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Wohnen in Lüneburg : Zwischen Mittelalter und Moderne

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Umschwärmt: Giebelhäuser und Backsteingotik locken Touristen und Zuzügler. Bild: Gregor Schlaeger / VISUM

Die Hansestadt Lüneburg gilt als beschauliche Alternative zu Hamburg, viel günstiger lebt man dort nicht mehr. Ihrer Beliebtheit tut das keinen Abbruch - das hat auch etwas mit einer Fernsehserie zu tun.

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          Es ist alles eine Frage der Perspektive – oder des Wochentags. Unter der Woche ist Lüneburg einfach eine mittelgroße Stadt am Rand der Lüneburger Heide. „Aber an den Wochenenden hat man hier manchmal das Gefühl, man ist in Disneyland“, sagt Manfred Schulte. Durch die mittelalterliche Altstadt zuckeln dann extralange Pferdekutschen für Touristen, und auf dem Stintmarkt am Flüsschen Ilmenau reihen sich mehrere geführte Besuchergruppen gleichzeitig vor dem Alten Kran, dem beliebtesten Fotomotiv im historischen Hafen, auf. Die Stadt der Backsteingotik und Giebelhäuser zieht Touristen aus ganz Deutschland an. Am Wochenende kommen noch viele Besucher aus dem nahen Hamburg zum Stadtbummel dazu. Was die örtlichen Einzelhändler und Gastronomen freut, ist auch für Bauunternehmer Manfred Schulte ein interessantes Umfeld. Immer mehr Hamburger zieht es nämlich nicht nur zum Einkaufen oder Kaffeetrinken in die mit 75.000 Einwohnern viel kleinere Hansestadt in der Heide, sondern auch zum Wohnen.

          Philipp Rzeha und seine Frau sind vor eineinhalb Jahren aus Hamburg hierher gezogen. Ein paar Schritte vom Stintmarkt entfernt hat Rzeha ein Lokal am Wasser eröffnet, das man es eher in einem Hamburger Szene-Stadtteil vermuten würde, mit Werbern und Agenturmenschen als Kunden. Und tatsächlich hat Rzeha vorher im Schanzenviertel gewohnt und in einer Werbeagentur gearbeitet. Jetzt sitzt er zufrieden vor seinem „Visculen Deli“ neben dem historischen Visculenhof und plaudert mit dem Postboten und den Nachbarn. „Hamburg ist einfach hektischer und anonymer. Hier kennt man nach kurzer Zeit die halbe Stadt, das ist sehr angenehm.“ Und wenn er die Großstadt vermisst, ist er mit dem Zug in dreißig Minuten dort. Seine Frau pendelt zur Arbeit nach Hamburg – so wie jeder sechste berufstätige Lüneburger.

          Der Visculenhof und der Alte Salzspeicher, in dem Rzeha sein Restaurant eröffnet hat, bilden einen großen denkmalgeschützten Komplex, dessen ältester Teil wohl aus dem 13. Jahrhundert stammt. Es sind zwei von über 1500 Einzeldenkmälern der alten Salz- und Hansestadt. Beide Gebäude waren längst einsturzgefährdet und teilweise ausgebrannt, der Straßenzug „zur letzten Ecke verkommen“, wie Manfred Schulte sagt. Mit seiner Firma Schulte Bauregie GmbH kaufte und sanierte er das Ensemble und baute neben Gastronomie und Büroflächen auch dreißig Wohnungen ein. Der Visculenhof musste Backstein für Backstein abgetragen und neu wieder aufgebaut werden. Das Dach des Salzspeichers war nicht zu retten und wurde als Mansarde mit Kupfer-Bronzeplatten neu interpretiert. Der Denkmalschutz machte den technisch und finanziell hohen Aufwand nötig. Möglich wurde er nur, weil einerseits Fördergelder der EU flossen und andererseits die geschaffenen Wohnungen Höchstpreise von teilweise mehr als 5000 Euro je Quadratmeter erzielten.

