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Mut zum Eigenheim : Keine Angst vorm Spießerdasein!

Traut euch: Wenn die Kinder groß sind, wird das Haus im Grünen einfach wieder verkauft. Bild: blend / vario images

Deutschland, einig Mieterland, daran hat sich nichts geändert. Doch vieles spricht für den Hauskauf. Wer Eigentum wagt, gewinnt - meistens.

          5 Min.

          Dem Augenschein nach ist alles klar: Am Bahnhofskiosk füllen die Zeitschriften für Hausbauer und solche, die es werden wollen, ganze Regalwände. Der Architekt ist auf der Party noch umschwärmter als der Fußballreporter. Den durchschnittlichen Quadratmeterpreis in ihrer Stadt können viele ebenso schnell aufsagen wie das eigene Geburtsdatum. Die Deutschen, ein Volk der Immobilienkäufer! Von wegen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Augenschein hat selbst Fachleute getrogen. Sie hatten erwartet, dass wegen rekordniedriger Hypothekenzinsen und einer verstärkten Eigenvorsorge fürs Alter ein Wandel vom Mieterland zum Eigentümerland eingesetzt hat. Denn das selbstbewohnte Haus ist eine der besten Versicherungen gegen Altersarmut. Und in Deutschland ist die Angst vor einem sinkenden Lebensstandard ab Renteneintritt verbreiteter als die vor Arbeitslosigkeit, Drogensucht der Kinder und dem Verlust des Partners.

          Doch Deutschland ist und bleibt ein Land der Mieter, in dem 57 Prozent der Haushalte in einer Wohnung wohnen, die ihnen nicht gehört. Gerade junge Leute bilden immer seltener Wohneigentum, die Quote nimmt bei ihnen sogar ab, hat eine Erhebung der Landesbausparkassen ergeben, Hypothekenzinsen und Altersarmut hin oder her. Es sieht vielmehr danach aus, dass die Deutschen auch in Zukunft ihren Immobilien-Sonderweg beschreiten werden: 65 Prozent der Niederländer und der Franzosen besitzen dem europäischen Statistikamt Eurostat zufolge eine eigene Immobilie, in Italien und Spanien liegt die Eigentümerquote sogar bei 75 bis 80 Prozent. In Deutschland betrage die Quote hingegen nur 53 Prozent - die europäischen Statistiker beziehen sich auf die Einwohner, nicht die Haushalte.

          „Wer kann sich bei den hohen Preisen denn noch eine Immobilie leisten?“, heißt es in der Diskussion an dieser Stelle dann meistens. „So viele Menschen wie noch nie“, sagt Michael Voigtländer, Immobilienökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, und verweist auf die geringe laufende Belastung wegen der niedrigen Zinsen. Die seien nämlich stärker gesunken, als die Preise gestiegen seien. Die Hürden für die Hauskäufer seien vielmehr der hohe Eigenkapitalanteil von üblicherweise mehr als 30 Prozent, mit dem ein Teil des Kaufpreises sowie die Nebenkosten wie Makler und Grunderwerbsteuer gestemmt werden müssen. Trotzdem ist der Immobilienökonom überzeugt: Das Wohnen im Eigenheim ist deutlich günstiger als das Wohnen zur Miete. Für das Wohnungsunternehmen Accentro hat er in einer in dieser Woche vorgestellten Studie untersucht, in welchen der rund 400 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte sich Kaufen mehr lohnt als Mieten. Das Ergebnis lautet: In allen, im Durchschnitt ist Eigentum um 41 Prozent günstiger als Mieten.

          Eher eine Mentalitätsfrage?

          Das gelte selbst für die teuren Metropolen. In Berlin und Hamburg leben Eigentümer mehr als 45 Prozent günstiger, in Stuttgart 35 Prozent, und selbst in München, der teuersten Großstadt Deutschlands, kommen Immobilienbesitzer immer noch 34 Prozent besser weg.

          Nun kann man einwenden, dass das IW bei seiner Analyse die monatliche Tilgung nicht berücksichtigt hat und eine Untersuchung, die für ein Wohnungsunternehmen erstellt wird, schließlich zu keinem anderen Ergebnis kommen könne. Auch potentielle Immobilienkäufer vertrauen auf ihre Wahrnehmung, und die besagt, dass Eltern und Großeltern mit spätestens 40 Jahren im eigenen Haus wohnten, während sie selbst mehrere zehntausend Euro und unzählige Internet-Suchabfragen vom Eigenheim trennen. Doch lässt sich das Gefühl durch Zahlen belegen?

          Zumindest nicht beim Statistischen Bundesamt. Laut den Statistikern aus Wiesbaden hat der Bau eines Wohnhauses im Jahr 1965 umgerechnet durchschnittlich 300 Euro je Quadratmeter gekostet. 50 Jahre später haben sich die Preise verfünffacht, heute kostet ein Quadratmeter Wohnhaus durchschnittlich 1528 Euro. Ein riesiger Sprung. Allerdings haben sich im selben Zeitraum die Nettolöhne mehr als verfünffacht, sind von 327 Euro auf 1761 Euro gestiegen. Zudem lagen die Bauzinsen 1965 bei über 7 Prozent, während sie heute gerade einmal durchschnittlich 1,2 Prozent betragen. Wohneigentum ist heute deutlich erschwinglicher als vor einem halben Jahrhundert. Trotzdem entscheiden sich junge Erwachsene nicht häufiger zum Immobilienkauf als früher, im Gegenteil.

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