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Bauhaus mit Glimmer

Text von JUDITH LEMBKE, Fotos von NORA KLEIN
Nach Osten öffnet sich das Haus.

22.08.2019 · Ein Ehepaar wohnt in einer Villa von Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Ein Besuch in Jena widerlegt viele Vorurteile über die Kunstschule.

I rgendwann sagt Martin Fischer diesen Satz, der eigentlich paradox ist, weil ein Gebäude immobil ist und in dem doch alles steckt, was dieses Haus so besonders macht: „Das Haus nimmt einen mit.“ Eine Zeitreise in die Vergangenheit halten viele alte Gemäuer für ihre neuen Eigentümer bereit – vor allem, wenn sie ein Baudenkmal sind wie das in der Schaefferstraße 9 in Jena. Dass ein Haus jedoch neue Freundschaften schenkt, Arbeitsfelder eröffnet und nicht zuletzt den Lebensweg prägt, ist außergewöhnlich.

Dabei hätten Barbara Happe und Martin Fischer vor einem Vierteljahrhundert wohl fast jede neue Unterkunft genommen, um der unsanierten Platte zu entkommen, in die sie 1993 zunächst gezogen waren, nachdem Martin Fischer den Lehrstuhl für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Jena übernommen hatte. Im Nachhinein wirkt es fast schicksalshaft, dass die Anzeige „W33 Gropius zu verkaufen gegen Gebot“ ausgerechnet in den Händen der verzweifelt wohnungssuchenden Architekturfans aus dem Westen landete, die sofort eine unglaubliche Chance witterten. Und tatsächlich, hinter dem nüchtern formulierten Angebot versteckte sich ein echtes Architektur-Juwel, ein Original von Bauhaus-Gründer Walter Gropius und das erste Wohnhaus, das er nach den Ideen der Dessauer Schule realisierte.


„Wir hatten von Anfang an den Wunsch, das Haus authentisch wiederherzustellen.“
BARBARA HAPPE

Die erste Begegnung mit dem Gebäude war jedoch ernüchternd. Das Haus war eine Ruine in Dunkelbraun, in dieser Farbe präsentierten sich Boden, Wände und Möbel. Dazu kam ein komischer Gestank. „Ich war enttäuscht von Gropius, weil es so schlimm aussah“, erinnert Happe sich. Trotzdem nahm das Paar die Herausforderung an, zu groß war die Verlockung, nicht nur ein Dach über dem Kopf zu haben, sondern ein verwirklichtes Architekturprinzip zu bewohnen, das das 20. Jahrhundert geprägt hat wie kaum ein anderes. Die neuen Eigentümer gingen das Projekt dann auch nicht mit gestalterischem Ego, sondern viel Demut an: „Wir wollten uns nicht selbst verwirklichen, sondern wissen, wie es früher war“, sagt Happe. „Wir hatten von Anfang an den Wunsch, das Haus authentisch wiederherzustellen.“

Zur Straße zeigt sich das Gebäude verschlossen.

Mit diesem Entschluss ließen sie sich auf eine Reise ein, die nicht nur am festzementierten Bild des nüchtern-weißen Bauhauses rütteln sollte, sondern sie auch in die ausgelöschte Welt des jüdischen Großbürgertums der zwanziger Jahre führte. Wenn Barbara Happe und Martin Fischer in ihrem lichten Esszimmer vor der großen Fensterfront sitzen und von dem Architekten Gropius sprechen, klingen Anerkennung und tiefes Verständnis für sein Werk aus ihren Worten. Wenn sie von Anna und Felix Auerbach erzählen, die Gropius mit dem Entwurf beauftragten, wird ihr Tonfall fast liebevoll. Der Physiker und Musikliebhaber Auerbach und seine Ehefrau waren schon jenseits der sechzig, als sie sich 1924 das Haus bauen ließen. „Eine mutige Entscheidung“, kommentiert Fischer.

Blingbling und Bauhaus: Im Sonnenschein funkelt die Fassade.

