https://www.faz.net/-gz7-9foni

Wohnen in Rostock : Magnet an der Ostsee

Stadt im Wandel: Ins Zentrum ziehen zunehmend Besserverdiener. Bild: Look

Die Stadt im Nordosten wächst rasant. Doch zwischen begehrten Altbauquartieren und den Plattenbauten am Stadtrand liegen Welten.

          Zweimal in der Woche setzen sich Fritz Brause und seine kleine Schwester Greta an das schwarze Klavier in der Wohnküche. Dann wird geübt, manchmal nicht ganz freiwillig, aber viel Druck müssen Mutter Susan und Vater Thilo nicht machen. Denn eigentlich spielen die dreizehn und acht Jahre alten Geschwister gerne. Etüden von Mozart, kleinere Stücke von Haydn – nicht immer sitzt jede Tonfolge perfekt, aber zumindest die Nachbarn in dem Gründerzeithaus aus dem Jahr 1908 stören sich nicht daran. Unten, in der ersten Etage, wohnt eine Musikerfamilie, die ebenfalls gerne zu Hause auf ihren Instrumenten spielt, und oben im Dritten leben zwei Mediziner, die geduldig sind und Verständnis haben. „Wir haben hier im Haus eine tolle Mischung“, sagt Thilo Brause. Gute Nachbarschaft, das bedeute für die Familie viel Lebensqualität.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Erst vor drei Jahren sind die Brauses – Mutter Susan hat ihren Mädchennamen behalten und trägt den Doppelnamen Müller-Brause – hierhergezogen: In die Kröpeliner-Tor-Vorstadt, jenes südwestlich der Warnow gelegene Szeneviertel von Rostock, das die Einwohner nur KTV nennen. In dieser kurzen Zeit haben sie sich schon komplett in das soziale Leben integriert, nicht nur im Haus, sondern im ganzen Quartier. Susan Müller-Brause, 41 Jahre, hat einen Posten als stellvertretende Vorsitzende im KTV-Verein übernommen, einem Bündnis von Bürgern, das sich für das Zusammenleben in der Gegend engagiert. Thilo Brause, 46 Jahre, leitet den Förderverein der wenige Straßen weiter gelegenen Grundschule, zu der Tochter Greta jeden Morgen zu Fuß gehen kann. Zudem sind beide in der evangelischen Gemeinde der Heiligen-Geist-Kirche aktiv, die mitten im Herzen der KTV liegt. Dadurch hätten sie gleich Anschluss gefunden und viele Leute kennengelernt, was beiden wichtig sei, sagt Susan Müller-Brause.

          Susan Müller-Brause und Thilo Brause

          Ursprünglich hat sich das Paar an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus kennengelernt, danach wohnten sie einige Jahre in Wolfsburg, wo die beiden Kinder zur Welt kamen. Anschließend ging es nach Neubrandenburg. Aus beruflichen Gründen folgte im August 2015 der Wechsel nach Rostock; Susan Müller-Brause fing als Architektin bei einer Planungs- und Ingenieurgesellschaft an, Thilo Brause wurde Dezernent im Betrieb für Bau und Liegenschaften des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Den Umzug ins beliebte Rostock haben sie nie bereut, im Gegenteil. Eltern und Kinder lieben die quirlige Innenstadt, die Warnow und die direkte Nähe zur Ostsee. Einen gewissen Preis müssen sie aber zahlen, denn die Lebenshaltungskosten, besonders die Mieten, sind deutlich höher als anderswo in der Region. Knapp zehn Euro Kaltmiete je Quadratmeter zahlt die Familie für ihre rund 100 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung mit Wohnküche und zwei Balkonen. Für Rostocker Verhältnisse, und besonders im Vergleich zum früheren Wohnort Neubrandenburg, ist das viel.

          Die Kröpeliner Tor-Vorstadt sticht hervor

          Zwar hätte die Familie in anderen Stadtteilen weniger ausgeben müssen, aber sie wollte gerne in die KTV – und ist damit keineswegs allein. Das Viertel, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Wohngebiet für Arbeiter der aufstrebenden Werftindustrie entstand und zu DDR-Zeiten zunehmend verfiel, hat sich in den zurückliegenden Jahren zu einem der beliebtesten Stadtteile in Rostock entwickelt. Die in Blockrandbebauung angelegten Mietshäuser sind fast vollständig saniert und werden von vielen Studenten bewohnt, die die Nähe zur Universität und die vielen Restaurants und Kneipen rund um den Doberaner Platz schätzen. Besonderheiten wie das Volkstheater Rostock, der von ehrenamtlichen Radiomachern getragene Lokalsender Lohro oder die Hanseatische Brauerei, die die Wirren der Wende überlebt hat und mitten im Viertel Rostocker Pils, Bockbier und die Traditionsmarke Mahn & Ohlerich produziert, geben der Gegend eine ganz besondere Atmosphäre. Auch für Familien sei es schön, sagt Susan Müller-Brause. Die Kinder nutzen Sport- und Spielplätze, und sie selbst geht gerne zum Bio-Wochenmarkt, der 500 Meter den Barnstorfer Weg hinauf liegt. „Eigentlich muss man das Viertel gar nicht verlassen, denn wir haben alles, was wir brauchen, vor der Tür“, sagt sie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump am 12. Juli in Milwaukee

          Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer

          Auf Twitter beleidigt Amerikas Präsident vier Parlamentarierinnen rassistisch. Mit der Provokation will er Konflikte unter den Demokraten schüren – und scheitert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.