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Der Klotz des Anstoßes

Text von JUDITH LEMBKE, Fotos von OLE WITT

10.10.2018 · Das Ihme-Zentrum in Hannover ist gebaute Stadt-Utopie der siebziger Jahre. Obwohl in Teilen eine Ruine, zieht der Komplex neue Bewohner an.

S ie habe in den 42 Jahren noch nie darüber nachgedacht auszuziehen, wirklich noch nie, sagt Erika Winger. Die alte Dame klingt dabei fast ein bisschen trotzig, wie jemand, der es gewohnt ist, mit dem Satz ungläubige Blicke hervorzurufen. Winger steht auf vom Esstisch, einer Kaffeetafel mit Spitzendeckchen und sterlingsilbernen Kännchen, geht zum Fenster und zeigt in den grauen Himmel. „Als wir eingezogen sind, konnten wir noch die Rosette vom Neuen Rathaus sehen, aber mittlerweile sind die Pappeln zu hoch gewachsen“, sagt sie.

Schon vor mehr als vierzig Jahren wurde in Hannover kritisch beäugt, wer wie Familie Winger ins damals neugebaute Zentrum am Ufer der Ihme zog. In der Schule hörten die Töchter, in dem Komplex lebten doch nur die Reichen. Wenn Winger heute jemandem erzählt, wo sie wohnt, wird sie stattdessen gefragt, ob sie keine Angst habe. Und hat sie? Die alte Dame schüttelt den Kopf so kräftig, dass sich ihre bunte Kette bewegt. „Ich bin kein ängstlicher Mensch.“ Erika Winger ist 78 Jahre alt, verwitwet und längst in Rente, aber ihr Terminkalender ist so voll, dass für Angst darin kein Platz ist: Sie sitzt im Integrationsbeirat des Stadtteils, kümmert sich bei der Arbeiterwohlfahrt um Senioren und Schwarzafrikaner, spielt Flöte und neuerdings auch Gemshorn. Und wenn sie abends von einem Konzert zurückkommt, geht sie höchstens einen Schritt schneller, wenn sie die Ruine im Erdgeschoss durchqueren muss, um in ihre Wohnung zu gelangen.

Erika Winger

Winger lebt im umstrittensten Gebäude der Stadt – und über dem größten zusammenhängenden Betonfundament Europas. Zum Ihme-Zentrum hat in Hannover jeder eine Meinung, meistens keine gute. Zu groß für das menschliche Maß erscheint dieser Koloss am Fluss, der sich zum Wasser öffnet, aber zum belebten Altbauviertel Linden in seinem Rücken verbarrikadiert. Ein brutalistischer Klotz, wie er von den Mitgliedern der RAF genannt wurde, die zeitweilig im Ihme-Zentrum eine konspirative Wohnung unterhielten. Größenwahn aus Stahlbeton, aber in der Fassade so primärfarbig, kleinteilig und wuselig, dass der Anblick eher verwirrt als beeindruckt. Sie wirkt wie ein Wimmelbild, in dem sich der Betrachter verliert, weil das Auge nirgendwo Halt findet. Und seitdem eine abgebrochene Sanierung das Sockelgeschoss vor zehn Jahren in eine Ruine verwandelte, sind sich viele Stadtbewohner einig: „Abreißen!“


„Für das Geld hätten wir uns auch ein Häuschen im Grünen kaufen können, aber wir wollten hierher.“
ERIKA WINGER

Dabei ist der gewaltige Bau mit seinen 700 Metern Länge und 200 Metern Breite eine Ausnahmeerscheinung. Auf bis zu 23 Geschossen beherbergt es mehr als 2000 Menschen in 800 Wohnungen, Teile der Hannoverschen Stadtverwaltung, die Stadtwerke und unzählige Tauben. Das Ihme-Zentrum ist Zeuge einer Zeit, als Hannover mehr sein wollte als die „Königin der deutschen B-Städte“, wie die niedersächsische Landeshauptstadt sich heute vermarktet. In der norddeutschen Tiefebene wollte man Anfang der siebziger Jahre eine Zukunft bauen, die damals noch Verheißung war: eine funktionstüchtige Stadt, „mit hoher Dichte für gesellschaftlichen Fortschritt und rationale Lebensplanung“, wie Stadtbaurat Hanns Adrian versprach.

  • Zu groß für das menschliche Maß
  • Das Ihme-Zentrum hat das größte zusammenhängende Betonfundament in Europa.
  • Seit die Sanierung vor zehn Jahren abgebrochen wurde, verfallen die unteren Geschosse.

