https://www.faz.net/-gqe-7xhib

Portal für Zimmervermittlung : Airbnb verhökert Kreuzberg

Lässige Altbau-Bewohner im Wrangelkiez Bild: Gyarmaty, Jens

Wohnungsvermittler aus dem Internet bieten Touristen authentisches Kiezleben in Berlin. Doch die Einheimischen finden keine Wohnung mehr. Welche Veränderungen das mit sich bringt, zeigt sich im Wrangelkiez besonders deutlich.

          6 Min.

          Golden glänzt der lebensgroße Buddha im bunten Licht unter der Restaurantmarkise. Seine Hände liegen im Schoß. Freundlich entrückt lächelt er die Touristen an. Wer will, kann sich gleich hier niederlassen in der Falckensteinstraße in Berlin-Kreuzberg. Essen bei Buddha – das ist für viele der Einstieg in den Wrangelkiez, ein Stadtviertel in Berlin-Kreuzberg.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Kiez hat in den vergangenen Jahren eine rasante Veränderung durchgemacht. „Früher war hier nach Ladenschluss um 18 Uhr nichts mehr los“, sagt Sebastian Kraus, der seit 1986 im Wrangelkiez wohnt, „von ein paar Alt-Berliner Kneipen einmal abgesehen.“ Heute ist der Wrangelkiez ein Ausgehviertel, das in jedem Reiseführer empfohlen wird, seine Clubs gehören zu den Hotspots der Stadt.

          Und die jungen, feierlustigen Touristen geben sich nicht damit zufrieden, in die Clubs zu strömen – sie wollen auch mitten im Kiez wohnen. Dabei hilft ihnen, dass das Berliner Angebot auf Plattformen der sogenannten „Sharing Economy“ wie dem Online-Zimmervermittler Airbnb in letzter Zeit enorm zugenommen hat. Manche Besucher zieht es deswegen schon gar nicht mehr in die Clubs. Stattdessen besorgen sie sich im nahegelegenen Görlitzer Park die Drogen ihrer Wahl und feiern einfach nächtelange Partys in ihren Unterkünften.

          Wie wär's mit einer dreistündigen Food- und-Street-Art-Tour?

          Neben Lärm bis in die frühen Morgenstunden und vermüllten Straßen hat diese Entwicklung für die Bewohner im Wrangelkiez vor allem eine Konsequenz: Es wird immer schwieriger, dort normale Mietwohnungen zu finden. Die in Berlin lebende Grafikerin Alice Bodnar dokumentiert diesen Trend seit einiger Zeit kartographisch. Über die Internetportale Immoscout und Airbnb trug sie für unterschiedliche Berliner Viertel Angebote für Miet- und Ferienwohnungen zusammen. Das Ergebnis: Während es in bestimmten Stadtteilen kaum mehr Wohnungen zu mieten gibt, nimmt die Anzahl der angebotenen Touristenabsteigen geradezu überhand: Im Wrangelkiez kam diese Woche auf mehr als 100 Airbnb-Angebote nur ein Angebot für eine reguläre Mietwohnung.

          Wer ein paar Tage im Wrangelkiez Urlaub machen will, hat die Qual der Wahl. Wer dorthin ziehen will, nicht.

          „Es war mir schon klar, dass in besonders beliebten Kiezen Berlins ein gewisses Gefälle zwischen angebotenen Ferienwohnungen und regulären Mietwohnungen existiert“, sagt Bodnar, „überrascht hat mich dann aber doch das Ausmaß.“ Dabei hat sie auf ihren Karten nur die Angebote von Airbnb und von denen auch nur komplette Wohnungen eingetragen. Eigentlich wirbt Airbnb damit, dass Privatleute über das Portal zeitweise ihre Wohnungen vermieten und damit ein bisschen Geld dazuverdienen können. Doch in die meisten Wohnungen, die das Portal in Berlin anbietet, ist nie jemand richtig eingezogen. Denn es ist lukrativer, sie als Ferienwohnungen zu vermieten. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist mittlerweile jede 50. Wohnung zumindest zeitweise bei Airbnb im Angebot.

          Sebastian Kraus erinnert sich an Zeiten, als der Wrangelkiez noch kein Touristenmagnet war. Der fünfzigjährige Kiezautor beobachtet die Entwicklungen im Wrangelkiez seit fast 30 Jahren, seit 2009 schreibt er einen Blog-Roman über sein Viertel. Früher habe den schmucklosen Kiez am Rand von Kreuzberg kaum einer beachtet. „Inzwischen ist er zur Sehenswürdigkeit geworden“, sagt Kraus, während er die Wrangelstraße entlanggeht. So empfiehlt etwa der englischsprachige Lonely Planet: „Beginnen Sie Ihre Abendrunde durch Berlin mit einer dreistündigen Food- und-Street-Art-Tour in Kreuzberg und dem charmanten Wrangelkiez.“ Sogar die „Spätis“ werden dort erwähnt, kleine Spätkauf-Läden, in denen man sich mit Zigaretten und Alkohol versorgen kann.

          Weitere Themen

          Die Stadt braucht Dichte

          Lehren aus der Corona-Krise : Die Stadt braucht Dichte

          Die Erfahrung sozialer Isolation durch die Pandemie hat es gezeigt: Die belebten Straßen und Plätze der Gründerzeitquartiere fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für den Neubau haben wir daraus nichts gelernt. Ein Gastbeitrag.

          Unter Beobachtung

          Co-Living in der Pandemie : Unter Beobachtung

          Co-Living und Co-Working beruhen auf der Idee des Teilens von Raum und Ressourcen. Wie meistern gemeinschaftliche Wohnprojekte eine Zeit, in der genau das nicht mehr angesagt ist?

          Topmeldungen

          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.