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Holzhaus inkognito : Der Baustoff aus dem Wald kommt in die Metropole

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Weiße Villa: Auf dem Sockel aus Beton sitzt ein Holzkörper. Bild: Jose Campos/Philipparchitekten

Holz wird als Baustoff auch in der Stadt immer angesagter. Dort zeigt sich das warme, natürliche Material bisweilen verblüffend glatt und kühl.

          Die weiße Villa liegt am Hang, man schreitet durch weite, weiße Räume, und der Blick geht über den Pool. Ein „Los Angeles Loft Feeling“ zu bekommen war der Wunsch der Bauherren - obwohl das Haus in einer gewachsenen Siedlung in Frankfurt liegt. Also musste Architektin Anna Philipp ein bisschen zaubern, um das Gefühl von Offenheit mit dem Bedürfnis nach Privatheit zu verbinden. Die stilistische Inspiration dazu fand sie in der Klassischen Moderne mit Flachdach, weißem Putz und klaren Kanten. So wohnt, wer im Jahr 2016 Modernität als Lebensstil signalisiert. Ein Gegenbild zu solchen Konzepten gibt es natürlich auch: die Zirbelstube im Heimatstil, mit viel Holz und gelebter Betulichkeit. Und doch, die weiße Villa in Frankfurt hat ein Geheimnis. Sie ist zu großen Teilen aus einem in der Klassischen Moderne verpönten Material gebaut - aus Holz. Auf einem Geschoss aus Beton lagert ein weiteres mit Holzkonstruktion. Zu sehen ist davon nichts. Alles ist weiß verputzt, der Eindruck ist der von solider, klarer Helligkeit.

          Die Konstruktion wirft Fragen auf. Hält das überhaupt, wenn man Holz auf Beton pflanzt? Arbeitet das Holz nicht? Und warum soll keiner sehen, wie das Haus konstruiert ist? Architektin Philipp nimmt solche Fragen gelassen: „Holz ist heute ein Baustoff auf Augenhöhe zu Beton oder Mauerwerk - mindestens.“ Und den kann man verkleiden, wie man will. „Für mich kommt es darauf an“, fährt die Architektin fort, „dass ich damit die Räume gestalten kann, die meiner Vorstellung entsprechen.“

          Das kann sie. Im Falle des Frankfurter Hauses hat die Planerin aus Untermünkheim in Baden-Württemberg das Holz auch noch mit ein paar Stahlträgern kombiniert, um besonders große Spannweiten zu erzielen. Dafür brauche man jedoch einen Holzbaubetrieb, der offen für Neues sei. In ihrem Fall hat sie den in der Verwandtschaft gefunden. Anna Phillip entstammt einer Familie, die in der elften Generation im Holzbau tätig ist. Chalets, also traditionelle Schweizer Holzhäuser, sagt sie, hätten natürlich auch ihre Berechtigung. In den Bergen. Aber in Deutschland, zumal in Städten, müsste es nicht unbedingt eine Blockhütte sein.

          Ohne Gift und Chemikalien

          Damit thematisiert die Architektin, die in ihrer zwanzigjährigen Karriere schon rund 400 Häuser mit Holzanteil entworfen hat , eine Entwicklung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die deutschen Metropolen zukommen wird: das Bauen mit Holz. Denn durch neue Arten der Be- und Verarbeitung entwickelt sich Holz zu einem Baustoff fern jeder Folklore. Es wird ein Hightech-Material mit hervorragenden Dämmwerten und einer Stabilität, die der des Stahls nahekommt. Nur dass das Holz konkurrenzlos leicht ist. Deshalb wird es gern für Aufstockungen verwendet, es überlastet nicht die Fundamente und verrichtet so einen Dienst an der urbanen Verdichtung. Auf diese Weise können zum Beispiel Quartiere aus den fünfziger oder sechziger Jahren fast doppelt so dicht bebaut werden. Vor gut zehn Jahren erregte deshalb eine Siedlung an der Bebelallee in Hamburg Aufsehen. Die Nachkriegsbauten aus den fünfziger Jahren erhielten nach Plänen des Architekturbüros Blauraum einen hölzernen Aufbau. Trotz der Maßnahmen konnten die Bewohner während des Umbaus in ihren Wohnungen bleiben - das Holz wird im Werk vorgefertigt und in wenigen Tagen vor Ort montiert. Das Beispiel machte Schule. In vielen Städten bekommen ganze Häuserzeilen in Leichtbauweise ein neues Stockwerk nebst Dachterrassen verpasst. Folgt man dem Ansatz von Anna Philipp und vielen anderen Architekten, dann muss das Ergebnis auch nicht unbedingt nach ostentativer Ökoarchitektur aussehen.

          Dennoch: In den Städten ist das Material noch nicht wirklich angekommen. Der Marktanteil im urbanen Geschosswohnungsbau liegt bisher bei nur 5 Prozent. Im süddeutschen ländlichen Raum werden dagegen 25 Prozent der Ein- und Zweifamilienhäuser aus Holz errichtet.

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