Das Ihme-Zentrum war ein Teil dieses Plans: eine Stadt in der Stadt, ein riesiger Komplex, in dem man nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten und einkaufen sollte, alle Funktionen übereinandergestapelt an einem Fleck. „Die Planer hatten eine Utopie, sie glaubten wirklich, dass die Städte in der Zukunft einmal alle so aussehen würden wie das Ihme-Zentrum. Und sie hatten den Rückhalt in der Bevölkerung“, sagt die Architektin Karen Beckmann, die über Großwohnkomplexe wie das Ihme-Zentrum oder auch das Barbican Center in London geforscht hat. Aber wie wohnt es sich in einer vergangenen Utopie?

Erika Winger war von der Wohnidee von Anfang an begeistert und ist es noch immer. „Für das Geld hätten wir uns auch ein Häuschen im Grünen kaufen können, aber wir wollten hierher.“ 1976 zog sie mit Mann und zwei Töchtern in fünf Zimmer, „hell und super geschnitten“, wie sie sagt, und so individuell, dass sie für jedes Zimmer einen Teppichboden in anderer Farbe aussuchte. Die Idee von Wohnen und Arbeiten an einem Ort lebte sie. Morgens arbeitete sie als Sekretärin bei den Stadtwerken auf der anderen Seite des Zentrums, auf dem Weg nach Hause kaufte sie noch schnell im Supermarkt im ersten Stock ein und konnte dann mit dem Einkaufswagen bis zu ihrer Wohnungstür fahren. Nachmittags traf man sich an der Eisdiele an der Piazza mit kleinem Springbrunnen davor. In ihrer direkten Nachbarschaft kannte sich jeder, Silvester ging man mit einer Sektflasche von Tür zu Tür. Was die alte Dame von den ersten Jahren erzählt, klingt nicht nach anonymer Großsiedlung, sondern nach Reihenhausglück – nur in der Vertikalen.


„Die Planer hatten eine Utopie, sie glaubten wirklich, dass die Städte in der Zukunft einmal alle so aussehen würden wie das Ihme-Zentrum.“
KAREN BECKMANN, ARCHITEKTIN

Von dem Treiben, das in der Einkaufszone herrschte, als ganz Hannover ins Ihme-Zentrum zum Flanieren strömte und dort regelmäßig Schlagerstars auftraten, zeugen nur noch alte Fotos und Postkarten. Die Geschäfte und Menschen sind schon lange weg. Zwischen den nackten Pfeilern wohnen nun die Tauben. An einigen Stellen ist der Beton aufgeplatzt, gelbe Dämmwolle quillt heraus. Die Gehwegplatten sind aufgebrochen, aus den Ritzen sprießt Grün. Die Natur hat in einem Jahrzehnt Verwahrlosung und menschlicher Abwesenheit begonnen, den Bau zurückzuerobern. Ein Greifvogelpärchen hat sich einquartiert, das Jagd auf Tauben macht, und auch Fledermäuse nisten im unbehausten Skelett.

Ilse Paul, Fotografin, Bewohnerin seit 12 Jahren
Petra und Peter Haverkamp, Kauffrau, Architekt, Bewohner seit 3,5 Jahren

Seit sich der Komplex in zwei Welten spaltete, sitzen die bewohnten Obergeschosse mit den gepflegten Eigentumswohnungen und Teile der Stadtverwaltung auf einer Ruine. Denn die Gesellschaft, die das Ihme-Zentrum wieder beleben wollte ging 2009 im Zuge der Finanzkrise pleite. Der amerikanische Großinvestor Carlyle war ein paar Jahre zuvor angetreten, die Gewerbeflächen zu sanieren. Für 200 Millionen Euro sollte die Ladenzeile mit dem Charme der Siebziger fit für neue Mieter und Käufer gemacht werden, die im Laufe der Jahre ausgeblieben waren. Die noch übriggebliebenen Geschäfte zogen aus, der Umbau begann. Doch dann brach die Investmentbank Lehman Brothers zusammen, und das Ihme-Zentrum wurde als erstes Großprojekt in Deutschland mit in den Abgrund gerissen. Seitdem leben Erika Winger und ihre Nachbarn über einer Baustelle, die zunehmend verfällt.


„Wir wollen das Sockelgeschoss wiederherstellen, vermietbar machen und beleben.“
SASCHA HETTRICH, INTWOWN-GESCHÄFTSFÜHRER

Manche Bewohner sind weggezogen, weil sie den Verfall nicht mehr aushielten. Viele Eigentümer harren aus, sie lieben den Blick aus ihrem Küchenfenster, die Lage mitten in der Stadt und auch die Nachbarschaft, die zusammen mit den Mauern gealtert ist. Mancher ist auch hinzugekommen: Weil die Mieten günstig sind, sie die Architektur der siebziger Jahre mögen oder gerade weil es sich im Ihme-Zentrum ein bisschen nach Bronx anfühlt im ansonsten etwas biederen Hannover. Die Brache bietet Lücken, die sich langsam füllen mit kleinen Galerien, Theaterproben und einem Garten aus Europaletten.

