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Nesthocker : Wenn das Kind nicht ausziehen will

Das Leben ist schön - und bequem, wenn man die Verantwortung auch als Erwachsener noch ein Weilchen den Eltern überlässt. Bild: F1online

Junge Erwachsene wohnen heute immer länger bei ihren Eltern. Gute Gründe gibt es dafür genug. Doch kann das gutgehen?

          Manchmal fragt sich Susanne, was sie falsch gemacht hat. Wenn sie mal wieder zwischen die Fronten gerät bei ihrem Mann und ihrem Sohn, dann weiß sie nicht recht, zu wem sie halten soll. Eigentlich versteht sie ja beide: ihren Mann Klaus, der sagt, es sei doch nun endlich Zeit, dass Markus mal ausziehe, jetzt, wo er studiere. Ob er denn gar nicht erwachsen werden wolle. Genauso nachvollziehbar findet sie, dass ihr Sohn mit seinen 23 Jahren noch zu Hause wohnt. Er kann neben dem Studium gar nicht genug arbeiten, um sich hier in der Großstadt eine eigene Wohnung leisten zu können. Wirtschaftswissenschaften, damit verdient man später viel Geld - aber im Moment? Insgeheim genießt sie es auch, dass „ihr Großer“ gar nicht daran denkt, das Weite zu suchen. Schließlich verstehen sie sich alle drei ganz gut - normalerweise. Dann kommen diese Sonntage, an denen Markus mittags muffelig durch die Wohnung schlurft, wenn er endlich aufgestanden ist. Hat er die Nacht durchgefeiert, ist er nicht ansprechbar. Das sind die Momente, in denen es zwischen Vater und Sohn kracht und Susanne zweifelt: Wie teilen drei Erwachsene sich 120 Quadratmeter, ohne dauernd zu streiten?

          Nadine Oberhuber

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der frühe Auszug aus dem Elternhaus ist tatsächlich nicht gerade das, was bei jungen Erwachsenen im Trend liegt. Im Gegenteil: Jeder dritte unter Dreißigjährige wohnt noch bei den Eltern, belegen die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Von den unter Vierundzwazigjährigen sind sogar noch rund 70 Prozent Nesthocker. Deutlich nach hinten verschoben hat sich das Durchschnittsalter, in dem der Nachwuchs flügge wird, in den vergangenen 20 Jahren. Die heutige Generation zieht erst drei bis vier Jahre später aus als ihre Vorgänger 1990. Frauen verlassen traditionell früher das Elternhaus, meist mit 22 Jahren. Männer müssen erst 26 werden, bevor sie mehrheitlich nicht mehr bei Muttern wohnen.

          In Japan gelten Nesthocker als nationaler Problemfall

          Sollten sich die Eltern nun freuen, dass ihnen die Kinder noch ein wenig erhalten bleiben, bevor sie in die Welt hinausziehen? Oder muss man sich Sorgen machen, weil die jüngere Generation offenbar nicht so recht auf eigenen Füßen stehen will? Und züchten viele Familien da am Ende eine Generation von Unselbständigen heran? So wie in Japan, da kennt man das Phänomen der Nichtauszieher auch und hat eine ganze Generation als nationalen Problemfall definiert: Gesundheitswissenschaftler und Behörden warnen, dass sich inzwischen eine Million jungen Menschen lieber daheim im stillen Kämmerlein verbarrikadieren, als sich Arbeit zu suchen und sich ins Leben zu wagen. Hikikomori nennt man die Einsiedler dort, und es gilt als „nationale Tragödie“, dass ihre Zahl steigt. Allerdings gehört zum japanischen Nesthockertum auch der komplette Rückzug von der Außenwelt. Viele Junge verlassen wegen Ängsten und Depressionen überhaupt nicht mehr das Haus, lassen sich das Essen von den Eltern vor die Tür stellen und verbringen ihr Leben lieber online. Davon kann bei den meisten hierzulande nicht die Rede sein. „Und längst nicht jeder, der länger zu Hause wohnt, muss gleich zum Psychologen“, beruhigt Entwicklungspsychologe Michael Thiel, der sich schon um viele jugendliche Nesthocker gekümmert hat.

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