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Wohnen in Bamberg : Fast schon Münchener Verhältnisse

  • -Aktualisiert am

Überschaubar, aber lebendig: In Bamberg trifft Kleinstadtflair auf Urbanität. Bild: Picture-Alliance

Bamberg ist schon längst kein Geheimtipp mehr. Die Einwohnerzahl in der Welterbe-Stadt wächst stetig weiter. Für viele Wohnungssuchende wird das langsam aber sicher zu einem echten Problem.

          Einmal waren sie schon kurz davor. Vor zweieinhalb Jahren hatte die Familie Lang, frisch um Nachwuchs erweitert, ein Haus mit Garten in Bamberg-Ost in Aussicht. Der Preis hätte gerade noch so ins Budget der jungen Eltern gepasst, aus heutiger Sicht erscheint das Angebot als ein Schnäppchen. Doch Caroline Lang und ihr Mann zögerten, sie hatten gerade erst angefangen zu suchen, wer weiß, was noch auf den Markt kommen würde. „Seitdem haben sich die Zeiten konstant verschlimmert“, sagt die 33 Jahre alte Wahl-Bambergerin und seufzt. Sie beobachtet nicht nur, wie die Preise nahezu wöchentlich steigen. Die Immobilienanzeigen, die die immer weiter gesteckten Kriterien der Langs erfüllen, nehmen gleichzeitig stetig ab: Der Bamberger Wohnungsmarkt ist eng geworden.

          So eng, wie es vor ein paar Jahren noch kaum jemand für möglich gehalten hätte. Das schmucke Städtchen mit bald 80 000 Einwohnern am Nordrand Bayerns galt als Geheimtipp. Die Altstadt mit dem alles überragenden Dom zählt zum Welterbe, dazu das mitten in den Fluss gebaute Rathaus, über dessen Brücke täglich Hunderte Touristen aus aller Welt flanieren. Die traditionell gewachsene Universität zieht ein entsprechendes Kultur- und Freizeitangebot nach sich. Nicht zuletzt hat sich zwischen einer immens hohen Brauereidichte und zahlreichen Biergärten (die hier Keller heißen) mit nach wie vor unschlagbar günstigen Preisen eine Lebensqualität eingependelt, die ihresgleichen sucht. Das „fränkische Rom“ nennen Touristiker Bamberg, wegen seiner Lage auf sieben Hügeln mit phantastischen Ausblicken auf die Fränkische Schweiz.

          Doch die Idylle, die Tagesgäste ins Schwärmen bringt, hat Risse erfahren. In den vergangenen zehn Jahren ist Bamberg um etwa 7000 Einwohner gewachsen, das sind gut zehn Prozent mehr. „Bamberg ist Schwarmstadt geworden“, sagt Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD). Natürlich würde der langjährige Amtsinhaber nicht auf die Idee kommen, darüber zu jammern. Grundsätzlich freut ihn die Popularität seiner Stadt. Während Starke die Unternehmensansiedlungen der vergangenen Jahre aufzählt, das Aufblühen des Binnenhafens und die Leistungen der Wirtschaftsförderung, wirft er ab und an einen Blick durch die geöffneten Fenster seines großzügigen Büros am Maxplatz, auf dem sich Einheimische mit Touristen und Einkaufswütigen mischen – ein tägliches entspanntes Wimmeln vor historischer Kulisse. Bamberg zieht Studenten an, Bewohner aus dem Umland, die es gerade im Alter in ein urbanes Umfeld mit hoher Versorgungsqualität lockt. Spätestens, seit die Stadt zum Verkehrsverbund des Großraums Nürnberg gehört, interessieren sich auch immer mehr Menschen, die in Erlangen, Fürth oder Nürnberg arbeiten, für Bamberg als Wohn- und Lebensort.

          Man trifft immer jemanden

          An den Immobilienpreisen kann man das ablesen. „Teilweise haben wir hier Münchner Konditionen“, behauptet Starke. Die Lokalzeitung, die von einem „völlig losgelösten“ Markt spricht, listet Beispiele auf: Eine Gründerzeitetage im 60er-Jahre-Zustand für 650.000 Euro, ein Neubauhaus in einem Vorort für 890.000 Euro. Quadratmeterpreise von 4600 Euro für Bestandswohnungen in mittelguten Stadtlagen gelten als bescheiden. Die Mietpreise liegen mittlerweile bei um die zehn Euro je nach Lage und Objektzustand – dabei muss man nicht einmal betagt sein, um sich an Zeiten zu erinnern, als die Kosten halb so hoch lagen. Sicherlich sei der Vergleich mit „Münchner Konditionen“ hoch gegriffen, bekennt Caroline Lang. „Aber dafür wohne ich ja auch nicht in einer Metropole, mit allen Vor- und Nachteilen, die damit verbunden sind.“

          Hübsche Fassaden und die hohe Brauereidichte locken nicht nur Touristen.

          Die verschärfte Situation bekommen neben den Einheimischen, die sich verändern wollen, vor allem die Zuzügler mit begrenztem Budget zu spüren – wie etwa Studenten. Die 24 Jahre alte Julia Agrikola ist in Erlangen aufgewachsen und hat sich für Bamberg entschieden, um ihren Master in Politikwissenschaften zu absolvieren. Drei Jahre hat die junge Frau dafür eingeplant. Sie wohnt in einem Studentenwohnheim im Gebiet östlich des Bahnhofs, noch. Das Haus soll abgerissen werden, es gilt als marode. Gemeinsam mit 200 Kommilitonen muss sie Anfang kommenden Jahres ausziehen. „Ich bin zum Glück mittlerweile gut vernetzt und optimistisch, dass ich etwas finde“, sagt Agrikola. „Aber was da teilweise angeboten wird und in welchem Zustand, das ist schon unverschämt.“ Unlängst hat eine Freundin ein WG-Zimmer angeschaut, ebenfalls in Uni-Nähe. Es sollte 400 Euro kosten. Den Schimmel hätte sie auf eigene Kosten aus den Ecken kratzen müssen.