          Kulturelles Angebot, wirtschaftliche Lage und „Rote Rosen“

          Dafür bekommen die Käufer mitten in der Altstadt Neubaustandard hinter historischer Fassade und mit Tiefgarage. Was wie die Vereinigung von Widersprüchen klingt, ist für Manfred Schulte „heute der Standardwunsch vieler Kaufinteressenten: Direkt am Marktplatz wohnen, hinten raus der Wald. Im Haus Aufzug und Tiefgarage.“ Viele Möglichkeiten, so etwas zu realisieren, gibt es nicht, die Nachfrage nach solchen Wohnungen werde aber immer größer. Neben dem allgemeinen Trend zum Wohnen in Innenstädten und der Nähe zu Hamburg gibt es womöglich eine weitere, etwas kuriose Ursache für die steigenden Beliebtheit der Stadt: die Fernsehserie „Rote Rosen“, die seit gut zehn Jahren im Ersten läuft und in Lüneburg spielt. Gedreht wird zwar fast nur im Studio, aber Sehenswürdigkeiten wie der Alte Kran werden immer wieder gezeigt. Das zieht Touristen an. Schulte hatte schon Kunden, die lange im Ausland gearbeitet hatten und als Rentner zurück nach Deutschland wollten. „Denen gefiel die Serie so gut, dass sie sich für Lüneburg entschieden haben.“

          Andere Neu-Lüneburger haben rationalere Gründe. Neben der exzellenten Anbindung ist es die Stadt selbst: Kulturelles Angebot, wirtschaftliche Lage und Lebensqualität sind gut. Stadt und Umland sind durch mittelständische Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes geprägt, vor allem Maschinenbau und Automatisierungstechnik. Hinzu kommen Tourismus, Gesundheitswesen und Dienstleistungen. Größter Arbeitgeber ist die stadteigene Gesundheitsholding mit den Kliniken und der Salztherme, gefolgt von der Universität Leuphana mit ihren 1000 Beschäftigten und gut 9000 Studenten. Wie viele Studenten in Lüneburg wohnen und wie viele mit dem Semesterticket aus Hamburg kommen, weiß niemand so genau. Aber sie tragen alle dazu bei, dass die Lüneburger Kneipendichte angeblich die zweithöchste in Europa ist, übertroffen nur von Madrid.

          Umstritten: Das Uni-Zentralgebäude von Stararchitekt Daniel Libeskind
          Umstritten: Das Uni-Zentralgebäude von Stararchitekt Daniel Libeskind : Bild: Picture-Alliance

          Ob Studentenkneipen oder Studienfächer in Ingenieurs-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften, die Uni zieht in jedem Fall Talente an und führte schon zur Gründung zahlreicher Start-ups. Bundesweit bekannt wurde die Leuphana, als im Frühjahr das spektakuläre Zentralgebäude des Stararchitekten Daniel Libeskind eingeweiht wurde. Libeskind in Lüneburg? Eigentlich hätte der Neubau, für den ebenfalls EU-Fördergelder flossen, international ausgeschrieben werden müssen. Aber glücklicherweise ist der New Yorker Architekt gut bekannt mit dem Lüneburger Uni-Präsidenten und bekam rechtzeitig eine Gastprofessur, so dass der Libeskind-Entwurf als „Eigenleistung“ der Uni durchging. Das rief zwar die Antikorruptionsbehörde der EU auf den Plan – aber nun steht der aufsehenerregende Bau und gilt als Symbol dafür, dass in Lüneburg neben dem Mittelalter auch Innovationen einen Platz haben.

