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Wohnen in Tel Aviv : Nur die Sonne scheint für alle

Die weiße Stadt: Aus Deutschland geflüchtete Architekten brachten den Bauhaus-Stil nach Israel. Bild: Ullstein

Gute Jobs, viele Touristen und dazu noch Immobilienkäufer aus Frankreich und Russland: Wohnungen in der israelischen Küstenstadt sind knapp und teuer – und ihre Bewohner wenig sesshaft.

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          Wenn in Tel Aviv Freunde zusammenkommen, folgt direkt nach der Begrüßung eine von drei Fragen: Hast du schon eine neue Wohnung? Kannst du in deiner Wohnung wohnen bleiben? Haben dein Bruder oder deine Schwester schon eine neue Wohnung? Es gibt wunderschöne Häuser in Tel Aviv, meistens sind es gar nicht die mit Meerblick, sondern jene in den charmanten engen Gassen, wo sich die Palmen an den bröckelnden Putz der Gebäude schmiegen und die Apartments wenigstens so weit renoviert sind, dass sich die Luft der Klimaanlage hält. Doch um diese seltenen Perlen geht es meist gar nicht. Denn wählerisch können in Tel Aviv die wenigsten sein.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Immobilien sind knapp in Israel, und der Mietmarkt ist zumeist ungeregelt. Eine Mietpreisbremse gibt es nicht. Besonders schlägt das im beliebten Tel Aviv durch. Denn hier gibt es die meisten Jobs, das größte Kulturangebot und die wenigsten Sorgen – von der Immobilienfrage einmal abgesehen. „In Tel Aviv werden Mietverträge normalerweise für ein Jahr geschlossen, ohne jegliche Garantie auf Verlängerung“, sagt die Architektin Shira-Lou Munk. So könne es auch langjährigen Mietern passieren, dass sie fast ohne Vorwarnung herausgeworfen würden. Und wenn es passiert, dann regt sich dagegen auch kaum Widerstand. „Wir sind es hier einfach alle gewohnt umzuziehen“, sagt Munk. Es gibt eine richtiggehende Umzugssaison. Im Herbst stehen in jeder zweiten Straße die Umzugslaster am Straßenrand. Munk ist im Zentrum von Tel Aviv aufgewachsen und dort allein als Kind neun Mal umgezogen. „Ich verbinde meine Kindheitserinnerungen mit der ganzen Stadt, nicht nur mit einer einzigen Straße“, sagt die 33 Jahre alte Israelin.

          Unbezahlbare Bauhaus-Gebäude

          Nach ihrer Armeezeit und einem drei Jahre langen Abstecher nach Jerusalem zum Studium ging sie zurück in die israelische Küstenmetropole – und zog dort dann sechs Mal um. Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann, einem Redakteur beim Fernsehen, auf sechzig Quadratmetern im vierten Stock einer Dreizimmerwohnung in der Bar-Kochva-Straße. Das ist eine ruhige Seitenstraße in jenem Viertel, das einfach Lev Hair heißt: Stadtzentrum. Zum Meer sind es zehn Minuten, zum futuristischen Dizengoff-Einkaufszentrum fünf.

          Teures Pflaster für junge Familien.

          Ihr Haus ist eines der typischen, in Anlehnung an den Bauhaus-Stil entworfenen Mehrfamilienhäuser, die in den sechziger Jahren günstig errichtet wurden, um Wohnraum zu schaffen für die rasch wachsende Stadt. Die „echten“ Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv, die von jüdischen Architekten geplant wurden, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland geflohen waren, sind dagegen heute unerschwinglich. Wenn an der Hauswand eine entsprechende Plakette der Unesco klebt, kostet eine Bauhaus-Dreizimmerwohnung in Tel Aviv locker viertausend Dollar Miete im Monat. Findige Bauherren sind mittlerweile dazu übergegangen, auf die Dächer dieser Weltkulturerbe-Häuser nachträglich noch ein weiteres Penthouse draufzusetzen, um der Nachfrage nach dem vermeintlich originalen Bauhaus zu begegnen. Viertausend Bauhaus-Gebäude soll es heute in Tel Aviv geben. Sie gaben Tel Aviv den Namen der „Weißen Stadt“. Dabei hatten weniger als eine Handvoll Architekten, die in den dreißiger und vierziger Jahren in Tel Aviv wirkten, im „Staatlichen Bauhaus“ in Dessau studiert.

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