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Hauskauf in Amerika : Wo die Schule den Immobilienpreis in die Höhe treibt

Zuhause auf Zeit: Eigentümer in den Vereinigten Staaten sehen ihre Immobilie vor allem als Investment. Bild: Bloomberg

Hauskäufer in Amerika interessieren sich für mehr als nur Größe, Ausstattung und Lage einer Immobilie. Nicht nur Eltern kaufen bevorzugt in Gegenden mit guten Schulen. Das verschärft soziale Probleme.

          5 Min.

          Hauskauf ist Einstellungssache: Wenn Amerikaner ein Hypothekendarlehen aufnehmen, um ein Haus zu erwerben, dann stellen sie sich nie die Frage, wann sie den Kredit abbezahlt haben, sagt Catarina Bannier, Maklerin in Washington. Sie kalkulierten, ob sie sich die monatlichen Zahlungen leisten könnten, aber sie rechneten nicht mit dem Tag, an dem das Haus ihnen einmal komplett gehören könnte. So ist die Immobilie gewiss mit Emotionen verbunden, aber sie wird vor allem als Investition begriffen. Das hat unter anderem die jüngste Umfrage der amerikanischen Maklervereinigung ergeben, der zufolge 84 Prozent den Hauskauf als gute Anlageentscheidung würdigen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ein Haus ist konsequenterweise seltener fürs ganze Leben gedacht als in Deutschland. Der mittlere Hauskäufer erwartet, fünfzehn Jahre in der erworbenen Immobilie zu leben, verrät eine repräsentative Umfrage der Vereinigung amerikanischer Makler vom vergangenen Jahr. Aktuell liegt die durchschnittliche Verweildauer in einem Haus bei rund zehn Jahren, vor der Finanzkrise waren es sogar nur sechs Jahre.

          Allerdings bleiben viele Familien jetzt nur deshalb länger in ihrem Eigenheim, weil ihr Kredit den Wert des Hauses übersteigt. Sie würden beim Verkauf einen Verlust realisieren. Das gilt vor allem für Immobilien fern von den begehrten Metropolregionen wie San Francisco, New York oder Washington. Denn in diesen Großstädten liegen die Hauspreise längst wieder über dem Vorkrisenniveau.

          Gesetz verbietet Diskriminierung

          Amerikaner wollen, das unterscheidet sie nicht von Hauskäufern in anderen Ländern, in guten Gegenden wohnen. Das Interessante: Viele der Informationen, die die Haussuchenden für die Standortwahl als relevant erachten, dürfen Makler gar nicht geben. Das ist das Ergebnis des Fair Housing Act von 1968, das als eines der zentralen Bürgerrechtsgesetze gilt. Das Gesetz verbietet Diskriminierung in allen Fragen, die die Wohnungsbeschaffung betreffen. Das hat zur Folge, dass Makler offiziell gar nicht oder nur sehr spärlich Auskunft geben über demographische Gegebenheiten, ethnische Zusammensetzung, Qualität der Schulen oder die Sicherheitslage, wie die deutschstämmige Immobilien-Expertin Bannier berichtet. Sie und ihre Berufskollegen fürchteten das Wohnungsbauministerium, das regelmäßig Prüfer schicke, die vorgäben, Kunden zu sein. Wenn die Prüfer feststellten, dass Kunden wegen ihre Hausfarbe in unterschiedliche Stadtteile vermittelt würden, drohe eine Strafe bis hin zum Entzug der Maklerlizenz.

          Die beschränkten Auskunftsrechte der Makler stehen freilich im scharfen Kontrast zu den Informationsmöglichkeiten: Die sind unbegrenzt. Alles, was die Kunden wissen wollen, können sie nämlich im Internet auf Immobilienportalen wie Trulia oder Zillow erfahren, auf die Makler im höchst neutralen Ton und mit entsprechenden Links verweisen. In welcher Gegend geht es ruhig zu, welche ist eher unsicher? Die Portale speisen Informationen aus den Polizeiberichten direkt ein und entwickeln so dynamische Landkarten, in der Kriminalitätsschwerpunkte haargenau eingezeichnet sind. Mit wenigen Klicks können sich die Hauskäufer so einen Überblick verschaffen, wie friedlich es in einer Gegend ist.

          Verbrechensstatistik, Schulrankings: Immobilienportale liefern Informationen

          Und auch wenn amerikanische Familien den Immobilienerwerb in erster Linie als Investitionsentscheidung sehen, wird diese doch stark von einem anderen zentralen Anliegen beeinflusst: Mittel- und Oberschichtsfamilien in den Vereinigten Staaten sind besessen von der Idee, ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen. Dafür nehmen sie Kosten, Umzüge oder lange Anfahrten in Kauf und scheuen gelegentlich vor Betrügereien nicht zurück, wie der im März aufgedeckte Skandal zeigte: Reiche Familien, darunter auch die Schauspielerin Felicity Huffman (Desperate Housewives) hatten ihren Kindern die Zulassung zu Elite-Universitäten durch Bestechung erschlichen.

          Die Immobiliendienstleister haben sich auf das Urbedürfnis eingestellt. Kunden, denen gute öffentliche Schulen wichtig sind, finden auf den Immobilienseiten der Makler den Link zum Informationsportal Greatschools.org. Der Betreiber ist eine Organisation, die die Qualität von Schulen misst und in einem Ranking auflistet. Eine wichtige Rolle für die Plazierung spielt das Abschneiden in staatlichen Vergleichstests, die öffentliche Schulen regelmäßig über sich ergehen lassen müssen. Die Ergebnisse werden publik gemacht und von Organisationen wie Greatschools.org oder Niche.com aufgearbeitet und in Rankings eingespeist.

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