Wie mutig, sieht man noch heute, wenn man sich dem Gebäude von der Straße nähert. Beinahe hundert Jahre alt, wirkt es noch modern mit seinen strengen, nur von kleinen Öffnungen durchbrochenen weißen Fassade inmitten der gründerzeitlichen Erker, Türmchen und Butzenscheibengemütlichkeit des Jenaer Professorenviertels. Doch wer sich wie Felix Auerbach schon 1906 von Edvard Munch malen ließ, wie Anna Auerbach als Suffragette für das Frauenwahlrecht kämpfte oder als eine der Ersten Heißluftballon und Flugzeug bestieg, der begeisterte sich für den jungen Architekten mit seinen zukunftsweisenden Ideen des Bauens. Das Paar war kompromisslos bis in den Tod. Im Februar 1933 nahmen sich die beiden im Schlafzimmer das Leben – nicht weil Hitler kurz zuvor die Macht ergriffen hatte und sie als Juden darüber verzweifelt waren, wie kolportiert wird, sondern weil Felix Auerbach am Tag zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte, der ihn bewegungsunfähig machte. Derart eingeschränkt wollten die beiden Zukunftsenthusiasten nicht weiterleben.

Beim Haus Auerbach wandte Gropius zum ersten Mal sein Prinzip vom „Baukasten im Großen“ an. Davon versprach sich der Architekt Vorteile in der Planung: Typisierte Bauteile sollten je nach lokalen Gegebenheiten und individuellen Wünschen immer neu zusammengesetzt werden.

Architekt Gropius hat viele verschiedene Fenstertypen ausprobiert.
Den Bewohnern geben die großen, hellen Räume ein Gefühl von Freiheit.
Wasserrohre dienen als Terrassenabgrenzung.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Elemente aus Gropius’ Baukasten, die beim Haus Auerbach zum Einsatz kamen, zwei ineinander geschobene Kuben zu sein. Der nach Süden zum Garten orientierte zweistöckige Teil beherbergt die Wohnräume. Der nach Norden zur Straße orientierte dreistöckige Quader birgt die Wirtschaftsräume und das Treppenhaus. Das Ehepaar Happe/Fischer ist jedoch überzeugt, dass der erste Eindruck täuscht: Ihrer Ansicht nach besteht das Haus aus vier sich umgreifenden L-förmigen Bauteilen, auf der nach Norden orientierten dreistöckigen Seite liegt zusätzlich ein Quader obenauf. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Haus sind die beiden zu Bauhausspezialisten geworden, haben ein Buch über das Gebäude geschrieben und halten Vorträge über die berühmte Architekturschule, die vor genau hundert Jahren gegründet wurde. Über die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Denkmal kam die Volkskundlerin Happe zur Projektgruppe, die sich mit der Sanierung des „Hauses am Horn“ beschäftigte, das als erstes Bauhaus überhaupt gilt. „Unser Haus hat Kettenreaktionen ausgelöst“, sagt sie – und den Bewohnern auch beruflich neue Felder erschlossen.

Moderne überall: Unter der grau-gelben Decke gesellen sich Designklassiker zu originalen Einbaumöbeln.

Dabei räumt das Paar mit vermeintlichen Gewissheiten über das Bauhaus auf. Dass die Oberflächen nur eine (Nicht-)Farbe kannten, nämlich weiß, zum Beispiel. Wer durch das Haus Auerbach streift, meint, durch Farbräume zu wandeln. Im Wohnzimmer werden an Wand und Decke Grau und Gelb kombiniert, das ehemalige Herrenzimmer, das nun Barbara Happe als Wohnzimmer dient, leuchtet blau, und die Treppe ist ochsenblutrot gefärbt. Siebenunddreißig unterschiedliche – vor allem pastellige – Töne sind es insgesamt. Dabei war das Denkmalamt am Anfang überzeugt, dass Wände und Boden im Original weiß waren; das Farbkonzept, das Alfred Arndt noch als Student am Bauhaus für die Villa entworfen hatte, nie realisiert worden sei. Doch Happe begann an dieser Gewissheit wie an vielen anderen zu kratzen, und zwar nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz praktisch: „Meine Frau hat so lange mit einem alten Messer an der Wand gekratzt, bis sie Farbe gefunden hat“, berichtet Fischer. Schicht für Schicht wurde der Urzustand freigelegt und wieder so hergestellt, wie es zu Auerbachs Zeiten ausgesehen hatte. Das Ergebnis ist überwältigend. Obwohl das samt Keller 400 Quadratmeter große Haus spärlich möbliert ist und nur wenige ausgewählte Kunstwerke an den Wänden hängen, wirkt es mitnichten leer. Aber es vermittelt ein Gefühl der Freiheit – das sagen zumindest seine Eigentümer – und wenn man Fischer barfuß und entspannt mit Laptop auf dem Schoß und unglaublich viel Raum um ihn herum auf der Corbusier-Liege im Wohnzimmer arbeiten sieht, glaubt man es sofort. Auch für den Boden haben Barbara Happe und Martin Fischer wieder den originalen Belag gewählt, ein helles Linoleum.

