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Wohnen in Frankfurter Altstadt : Nicht im Bademantel vor die Tür!

Mit Touristen leben: Bei Besuchern kommt die Altstadt gut an, aber bewährt sie sich auch für die Bewohner? Bild: Picture-Alliance

In Frankfurts neuer Altstadt kehrt der Alltag ein. Die ersten Bewohner sind eingezogen und beschweren sich über den Lärm der Reisegruppen. Wie läuft es sonst so im Viertel? Ein Rundgang.

          Im Winter macht der Trubel in der neuen Frankfurter Altstadt eine Pause. Der Nieselregen fällt auf das Kopfsteinpflaster. Ein Stadtführer steht einsam vor dem Brunnen auf dem Hühnermarkt und wartet auf Kundschaft. Einige Touristen ziehen schon morgens um neun Uhr ihre Kreise. Vor einem Wirtshaus haben Handwerker ihre Maschinen aufgebaut. „Doch, doch, wir haben geöffnet“, sagt ein junger Mann und bittet hinein. Auch drinnen wird gewerkelt, die rustikale Gemütlichkeit, die der Betreiber mit viel Holz erzielen will, stellt sich noch nicht ein. Es wirkt alles zu unfertig und zu frisch.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor einem Dreivierteljahr wurde die Frankfurter Altstadt fertiggestellt. Etwas später, Ende September, feierte die Stadt zur Eröffnung eine große Party. Die neue Altstadt ist der Stolz der Stadt Frankfurt, sie soll ihr das Herz zurückgeben und an die lange Tradition als wichtige Handelsstadt erinnern. Auf einem fußballfeldgroßen Stück zwischen Dom und Römerberg sind 35 Häuser entstanden: 20 Neubauten und 15 Rekonstruktionen. Der alte Stadtgrundriss mit seinen engen Gassen und kleinen Plätzen wurde weitgehend wiederhergestellt. Das kommt allgemein gut an. Aber bewährt sich die Altstadt auch im Alltag?

          Ein „Disneyland für Touristen“

          Es ist November, als sich der Dom-Römer-Ausschuss mit den Klagen der ersten Bewohner beschäftigen muss. Sie sind in großer Zahl erschienen und machen ihrem Ärger Luft. Schnell fahrende Straßenbahnen vor der Haustür, sich hinziehende Reparaturen, aber vor allem die Touristenführer mit ihren Megaphonen gehen ihnen auf die Nerven. Die Stadt müsse sich entscheiden, meint ein Mann, der eine der rund 70 Wohnungen gekauft hat: Soll die Altstadt ein normales Wohnviertel werden oder ein Disneyland für Besucher?

          Da ist es wieder, das beliebte Totschlagargument. Ein „Disneyland für Touristen“, die durch eine künstlich anmutende Kulissenlandschaft schlendern, das könne doch niemand wollen. Und das will die Stadt auch nicht. Sie hat einige Mühe darauf verwendet, dass ein wohnliches und im positiven Sinne normales Stadtquartier entsteht. Das beginnt bei einer Gestaltungssatzung für die aufwendig geplanten Gebäude und endet bei der Nutzung der Erdgeschosse.

          Die neue Altstadt wird einige Jahre brauchen, bis sie Patina ansetzt. Den Vergleich zu anderen, unzerstörten Altstädten muss sie daher scheuen. Der Vergleich hinkt ohnehin: Denn diese Altstädte sind historisch gewachsene, authentische Gebilde. Die Frankfurter Altstadt hingegen ist eine Mischung aus Alt und Neu. Andererseits hat Frankfurts Altstadt den Fußgängerzonen von Stralsund bis Freiburg sogar etwas voraus: Anders als dort prägen nicht Filialen von H&M, Kik, Rossmann und Penny die Straßen.

          Noch nicht alle Geschäfte und Lokale geöffnet

          Das liegt an einer klugen Entscheidung. Anders als ursprünglich geplant hat die Stadt die Altstadthäuser nämlich nicht komplett veräußert, sondern ist Teileigentümerin geblieben. Nicht alle, aber doch die meisten Gewerbeflächen in der Altstadt sind in städtischer Hand. Damit entscheidet die Stadt, wer diese Flächen bespielt. Und sie behält das Heft in der Hand.

          Diese Entscheidung ist für die Altstadt ein „Joker“. Denn hätte die Stadt die Flächen vergeben, wäre es auch zwischen Dom und Römer so wie überall: Wer die höchsten Mietpreise zahlt, bekommt den Zuschlag. Das sind in der Regel nicht die kleinen, charmanten und individuellen Geschäfte, sondern die Filialisten. In der Altstadt wären dann sicherlich nicht Kunsthandwerker, Blumenhändler und Spielzeugverkäufer zum Zug gekommen, sondern Souvenirläden und Einzelhandelsketten. Auch am Frankfurter Krönungsweg wäre der übliche, austauschbare Ramsch zu haben gewesen, der in sämtlichen deutschen Fußgängerzonen eine solche Tristesse ausstrahlt, dass sich das Verreisen bald schon gar nicht mehr lohnt, weil man die Geschäfte und ihr Angebot ja ohnehin schon aus der eigenen Innenstadt kennt. Viele Städte wünschen sich einen Hebel, um das Angebot der Läden zu beeinflussen und somit die Attraktivität ihrer Innenstädte zu steigern. Aber sie haben ihn nicht.

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