          Eine Rückkehr in ihre Heimatstadt Erlangen, etwa eine halbe Zugstunde entfernt, kommt für Agrikola nicht in Frage. „Obwohl Erlangen größer ist, empfinde ich Bamberg als lebendiger.“ Dank der kurzen Wege sei es ein Leichtes, am Kulturangebot teilzuhaben. Sie schätzt auch die Mischung aus Kleinstadtflair und Urbanität. Man trifft immer jemanden.

          Auch Langs haben sich bewusst für Bamberg entschieden. Caroline Lang kommt vom Niederrhein, die Mentalität in Franken gefiel der Juristin besser als in ihrem Studienort Passau. Eine Weile pendelte sie täglich nach Nürnberg. Inzwischen arbeitet Lang an der Universität Bamberg; seit die Familie vier Mitglieder zählt, erleichtert der kürzere Arbeitsweg den Alltag sehr.

          Fast jedes Wochenende haben ihr Mann und sie in den vergangenen drei Jahren Objekte besichtigt. Die Anforderungen: mindestens vier Zimmer, idealerweise ein Haus mit Garten und in der Stadt gelegen. „Wir sind es gewöhnt und auch darauf angewiesen, alles mit dem Fahrrad zu erledigen, und möchten das beibehalten“, erklärt Lang. Wie die Studentin Agrikola beobachtet auch Lang ein zunehmendes Missverhältnis zwischen Preis und Leistung. Manche Verkäufer seien regelrecht gierig geworden, sagt Lang – ein Verhalten, das im einst familiär geprägten Markt des Städtchens zuvor selten auftrat.

          Das eigene Wohnungsbauprogramm

          Langs konzentrierten sich bei der Suche bald auf das Gebiet östlich des Bahnhofs, nicht nur weil sie jetzt schon in der Gegend wohnen und der dreijährige Sohn den Kindergarten behalten möchte: Westlich des Flusses Regnitz, wo die Ebene ins Hügelige übergeht, enge Altstadtgassen zwischen Kirchen in feine Villenviertel übergehen, gibt es kaum Bewegung auf dem Wohnungsmarkt. „Im Welterbe-Bereich ist es schwierig, Bauvorhaben zu verwirklichen“, erläutert Oberbürgermeister Starke. Daran anschließende Gegenden seien zum Teil „privilegiert“.

          Bamberg hat ein eigenes Wohnungsbauprogramm aufgelegt, 25 Millionen Euro sollen in den nächsten zehn Jahren für mehr bezahlbaren Wohnraum im Stadtgebiet sorgen. Zu spät, sagen Kritiker, und was bisher entstanden sei, komme kaum der Mittelschicht zugute: Ein ehemaliges Industriegelände an der Regnitz etwa, Schauplatz einer Landesgartenschau, werde überwiegend zur Wohngegend für Wohlhabende.

          Je mehr der Osten Bambergs ins Schlaglicht rückt, desto mehr steigt allerdings auch hier der Druck. Früher galt die Gegend als schmucklos und unattraktiv im Vergleich zu den intellektuell geprägten berg- und flussnahen Vierteln, heute wird verdichtet im Express. Der Mittdreißiger Jan Hornung etwa hat unweit der elterlichen Wohnung ein Reihenmittelhaus gekauft, vor vier Jahren, kurz bevor die Preise in die Höhe schossen. Die Siedlung war auf einem ehemaligen Supermarktgelände gebaut worden, ein Reihenhausriegel umrahmt von Mehrfamilienhäusern. Der Garten misst 60 Quadratmeter. „Das reicht, um die Kinder geschützt spielen lassen zu können und ein paar Nutzpflanzen zu ziehen“, sagt der Ingenieur und zählt die Vorteile der Lage auf: Beide Großeltern sind in Reichweite – angesichts der von vielen Seiten als unzureichend bemängelten Kinderbetreuungssituation ein gewichtiger Grund –, das Auto findet in einer Tiefgarage Platz, und der Bahnhof ist fußläufig erreichbar: Hornungs Frau arbeitet als Projektleiterin bei einem Konzern in Erlangen. Er gewinnt der beengten baulichen Situation gar Gutes ab. Der Mehrfamilienhausriegel schirme vom Lärm der Straße ab.

          Ganz in der Nähe, über die Umgehungsstraße hinaus, liegt ein Gebiet mit Einfamilien- und Reihenhäusern, das nach und nach in den Fokus von Familien rückt. Die „Nato-Siedlung“ mit einstigen Offiziershäusern begrenzt die Gegend, darum entstehen Kindertageseinrichtungen, ein Erlebnisbad liegt vor der Haustür. Gleichzeitig sind sowohl Autobahnanschluss als auch Bahnhof in kurzer Zeit zu erreichen. Über private Kontakte hat Caroline Lang dort ein Haus zum Verkauf entdeckt, zu einem akzeptablen Preis und in neuwertigem Zustand. Mehrere junge Familien wohnen schon in der Nachbarschaft, Langs hat das Objekt sofort zugesagt. Noch vor Weihnachten ist ein Notartermin angesetzt.

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