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Zimmerpflanzen im Trend : Die grüne Welle

  • -Aktualisiert am

Dschungelbad Bild: © Erika Raxworthy

Blumenläden gleichen neuerdings Boutiquen, und ein Start-up will schon bald die perfekte Partnerpflanze für jeden finden.

          Schillerkiez, Berlin-Neukölln. Hippe Gäste, alle jünger als 40, stehen mit einem Drink auf der Straße. Man bekommt Sprachfetzen auf Englisch und Spanisch mit. Typisches Publikum einer Vernissage. Nur, dass heute keine Ausstellung eröffnet wird, sondern ein Pflanzengeschäft. Plant Circle hat sich auf seltene Zimmerpflanzen spezialisiert. Damit nicht genug, bietet der Shop auch Unterstützung bei der Büro- und Veranstaltungsbegrünung an, Workshops zu Terrarien, Makramees und Tauschparties, bei denen jeder seine Ableger mitbringt. Im hinteren Bereich der Ladenfläche werden Wandteppiche gewebt. Das Angebot richtet sich nicht ausschließlich an Berliner. Auch Bamberger oder Bochumer beispielsweise können bei Plant Circle via Instagram oder der Website einkaufen und sich alles nach Hause liefern lassen.

          Auch der französische Online-Blumenversand Bergamotte versucht, deutsche Kunden für den urbanen Dschungel zu begeistern und hatte zu diesem Zweck Pop-up-Läden in Berlin und München eröffnet. Die Preise sind kaum günstiger als im Pflanzencenter: Ein meterhoher Geigenfeigenbaum für 80 Euro, eine Monstera-Obliqua für 10 Euro, das Töpfchen Nelken für den Balkon kostet 2 Euro. Doch der Türsteher im Anzug, die vielen Verkäufer in dem vergleichsweise kleinen Laden und insbesondere das zeitlich befristete Pop-up-Konzept, das man sonst nur von der Mode, der Inneneinrichtung oder Restaurants kennt, befeuern den Hype und sind Indizien dafür, dass Pflanzen in der Begehrlichkeitsskala nach oben gerutscht sind. Sie befüllen jetzt die Büchertische mit Bildbänden wie „House of Plants“ von Verlag te Neues, „Wohnen in Grün“ vom Callwey-Verlag oder „Evergreen“ vom Gestalten-Verlag, in denen sich – Achtung, Wortspiel! – schöner blättern lässt. Außerdem werden ihnen neue Läden gewidmet, die so kuratiert wirken wie Concept Stores. Anstatt grüner Fülle stehen bei Geschäften wie dem Plant Circle meist Einzelexemplare von Blattsukkulenten, Pfeilwurz und Zierpfeffer zwischen aparter Keramik und witzigen Gießkannen.

          In Amsterdam existiert ein derartiges Konzept schon seit drei Jahren, bei Wildernis. Der prototypische Pflanzenladen wirkte lange Zeit wie eine einsame Oase, von der sich Botanikfreunde auf Pinterest, auf Blogs und Instagram erzählten. Wildernis ist ein Laden, in dem man sich unter Unmengen von Hängepflanzen verliert. Und wo es noch ganz viel zu entdecken gibt, was keine Wurzeln hat. Die Duftkerzen von Soy Candle aus Kalifornien zum Beispiel, die kleinsten Kakteen der Welt, Düngemittel von Sprout, das einem hochwertigen Hautpflegeflakon optisch in nichts nachsteht, und illustrierte Postkarten, damit die Grußkarte zum Pflanzengeschenk mindestens genauso schick ausfällt. Damit können weder die Baumärkte mit ihrem relativ pflegeleichten Allround-Angebot, noch die Schnittblumen-Läden mit ihren wenigen, meist – von der Geranie bis zur Amaryllis – saisonalen Topfpflanzen, mithalten.

          Pflanzenkauf als Shoppingerlebnis

          In Hamburg hat Ende 2016 ein Geschäft eröffnet, dessen Konzept dem von „Wildernis“ nicht unähnlich ist. Weil es auf der Website damit wirbt, den „Amsterdamer Lifestyle nach Hamburg zu holen“ und außer Kakteen und Grünpflanzen ebenfalls die Kerzen von Soy Candle und hübsche Postkarten anbietet. Bei Winkel van Sinkel geht man aber noch einen Schritt weiter und hat außer Pflanzen auch Papeterie, Raumdüfte, Lederwaren und Spirituosen im Programm. Nun kann man freilich unken, dass Zimmerpflanzen spezielles Substrat oder Töpfe mit Drainagelöchern brauchen, aber sicher keine Boutique. Aber in einer Gesellschaft, in der auch Bäckereien und Bierbrauereien mit Manufakturcharakter sowie Boutiques für Wandfarben der Lifestyle-Optimierung dienen, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch das Thema Pflanzenkauf auf eine ästhetisch gesteigerte Ebene gehoben wurde.

          Die Nachfrage ist groß, im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut Bundesverband der Einzelhandelsgärtner 8,6 Milliarden Euro Umsatz mit Blumen und Pflanzen gemacht. Auch die internationale Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt setzte im Frühjahr 2018 voll auf diesen Trend. Sie wurde beherrscht von Dekoideen wie Blumenampeln, Vasen, Paletten und Mini-Gewächshäusern für den Innenraum. Auch Messechefin Nicolette Naumann bezeichnet den Botaniktrend derzeit als „das große Ding“.

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