          Errichtet wurde das Zentralgebäude am Hauptcampus, einer ehemaligen Bundeswehrkaserne südlich der Innenstadt. Konversionsflächen dieser Art hat die nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegene Stadt reichlich. Auf einem weiteren aufgegebenen Kasernengelände in Zentrumsnähe entsteht Lüneburgs größtes Neubaugebiet, das Hanseviertel. „Unsere Strategie lautet Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Wir konzentrieren uns auf Konversions- und Brachflächen in der Innenstadt“, sagt Lüneburgs Stadtbaurätin Heike Gundermann. Die Zersiedelung des Umlandes soll möglichst vermieden werden. Umsetzen darf diese Strategie im Hansaviertel die Immobilien Development und Beteiligungsgesellschaft IDB, eine Tochter der Sparkasse Lüneburg. „Die ersten zwei von drei Bauabschnitten im Hanseviertel sind weitgehend realisiert und schon bewohnt“, sagt Herrmann Struck von der Geschäftsleitung und zeigt auf ein ehemaliges Offizierskasino. „Hier sitzt die Kita des neuen Stadtteils. Sie ist voll belegt und will jetzt erweitern.“

          Platz für Einfamilienhäuser ist nur noch im Umland

          Das Hanseviertel ist beliebt bei Familien, darunter viele Zuzügler. „Wir sind eine der wachstumsstärksten Mittelstädte in der Metropolregion Hamburg“, sagt Struck. Das Forschungsinstitut Gewos erwartet 2350 zusätzliche Haushalte bis 2030. Im Hanseviertel sind nun 750 Wohneinheiten entstanden, weitere 750 sollen ab 2019 im dritten Bauabschnitt folgen. Im bisher gebauten Teil legten die städtischen Planer Wert auf eine durchmischte Siedlung mit Geschosswohnungsbau, Einzelhandel, Dienstleistungen und Grünanlagen. Im Quartierszentrum werden gerade einige vier- bis fünfgeschossige Bauten mit Supermarkt im Erdgeschoss fertiggestellt. „Wir wollten hier keine freistehende Supermarktkiste haben, die verschwenden nur Platz“, so Struck. Einige Büroflächen sind bereits bezogen, und auch die Sparkassen hat eine Filiale eröffnet – inklusive angeschlossenem Bäckerei-Café. Davor eine Station mit Leihfahrrädern. Insgesamt wirkt das halbfertige Quartierszentrum jetzt schon recht urban. An den Rändern des Hanseviertels, am Übergang zu bestehenden Wohngebieten und zur grünen Wiese, gibt es auch Einfamilienhäuser.

          Bild: F.A.Z.

          Sonst werden Einfamilienhäuser eher in den Umlandgemeinden im Landkreis Lüneburg errichtet. Dörfer wie Bardowick, Barendorf oder Brietlingen hatten in den vergangen Jahren einen Einwohnerzuwachs von über zwanzig Prozent zu verzeichnen. „Junge Familien können wir in der inneren Stadt kaum bedienen“, bedauert Bauunternehmer Schulte. Es herrsche „akute Grundstücksknappheit, vor allem für Einfamilienhausgebiete.“ Größere Flächen bieten nur die ehemaligen Bundeswehrstandorte oder Brachen wie ein ehemaliges Güterbahngelände zwischen der Ilmenau und der ICE-Strecke nach Hamburg und Hannover. Hier entsteht nun das Quartier „Ilmenau Garten“ mit rund 760 Wohnungen in zentraler Lage, direkt am Wasser und zum Bahnhof oder in die Altstadt sind es fünf Minuten zu Fuß.

          Gemeinsam mit zwei anderen Unternehmen aus der Region baut Schulte Bauregie die Hälfte der Wohnungen. Zwischen 3500 und 4200 Euro kosten die Eigentumswohnungen hier je Quadratmeter. Das ist schon Hamburger Preisniveau. Auch für Mietwohnungen haben die Preise in Lüneburg zuletzt erheblich angezogen. Im Durchschnitt kostet die Miete laut Gewos 8,50 bis 11,50 Euro je Quadratmeter im Neubau. Im Quartier „Ilmenau Garten“ ist jetzt in zweiter Reihe ein Komplex mit 310 möblierten Mikro-Apartments entstanden. Die Münchner Mondial Kapitalverwertungsgesellschaft vermietet ihre Miniwohnungen hier sogar für 15,40 Euro je Quadratmeter und bewirbt die Wohnungen als „ideal für Studenten & Azubis“. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

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