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Wohnen in Stockholm : Stadtinsel der Seligen

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Wasser ist in Stockholm allgegenwärtig. Bild: Gregor Lengler/laif

Auf eine Mietwohnung in Södermalm wartet man mehr als zwanzig Jahre. Glücklich, wer schon da ist und vor dem Frühstück schwimmen und nach der Arbeit Boot fahren kann.

          So könnte die Hauptstadt der Zukunft aussehen: Als Sitz einer Regierung, die sich als feministisch bezeichnet und ankündigt, dass die Metropole bis 2040 mit erneuerbaren Energien laufen soll. Mit Mietern, die sich günstig ihre Genossenschaftswohnungen kaufen können. Die Nachbarschaft eine Insel umgeben von Wasser, in dem man sich vor der Arbeit wachkraulen kann. An jeder Ecke urbane Oasen zum Ausleben hedonistischer Körperkultur wie Friseure im Galerie-Look, Manufakturen für edle Radler-Rucksäcke und Ateliers mit gesunden Schokoladenkuchen. Alles zu schön, um wahr zu sein? Ja und nein. Denn es ist vor allem teuer. Und fast unmöglich, einen Fuß in diese vermeintliche Idealwelt zu bekommen. Vor vier Jahren kürte die amerikanische „Vogue“ das Stockholmer Viertel Södermalm zu einer der „15 coolsten Nachbarschaften der Welt“. Seitdem gilt die knapp sechs Quadratkilometer große Insel im Süden der Stadt mit ihren 130.000 Einwohnern als Sehnsuchtsort für Hipster, dem Berliner Prenzlauer Berg oder Pariser Belleville-Viertel vergleichbar.

          In diesen hellen Nächten, in denen die Sonne in Stockholm nicht untergeht, trifft sich das Feiervolk im Club Trädgården unter der Skanstull-Brücke: Horden von Studenten, Spieleentwicklern und Touristen tanzen und trinken sich durch den kurzen Sommer. Früher nannten die Stockholmer das Viertel unter der Altstadt Gamla Stan „Messer Süd“: Die ehemalige Arbeiterinsel mit ihren malerischen Klippen war eher etwas für Outlaws als für Insider. Mit seinen geduckten bunten Holzhäuschen und Mietskasernen galt Södermalm als billig und unattraktiv, als Hort von Alkoholikern und Sozialfällen – auch wenn in diesen Straßen die spätere schwedische Diva Greta Garbo aufwuchs. Auch in Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“, die das Viertel als Handlungsort international berühmt machte, hat es noch einen rauhen Charme. Doch aus dem ehemaligen Messerviertel „Knifsöder“ ist im vergangenen Jahrzehnt ein Messer-und-Gabel-Viertel geworden, in dem exklusive Penthouses für Millionen die Besitzer wechseln. Trotz der Gentrifizierung empfinden viele Maler und Designer das Eiland, das ungefähr so groß wie die Nordseeinsel Baltrum ist, als kreatives Herz Stockholms. In den vergangenen Jahren ist Södermalm nach Aussage der Stadtverwaltung zu einem Hort für die Computer- und Filmindustrie geworden, mit der höchsten Dichte an Spieleentwicklern in Europa.

          „Södermalm ist schwer zu fassen mit all den zusammengewürfelten Künstlern, jungen Familien und Intellektuellen“, sagt die 30 Jahre alte Juristin Elsa Nikolai, die hier vor fünf Jahren eine Wohnung gekauft hat. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre sind die Immobilienpreise mit der Digitalwirtschaft als neuem Nachbar so rasant gestiegen, dass sich Elsa Nikolai als Gerichtsangestellte ihre Wohnung heute nicht mehr leisten könnte. Das Beste für sie – wie für viele ihrer Nachbarn – sind die Strände rund um ihre echte Stadtinsel herum, denn sie stammt von der schwedischen Westküste und liebt Wellen und Seewind.

          Der kurze Sommer wird gefeiert.

          Mit wem man in den Straßen und Cafés Södermalms auch spricht: Wasser, Schwimmen, Boot – diese fast heilige Dreifaltigkeit der Stockholmer scheint am Anfang jeden Gesprächs als großer Pluspunkt auf. Den nach langem dunklem Winter sehnlich erwarteten Sommer kosten viele Hauptstädter so aus, als sei es der letzte, und stürmen hinaus aufs Wasser. Viele fangen morgens um sieben Uhr mit der Arbeit an, damit sie um 16 Uhr Boot fahren können.

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