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Hausbau : Das Eigenheim, der Beziehungskiller

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Gefährlicher Balanceakt: Der Bau des Eigenheims kann auch die Ehe gefährden Bild: AP

Der Bau eines eigenen Hauses bringt meistens Stress und lässt viele Beziehungen scheitern. Doch mit guter Vorbereitung lässt sich die Ehe auch über diese schwierige Zeit retten. In Österreich gibt es sogar schon Hausbau-Coaching.

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          Herbert Ostermaier, Leiter des Kreditservice bei der Bausparkasse LBS, schaudert, wenn er nur daran denkt. „Eine Trennung während des Hausbaus oder kurz danach, das ist wirklich fast immer eine Katastrophe.“ Dennoch, sagt der Finanzierungsexperte, sei das leider gar nicht selten der Fall. Genaue Zahlen kennt man zwar weder bei der LBS noch in der Finanzierungs- oder Baubranche überhaupt. „Doch gefühlt“, sagt nicht nur Ostermaier, „ist der Prozentsatz schon erheblich.“

          Auch Anette von Holt, freie Architektin in München, kennt das Phänomen. Seit 30 Jahren plant sie überwiegend Eigenheime und hat in dieser Zeit schon diverse Beziehungen scheitern sehen. „Auch solche, von denen ich anfangs dachte, da würde alles passen.“

          Ein Hausbau verdrängt leicht alles andere

          Zwei Szenarien sind es, die im Zusammenhang mit dem Hausbau zur Trennung führen, weiß auch Angela Roethe, Mediatorin bei der in verschiedenen Städten Deutschlands tätigen Streitschule. Entweder das Paar konzentriert sich zwar gemeinsam, aber dermaßen intensiv auf den Hausbau, dass überhaupt kein Platz mehr für andere Dinge bleibt. Ist dann alles geschafft, stellen die Partner fest, dass sie sich sonst nichts mehr zu sagen haben.

          Der Gang zum Baumarkt sollte nicht wichtiger werden als die Freizeit mit dem Ehepartner

          Oder aber einem von beiden ist der Hausbau wichtiger als dem anderen. „Jedes Wochenende war er am Bau, ich saß mit den Kindern in der kleinen Bude, wir sind nicht weggegangen, hatten keinen Sex und auch sonst keinen Spaß mehr zusammen“, schreibt eine junge Frau in einem der zahlreichen Internetchatrooms zum Thema. Zwei Jahre hat sie gelitten, dann die Scheidung eingereicht.

          Die meisten Paare unterschätzen die Belastung

          Die meisten Paare unterschätzen, was ein Hausbau schon im Normalfall für eine Belastung ist, erläutert Expertin von Holt. Fast immer wird die Zeit zu knapp kalkuliert, oft auch das Geld. Und nicht selten kommt beides zusammen. Die Bauherren wollen die Bauzeit möglichst gering halten und setzen sich selbst unter Druck.

          Es bleibt zu wenig Zeit, um über Verträge oder Handwerkerkosten zu verhandeln, das treibt die Kosten in die Höhe. Viele Bauherren versuchen, das finanzielle Budget zu schonen, indem sie selbst Hand anlegen. Die Folge sind häufig Fehler und zusätzlicher Zeitdruck. „Ich hätte nie gedacht, wie lange es dauert, Material einzukaufen, Umtäusche zu machen. Sich mal Ideen zu holen“, lautet ein anderer Chat-Beitrag.

          Die Familiengründung ist ein schlechter Zeitpunkt

          Richtig schwierig wird es, wenn der Hausbau dann auch noch mit einer Phase des Umbruchs zusammenfällt. „Sehr oft“, berichtet Angela Rothe, beginnen Paare genau dann mit dem Bau, wenn sie auch eine Familie gründen oder gerade gegründet haben. Tatsächlich jedoch ist dies ein schlechter Zeitpunkt. Viele Paare sind schon damit überfordert, dass sie Eltern werden. Werden sie dann auch noch Bauherren, bleibt fast zwangsläufig etwas auf der Strecke. Das zeigen auch die Statistiken der deutschen Erziehungsberater: Beratungsstellen in Neubaugebieten werden bis zu viermal häufiger in Anspruch genommen als in normalen Wohngebieten.

          Das Problem: Die meisten Paare sind mit diesem Riesenprojekt auf sich alleine gestellt. Zwar gibt es Hilfe bei der Finanzierung, doch was drum herum passiert, davon will niemand etwas wissen. Nicht nur die Deutschen Bausparkassen winken ab. „Das ist nun wirklich nicht unser Thema“, heißt es fast wortgleich bei Wüstenrot und LBS, in anderen Häusern reagiert man gar nicht erst auf entsprechende Anfragen.

          In Österreich gibt es schon Hausbau-Coaching

          Auch Architektenkammern und selbst Psychologen interessieren sich nur in Einzelfällen für die Problematik. Dabei wäre durchaus ein Markt vorhanden, wie sich im Nachbarland Österreich zeigt. Nach eigener leidvoller Erfahrung, die mit Trennung von seiner Frau endete, entwickelte dort der Bautechniker und Umweltpsychologe Herbert Reichl ein regelrechtes Hausbau-Coaching - und ist seitdem ein gefragter Mann.

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