https://www.faz.net/-gz7-9ivwh

Wohnen in Frankfurter Altstadt : Nicht im Bademantel vor die Tür!

Von einem Dachfenster ergibt sich ein Blick auf den Hühnermarkt im Herzen der Frankfurter Altstadt.

In der Frankfurter Altstadt ist das anders. Die Stadt steht hier selbst am Steuer. Man muss sich das ungefähr wie in einem großen Einkaufszentrum vorstellen: An der Spitze sitzt ein Centermanager, der nach bewährten Kriterien die Flächen vermietet. Wie ein guter „Mix“ über den Erfolg des Einkaufszentrums entscheidet, bringt die gelungene Mischung an Geschäften auch Vielfalt in die Altstadt. Natürlich spielen auch Architektur und Städtebau eine wichtige Rolle. Aber die Prägung der Erdgeschosse trägt doch entscheidend zum Flair der Altstadt bei.

In Frankfurt sind noch nicht alle Geschäfte und Lokale geöffnet. Aber doch die meisten. Außerdem wird es in der Altstadt drei Museen geben. Eines beschäftigt sich mit dem Lokaldichter Friedrich Stoltze, eines widmet sich dem prächtigen Fachwerkhaus „Goldene Waage“ und ein drittes, das „Struwwelpeter-Museum“, zielt auf Kinder ab. Aber der Ausbau zieht sich hin. Vor dem Sommer ist kaum mit einer Eröffnung zu rechnen.

„Dessous brauche ich eher selten“

Mittlerweile zeichnet sich ab, welche Angebote in der Altstadt funktionieren und welche nicht. Dessous finden keinen reißenden Absatz. Eher mäßig besucht wirkt auch das Reformhaus, aber das hat wohl auch mit einer Baustelle vor der Tür und der unauffälligen Einrichtung des Geschäfts zu tun. Der Friseur und der Blumenladen laufen jedoch gut, ein Spielwarengeschäft findet auch Kundschaft, die Apotheke ebenfalls. Auch Töpferwaren und andere Geschenke sind beliebt. Gut laufen auch die Restaurants, Cafés und Kneipen, wenn sie eine zündende Idee haben: Eine Bar bietet zum Beispiel „Original Frankfurter Krönungswurst“ an. Auch bei der Gastronomie hat die Stadt übrigens auf Filialisten verzichtet: Statt an Ketten wie „Café Extrablatt“ oder „Alex“ vermietet sie lieber an eine Weinbar.

Die Bewohner der Altstadt sind allerdings kaum die primäre Zielgruppe der Geschäfte und Restaurants. „Dessous brauche ich eher selten“, sagt August Heuser und lacht. Er ist in eines der Altstadthäuser gezogen und vermisst vor allem Dinge des täglichen Bedarfs. „Einen Bäcker zum Beispiel oder einen Zeitungskiosk.“

„Das kommt noch“, brummt Michael Guntersdorf. Der Geschäftsführer der städtischen Dom-Römer GmbH ist für den Bau der Altstadt zuständig und auch für deren Vermietung. Ein Bäcker soll noch einziehen, und ein Zeitungskiosk ist ebenfalls geplant. Sorge machen Guntersdorf eher Geschäfte, die anderes anbieten als verabredet. Statt Antiquitäten zum Beispiel billige Second-Hand-Ware.

Erst 40 der rund 140 Bewohner in die Altstadt eingezogen

Und die Touristen? Die nerven im Winter zwar weniger als im Sommer. Einige tausend am Tag sind es dennoch. „Man gewöhnt sich dran“, sagt Heuser, der zu seinem Leidwesen aber beobachtet, dass immer mehr Straßenmusikanten kleine Verstärker mitbringen. Andererseits weiß er auch, dass man nicht sozusagen nach Venedig ziehen und sich dann über Reisegruppen beschweren kann: „Wir wussten, was auf uns zukommt. Man kann hier sehr gut leben, ich fühle mich wohl.“

Historisches E-Paper

Alle Ausgaben des historischen E-Papers im Überblick

Artikel finden

Ob die Altstadt ein beliebtes Wohnviertel wird, lässt sich noch nicht sagen. Heuser schätzt, dass erst 40 der rund 140 Bewohner in die Altstadt eingezogen sind. Guntersdorf meint, dass schon die Hälfte der Wohnungen bezogen ist. Wer in der Altstadt eine Wohnung erworben hat, hat sein Geld jedenfalls gut angelegt. Einige Käufer vermieten ihre Wohnungen weiter, zum Teil für horrende Summen. Neulich wurde eine 100 Quadratmeter große Wohnung für 2450 Euro Miete angeboten. „Das ist schon mordsviel Geld“, meint Heuser.

Er hat sich an den Trubel in seinem Viertel gewöhnt und passt seinen Schritt dem Schlender-Tempo der Passanten an. In Jogginghose traut er sich allerdings nicht aus dem Haus. „Hier steht man gleich sehr im öffentlichen Raum. Ich habe immer das Gefühl, ich unterbreche deren Urlaubsstimmung, wenn ich den Müll runterbringe. Das macht man lieber nicht im Bademantel.“

Weitere Themen

Streit um eine Straße in Frankfurt

F.A.Z.-Leserbriefe : Streit um eine Straße in Frankfurt

Ist es klug, dass die Stadtregierung den Autoverkehr entlang des Mains auf dessen Nordseite versuchsweise verbietet? Kein Thema wird zurzeit in Frankfurt mit größerer Leidenschaft diskutiert. Wie aber sehen es F.A.Z.-Leser? Wir haben nachgefragt.

Ölpreis auf Vier-Monats-Hoch Video-Seite öffnen

Nach Drohnen-Angriff : Ölpreis auf Vier-Monats-Hoch

Die Anschläge auf die Raffinerien in Saudi-Arabien haben den Ölpreis in die Höhe getrieben. Nun droht ein zusätzlicher Dämpfer für die Weltwirtschaft.

Topmeldungen

Nach Interviewabbruch : Es bleiben viele Fragen an Höcke

Die Aufregung über den Interview-Abbruch und die Drohungen von Björn Höcke verstellt den Blick auf die eigentliche Frage: Wes Geistes Kind ist der AfD-Politiker?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.