Siebenunddreißig unterschiedliche Farben zieren die Wände der Villa.
Auch im Bücherregal findet sich Bauhaus-Literatur.
Die Treppe ist ochsenblutrot gestrichen.
Von wegen schlicht weiß: Siebenunddreißig unterschiedliche Farben zieren die Wände der Villa.

Wahrscheinlich sieht die Villa bei ihren ideellen Erben sogar mehr nach Bauhaus aus als bei den Erbauern selbst, was vor allem der Möblierung geschuldet ist. Während die Auerbachs es bürgerlich-gemütlich schätzten, wie das einzig erhaltende Foto des Innenraums zeigt, bleiben Happe und Fischer der Moderne treu: Im Wohnzimmer hängt neben den mit weißem Leder bezogenen Barcelona-Sesseln von Mies van der Rohe eine Hängeleuchte von Gerrit Rietveld, davor steht der Monogold-Tisch von Yves Klein. „Das Haus hat uns geprägt“, sagen beide einmütig und meinen damit einerseits die offene Architektur und Helligkeit, die ihr Leben geformt hat, und andererseits auch die Begegnungen, die sie ohne dieses Gebäude nie gehabt hätten. Viele Menschen sind gekommen, um das Haus zu sehen, und haben sich mit seinen Bewohnern angefreundet. Der berühmte Objektkünstler Frank Stella zum Beispiel, der ihnen einen selbstentworfenen Wandteppich schenkte und in dessen New Yorker Atelier nun derselbe Linoleumboden liegt wie in der Gropius-Villa. Oder der amerikanische Mediziner Arnold Kisch, dessen Mutter weitläufig mit den Bauherren verwandt war und der eines Tages bei ihnen vor der Tür stand und ihnen den Briefwechsel der Auerbachs mit Maler Munch spontan als Gastgeschenk daließ.


„Das Haus hat uns geprägt“
BARBARA HAPPE und MARTIN FISCHER

Über die Frage, ob es sie nicht nerve, in einem Museum zu wohnen, können sie sich mittlerweile noch nicht einmal mehr ärgern, sondern nur noch müde lächeln. Sie empfinden es als Privileg, hier zu wohnen, und selbst die zahlreichen Gruppen von Architekturbegeisterten aus aller Welt, die sich zum Bauhaus-Jubiläum besonders häufig ankündigen, werden eingelassen und herumgeführt.

Bauhaus-Enthusiasten: Martin Fischer und Barbara Happe.

Das Ehepaar hat die Mission, zu zeigen, wie das Bauhaus wirklich war, und vor allem, wie es entgegen allen Vorurteilen nicht war, und als bestes Beispiel dient das eigene Haus. Auch von außen sieht es höchstens auf den ersten Blick wie eine kühle weiße Kiste aus. Der strenge Eindruck löst sich auf, sobald man länger auf die Fassade schaut. Im Vorbeigehen glitzert sie immer an einer anderen Stelle, wie das Meer bei Sonnenschein. Das liegt am Glimmerputz. Blingbling und Bauhaus – wer hätte das gedacht? Abweisend wirkt das Haus wegen des schmalen Fensterbandes nur nach Norden zur Straße und nach Westen, von wo 90 Prozent der Regenfälle auf das Gemäuer einprasseln. Zum Garten und nach Osten öffnet es sich, die vielen Fenster sind noch original erhalten und ganz verschiedene Typen. „Gropius wollte hier unterschiedliche Fenstermodelle ausprobieren“, glaubt Happe.

Im großen Garten stehend, das Haus mit dem Duft von Walderdbeeren in der Nase von Süden betrachtend, fällt noch etwas anderes auf: Die Fenster sind unterschiedlich groß und nicht einheitlich gegliedert. Hausherr Fischer beschreibt diese Asymmetrie als eine „Harmonie, die sich nicht gleich offenbart“. Dieses Gebäude verrät dem oberflächlichen Betrachter fast gar nichts. Aber wer genau hinschaut, wird mit einem großen Staunen belohnt.

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