Lilith, Heilerin, Bewohnerin seit 4 jahren
Jan-Philippe Lücke, Künstler, Bewohner seit 5 Jahren

„Ganz oft, wenn ich einen Rundgang anbiete, melden sich danach Leute, die einziehen wollen“, sagt Constantin Alexander. Er hat sehr viele Rundgänge durch das Ihme-Zentrum gemacht in den vergangenen Jahren. Alexander ist so etwas wie der inoffizielle Botschafter des Baus, seit er vor vier Jahren einzog, um die Probleme und Potentiale des Komplexes für seine Uni-Abschlussarbeit zu erforschen.

„Das Zentrum fasziniert mich seit meiner Kindheit“, sagt Alexander. Es wirke wie eine verwunschene Burg am Fluss, irgendwie einschüchternd, aber auch so, als lägen hinter der Fassade viele Geheimnisse verborgen.

Constantin Alexander

Seit seinem Einzug ist viel passiert: Er hat einen Dokumentarfilm über das Zentrum gedreht, für den er Bewohner und Zeitzeugen befragte, unter anderem auch den Investor Carl Schaetzle, der den Komplex in den siebziger Jahren errichtete. Später, nachdem der Baulöwe mit dem Projekt pleitegegangen war, sollte er es einmal als „sein persönliches Stalingrad“ bezeichnen. Außerdem haben Alexander und seine Mitstreiter eine „Zukunftswerkstatt“ gegründet, die dem Koloss neues Leben einhauchen, ihn „von einem Symbol für Spekulation in ein Symbol für Erneuerung verwandeln“ soll, wie Alexander sagt. Seine Vision ist, das Ihme-Zentrum zu einer Art Reallabor zu machen, in dem alles erprobt werden kann, was in der Stadtentwicklung gerade angesagt ist: Smart soll es werden, grün und ebenso Industrie 4.0 beherbergen wie Kunst und Kultur.

Katja Volkhardt, Immobilienmaklerin, Bewohnerin seit 3 Jahren
Herr und Frau Schwärzel, Rentner, Bewohner seit 23 Jahren

Das Ihme-Zentrum sei ein großartiges Experimentierfeld, ist Alexander überzeugt – wäre da nur nicht der neue Eigentümer. 2015 hat die Berliner Intown Group die Gewerbeareale das Ihme-Zentrums für 16,5 Millionen Euro ersteigert. Passiert ist seitdem nicht viel, außer dass mittlerweile ein paar Visualisierungen aufgehängt wurden, die ein ähnlich lebendiges Übermorgen versprechen, wie es das Gestern einmal war. Mittlerweile hat auch die Stadt Druck ausgeübt und gedroht, mit ihrer Verwaltung auszuziehen, wenn nicht saniert wird. Doch Alexander ist skeptisch und verweist auf die anderen Immobilien des Eigentümers, zu denen auch die Wohnsiedlung Hannibal II in Dortmund gehört: Sie musste vor einem Jahr wegen Brandschutzmängeln geräumt werden und steht seitdem leer. Wie viele andere Bewohner ist er nicht überzeugt, ob der neue Eigentümer wirklich sanieren oder nur die Miete herausziehen will.

Intown-Geschäftsführer Sascha Hettrich weist die Vorwürfe von sich. „Wir wollen das Sockelgeschoss wiederherstellen, vermietbar machen und beleben“, sagt er. Man sei auf Problemimmobilien spezialisiert, die man neu positionieren wolle, beschreibt Hettrich das Geschäftsmodell. Und warum ist nichts passiert? „Es ist wirklich eine sehr komplexe Immobilie“, sagt der Geschäftsführer und dass Intown mehr als ein Jahr gebraucht habe, um überhaupt herauszufinden, welche Flächen ihnen jetzt genau gehören.

Silvia Hahn, Büroangestellte, Bewohnerin seit 10 Jahren
Kilian Moser, Arbeitssuchend, Bewohner seit 4 Jahren

