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Wohnhochhäuser : Vertikale Wohnwelten

Grünes Wohnambiente in luftiger Höhe: das Matrix Building in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul Bild: Rendering Mass Studies

Ob New York, Seoul oder Warschau - das Wohnhochhaus-Fieber grassiert. Deutschland ist noch immun und glaubt, die Riesen nicht nötig zu haben. Das wird sich womöglich als Irrtum erweisen.

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          Warschau will den Turm. Mitten in diesem wirtschaftlich düsteren Herbst hat die Stadt den Bau des Lilium Towers bewilligt. Mehr noch, sie hat dem neuen Riesen in der Innenstadt sogar ein paar Meter mehr erlaubt als eigentlich vorgesehen. Mit einer Höhe von 260 Metern könnte das Gebäude den Turning Torso im schwedischen Malmö als „höchstes Wohnhochhaus Europas“ ablösen. Für Glamour sorgt zudem, dass der Entwurf vom Büro Zaha Hadid aus London stammt.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Warschau geht es um ein neues Image“, sagt Markus Planteu, der bei Zaha Hadid Architects das Projekt leitet. Neunzehn Türme besitzt die polnische Hauptstadt, mehr als 30 sind in Planung. Noch ist der 1955 im stalinistischen Zuckerbäckerstil erbaute Kulturpalast mit 231 Metern das höchste Gebäude. Mit dem Lilium Tower wollen Stadt und Bauherr Wohlstand und neues Selbstbewusstsein demonstrieren. Dafür sind Türme seit jeher gut.

          Rekordhöhe und Stararchitektin als Marketinginstrumente

          Rekordhöhe und Stararchitektin - Auftraggeber Lilium weiß, dass das zwei starke Marketingargumente sind, um die Luxuswohnungen und Service-Appartements zu verkaufen. Insgesamt 260 Millionen Euro Investitionsvolumen hat das Konsortium, zu dem drei Entwickler zählen, veranschlagt. Es soll einer jener „Premium-Wohntürme“ werden, wie sie in großer Zahl auch in New York, Schanghai oder Dubai entstehen. Neben Amerika buhlen in Asien, dem Mittleren Osten, aber auch in Russland Bauherren mit „Iconic Design“ statt 08/15-Angeboten um zahlungskräftige Käuferschichten.

          Missing Matrix oder die Lücke im System maximaler Verdichtung

          „Man darf sich jedoch nicht nur auf eine extravagante Fassade beschränken“, sagt Architekt Planteu. Das Hochhaus soll wohnlich sein. Daher legt er Wert darauf, dass die Flure auf den Etagen zur Fassade führen. „Der Blick nach außen ist wichtig, schon wegen des natürlichen Lichts“, erläutert der 33 Jahre alte Österreicher.

          Investoren reicht oft eine spektakuläre Hülle

          Den Investoren ist eine spektakuläre Hülle häufig genug. „Die Flächenaufteilung im Inneren ist oft konventionell“, urteilt Minsuk Cho. Er ist Gründer und Chef des in Seoul ansässigen Architekturbüros Mass Studies. Der Name ist Programm. Cho lebt und arbeitet in der koreanischen Hauptstadt, die mit mehr als 10 Millionen Einwohnern zu den dichtbesiedeltsten Orten der Welt zählt. Uniforme Wohntürme, die an die Plattenbauten der Ostblockstaaten erinnern, bestimmen die Silhouette: Massenware für die Masse. Lieblos hingeklotzt, um Wohnraum zu schaffen und angesichts der in den zurückliegenden Jahren stetig gestiegenen Immobilienpreise den Markt mit neuer Ware zu füttern.

          Cho und sein Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Architektur der Masse kritisch zu erforschen. Mass Studies sucht gewissermaßen die Lücke im System höchster Verdichtung, um nicht nur ästhetisch neue Lösungen für die Hochhausfassade anzubieten, sondern auch die Qualität der Wohnungen zu verbessern.

          Seoul als Studienfeld

          Schon vor ein paar Jahren erregte der Architekt Aufsehen mit seiner vertikalen Wohnvision „Commune 2026“, die nicht nur optisch ein radikaler Gegenentwurf zu herkömmlichen Wohntürmen darstellt: Es ist ein Hochhausensemble für moderne Nomaden, eine Art Kommune im Wolkenkratzer. „Mich interessiert der soziale Aspekt“, sagt der 42-Jährige - und erinnert daran, dass auch die traditionelle Gesellschaft durch den Zerfall der Familien, geringe Geburtenrate und eine steigende Zahl der Einpersonenhaushalte im Umbruch ist. Das Hochhaus als vertikales Dorf müsse deshalb auch Gemeinschaftsräume bieten.

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