Vorjahresmonat der stärkste Preisanstieg seit 14 Jahren gemessen. „Das durchschnittliche Haus ist jetzt so teuer wie noch nie zuvor“, sagte Russell Galley, Manager bei der Bank Halifax, die den Häuserpreisindex berechnet.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Im Durchschnitt aller Regionen kostet ein typisches Haus, das auf der Insel eher klein ist, nun 267.500 Pfund (310.000 Euro), so der Halifax-Index. Seit dem Ende des ersten Corona-Lockdowns im Sommer 2020 sind die Preise um 28.000 Pfund gestiegen. Hinter dem nationalen Durchschnitt verbergen sich gewaltige Unterschiede. In London kostet ein Häuschen oder eine Wohnung doppelt so viel wie im Rest des Landes. Preise weit über eine Million Pfund sind in besseren Vierteln die Norm.

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          Günstige Hypothekenkredite

          Den starken Aufschwung des Immobilienmarktes in den anderthalb Jahren nach dem Brexit und besonders während der Corona-Zeit haben Prognostiker nicht erwartet. „Das war eine Überraschung“, gibt Andrew Burrell zu, Chef der Immobilienmarktanalysen bei Capital Economics in London. „Vor einem Jahr hätten wir nicht geglaubt, dass das alles passiert.“ Selbst während der tiefsten Corona-Rezession rutschte der Markt nicht ab.

          Mehrere Faktoren haben die Preise während der Corona-Zeit beflügelt. Zum einen profitieren Hauskäufer von den niedrigen Zinsen und günstigen Hypothekenkrediten. Zum anderen hat der Staat den Arbeitsmarkt gestützt. Viele Briten wünschen sich seit den Corona-Lockdowns mehr Wohnfläche, betont Halifax-Manager Galley, die Nachfrage nach größeren Häusern stieg. Von einer Flucht aufs Land war zeitweilig die Rede. Hinzu kam ein weiterer spezieller „Pandemieeffekt“, erklärt Burrell: Während der Lockdowns hat die Mittel- und Oberschicht mehr Geld gespart als gewöhnlich, dieses Geld möchten viele nun ausgeben.

          Ein wichtiger Faktor war auch die Steuerpolitik. Finanzminister Rishi Sunak hat zur Stützung des Häusermarktes die Grunderwerbsteuer zeitweilig ausgesetzt, die Briten sprechen von „Steuerferien“. Bis zu einer halben Million Pfund Kaufpreis wurden die 3 Prozent Steuer erlassen. Die Steuerpause lief Ende September aus – das hat viele Käufer angereizt, jetzt schnell noch zuzugreifen. „Auch nach dem Ende der Steuerferien erwarten wir keinen Absturz, höchstens eine Verlangsamung des Preisanstiegs“, sagt Burrell.

          Ein kleines Eigenheim ist für Erstkäufer schwer erschwinglich

          Die Immobilien- und Baubranche ist wichtig für die Volkswirtschaft der Insel. Die meisten Briten sind Hauseigentümer, zu mehr als zwei Dritteln besitzen sie ein Eigenheim, dies ist der Hauptteil ihrer Vermögen. Die Entwicklung der Preise ist daher auch ein Politikum. Zum Brexit wurde von Pessimisten ein Einbruch vorhergesagt, der aber ausgeblieben ist. Lediglich in London haben die Preise, besonders im Spitzensegment, zeitweilig nachgelassen. Der nationale Durchschnittspreisanstieg verlangsamte sich 2018 und 2019 auf etwa 2 Prozent, um dann 2020 und 2021 kräftig anzuziehen.

          Wie stark der zum 1. Januar 2020 vollzogene Brexit den Immobilienmarkt wirklich bewegt hat, ist schwer zu sagen, findet Burrell. Einige EU-Bürger haben das Land verlassen, besonders aus dem Großraum London. Die Rede war von mehreren Hunderttausend weggezogenen EU-Ausländern. Künftig wird weniger Zuwanderung nach Britannien erwartet. „Die demographischen Trends dürften den Markt etwas drücken“, sagt Burrell. Die hohen Mieten in London sind etwas gesunken.

          Im Spitzensegment der absoluten Luxusimmobilien sieht man derzeit aber keine Delle, im Gegenteil, die Preise erklimmen weitere Rekordhöhen. Vergangenes Frühjahr zahlte ein chinesischer Milliardär mehr als 210 Millionen Pfund (245 Millionen Euro) für einen siebenstöckigen feinen Altbau mit 45 Zimmern im Nobelstadtteil Knightsbridge. Superreiche Asiaten, Russen und Araber kaufen sich Luxusapartments und Zweitwohnungen in der britischen Metropole. Nach Angaben des Immobilienmaklers Beactive sind derzeit 317 Immobilienobjekte mit Angebotspreisen oberhalb von 10 Millionen Pfund auf dem Markt. Die globale Elite kaufe derzeit verstärkt in London, heißt es.

          Am unteren Ende des Marktes häufen sich dagegen die Klagen, dass wegen der gestiegenen Preise ein kleines Eigenheim für Erstkäufer schwer erschwinglich wird. Nächstes Jahr erwarten Ökonomen, dass die Leitzinsen ansteigen werden. Das könnte den Markt dämpfen.

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