Vielleicht ist im Ihme-Zentrum alles komplizierter als anderswo, weil es ein ganz eigener Kosmos ist – eben eine „Stadt in der Stadt“. Und in dieser Stadt wird nicht nur gewohnt und gearbeitet, es gibt auch unterschiedliche Viertel, bessere und schlechtere. Da sind die bürgerlichen „Südstaaten“ mit ihren Eigentumswohnungen und den Geranien in den Balkonkästen. Und dann gibt es die „Nordstaaten“. Dort wohnt der Künstler und neugebackene Bürokaufmann Jan-Philippe Lücke, in einem roten Hochhaus, über das es früher wahlweise hieß, dass dort nur Nutten und Junkies oder Selbstmörder lebten. In das Haus gelangt man seit Jahren über eine provisorische Bautreppe, aber Lücke stört das ebenso wenig wie das Jaulen, das immer auftaucht, wenn er den Wasserhahn aufdreht, und das er liebevoll „mein Turmgespenst“ nennt. Seine Einzimmerwohnung steht voller Bilder, und wo keine stehen, sind Farbkleckse. „Ich komme vom Dorf und liebe Hochhäuser, denn sie sind für mich der Inbegriff von Urbanität“, sagt er, während das Rauschen des Feierabendverkehrs durchs offene Fenster dringt. Lücke gehört zu den Bewohnern der neuen Generation, für die das Zentrum mehr ist als eine Möglichkeit, günstig in der Stadt zu wohnen. Sie begreifen den Komplex als ihren Raum zur Selbstentfaltung.

Lücke ist im Vorstand der Zukunftswerkstatt, hat einen alternativen Weihnachtsmarkt organisiert, einen Kurzfilmwettbewerb ausgelobt und sich dafür eingesetzt, dass Künstler in die leeren Flächen ziehen können. Im Moment wird in den Räumen der Zukunftswerkstatt ein Stück über das Leben der Pornoqueen Teresa Orlowski geprobt – eine andere Hannoveraner Berühmtheit, an der sich die Geister scheiden.

Zhinzhou Wang, Student, Bewohner seit 2,5 Jahren
Tessi, Bewohnerin seit 32 Jahren

Wenn das rote Hochhaus der soziale Brennpunkt des Zentrums ist, lebt Katja Volkhardt im Villenviertel. In einer Penthouse-Wohnung, die ein Geschäftsmann jahrzehntelang für „repräsentative Zwecke“ hielt, vielleicht auch für wechselnde Geliebte, wer weiß. In ihrer Wohnung ist noch einiges original aus den Siebzigern: die Einbauschränke in der Küche in sattem Orange oder die gelbgrün gemusterten Fliesen im Bad. Für die Immobilienkauffrau Volkhardt ist das Ihme-Zentrum eine alte Liebe. „Ich habe hier früher bei der Hausverwaltung gearbeitet und fand die Wohnungen immer toll“, sagt sie. Zunächst wohnte sie jedoch in einem alten Fachwerkhaus auf dem Land, bevor sie sich vor einigen Jahren die Wohnung im Ihme-Zentrum kaufte. Für sie passe das Wohnkonzept aus den siebziger Jahren wie ein Handschuh: unten gemütlich, mit privaten Bereichen und einem Bad an jedem Schlafzimmer, oben repräsentativ und großzüzig – wie gemacht für eine Dinnerparty mit Blick auf die Nachtlichter der Stadt.

Auch Architektin Beckmann, die über Großwohnkomplexe geforscht hat, sieht die Grundrisse als einen wichtigen Aspekt, warum viele Bewohner trotz des Verfalls dem Ihme-Zentrum treu bleiben. „Die Wohnungen sind ziemlich innovativ“, sagt die Architektin. Anders als früher öffnet sich die Küche zum Wohnraum, damit die Frau bei der Gästebewirtung nicht in der Küche verschwindet, sondern an den Gesprächen teilnehmen kann. „Hier zeigte sich die neue Rolle der Frau.“ Zudem wurden die Käufer schon früh in die Planung mit eingebunden und konnten die Wohnung nach ihren Vorstellungen mitgestalten. „Das hat eine hohe Bindung erzeugt“, ist Beckmann sicher.

Eduard, Theresa & Mayan, Studenten, Bewohner seit 3 Jahren
Pascal Richau, Auszubildener, Bewohner seit 4 Jahren

Auch Volkhardts Wohnung wirkt in ihrer Großzügigkeit erstaunlich modern. Vor dem großen Fenster geht eine Nachbarin vorbei, man winkt sich freundlich zu. Von Anonymität keine Spur. Vielleicht liegt das an den zahlreichen Gemeinschaftsflächen, auf denen sich die Bewohner begegnen. Vielleicht eint auch die Reaktion auf die Adresse. „Schlechter Ruf schweißt zusammen“, sagt Volkhardt. Und doch hat Volkhardt ebenso wie Jan-Philippe Lücke, Constantin Alexander und auch Erika Winger die leise Hoffnung, dass sich etwas bewegt. Dass die Stadt die Möglichkeiten begreift, die in diesem Betonkoloss stecken, und ihn nicht nur als Schandfleck sieht. Oder, wie Karen Beckmann sagt: „Ich glaube, dass die Architektur der siebziger Jahre wieder hip wird.“

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 10.10.2018 10:18 Uhr