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Wohnen in Bielefeld : Hier macht Dr. Oetker selbst das Licht aus

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Zuerst will keiner hin und dann keiner mehr weg: Dank Universität, neuen Cafés und Start-ups hat das Bielefelder Leben einen anderen Rhythmus bekommen. Bild: Daniel Pilar

Bielefeld existiert – auch wenn ein Witz das Gegenteil behauptet. Aber die Ostwestfalen mögen es in der Tat unauffällig. Über eine Stadt, die im Schatten prächtig gedeiht.

          Die Bielefelder haben die Faxen dicke, können die Geschichte einfach nicht mehr hören. Den Witz, dass Bielefeld angeblich eine Stadt sei, die es gar nicht gibt. Dass die ehemalige Leineweberstadt, Sitz des Oetker-Imperiums und Metropole Ostwestfalens, mit rund 336.000 Einwohnern Stoff einer satirischen Verschwörungstheorie sei, über die es mittlerweile Bücher, Filme und Theaterstücke gibt – und selbst das Stadtmarketing damit wirbt. Nervig.

          Doch wie bei vielen Witzen und Gerüchten steckt ein Kern Wahrheit auch in dieser Geschichte. Denn Bescheidenheit ist in Zeiten analogen Angebertums und ständiger virtueller Selbstinszenierung in der Stadt am Teutoburger Wald immer noch eine Tugend. „Das tut ja woll nich nötich“, sagen die Ostwestfalen, wenn man ihnen ein schönes Geschenk mitbringt, überlegt, sich eine Sitzheizung im Zweitwagen zu bestellen oder der Friseur eine kostspielige Haarkur im Salon anbietet. Selbst wenn sie sich über eine persönliche Gabe freuen, die Heizung nach langem Zaudern doch ordern und den Haaren mit latent schlechtem Gewissen etwas Gutes tun – „das tut ja woll nich nötich“ ist ein tief verwurzelter Reflex in diesem Zentrum wirtschaftlich hochpotenter Hidden-Champion-Unternehmen, in dem steinreiche Unternehmer natürlich ohne Personenschutz durch die Fußgängerzone gehen und auch die in St. Gallen oder London ausgebildeten Kinder einen leicht westfälischen Zungenschlag einsetzen können, wenn er nutzt. Und die sich nicht wundern, wenn eine alte Dame ihrer Freundin ankündigt: „Ich geh jetzt auf’n Friedhof, den Oppa harken.“

          Die Ostwestfalen sind keineswegs nur unglücklich darüber, dass sie in der Wahrnehmung der Republik unter dem Radar laufen. Womöglich hat diese Unauffälligkeit historische Gründe. Viele Unternehmen entstanden im 19. Jahrhundert auf dem platten Land aus Bauernhöfen und Kotten, weit weg von städtischer Residenzkultur und adligen Lebensformen. In der Leinenweberei, den daraus folgenden Manufakturen und Industriebetrieben war man ostwestfälisch bescheiden oder auch lippisch-kniepig. „Der alte Oetker macht abends auch selbst das Licht in den Büros aus“, hieß es in Bielefelder Familien, wenn die Kinder zum Energiesparen angehalten wurden. Auch im Stadtbild spiegelt sich bis heute die Bedeutung der Unternehmen für die im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Stadt wider. Im Schatten der trutzigen Sparrenburg liegen die von der Familie Oetker gestiftete Kunsthalle und das Konzerthaus Oetkerhalle, die Schüco-Arena, die Seidensticker-Halle und nun seit wenigen Monaten das Ortwin-Goldbeck-Forum, in dem die Sammlung Hermann Stenner untergebracht ist.

          Generationenwechsel im starken heimischen Mittelstand

          Bei aller Gemächlichkeit, die auf stetigem Wirtschaften ruht: Das Bielefelder Lebensgefühl hat während der vergangenen fünf Jahre eine andere Farbe, einen anderen Rhythmus bekommen. Die lange nach innen lebende Stadt mit ihren früh hochgeklappten Bürgersteigen hat sich nach außen auf Plätze geöffnet. Grund ist nicht nur ein Generationenwechsel im starken heimischen Mittelstand, der Neubau der Fachhochschule und die sich gerade um eine Medizinische Fakultät erweiternde Campus-Universität mit 24.000 Studenten, sondern die Implementierung einer Start-up-Szene, die in der Region einen Umbauprozess in Gang gesetzt hat. „Bis vor drei Jahren gab es hier kein Umfeld mit Coworking Spaces, kein Netzwerk und kein Risikokapital, das hat sich nun sehr geändert“, sagt Sebastian Borek, Geschäftsführer der Founders Foundation, eines von der Bertelsmann-Stiftung ins Leben gerufenen Inkubators und Netzwerkplattform für junge Unternehmer. Gerade ist die Kaderschmiede für Gründer als Mieterin in das Ortwin-Goldbeck-Forum gezogen. Der regionale Bauunternehmer Goldbeck, der mit Gewerbeimmobilien groß wurde, hat eine klassizistische Villa um einen Neubau erweitern lassen und so das bestehende Kunstquartier zwischen Kunsthalle, Kunstverein und Skulpturenpark um ein viertes Element ausgedehnt. Dadurch wurde ein Gegenpol zur bisherigen guten Stube der Stadt geschaffen: Obernstraße und Niedernstraße mit dem Alten Markt gelten seit Jahrzehnten als Laufsteg mit einer großen Dichte an exklusiven Boutiquen, in denen die Verkäufer ihre Stammkunden mit Namen kennen und teure Handtaschen ebenso zu kaufen sind wie „Ömmken“-Bequemschuhe für ältere Damen.

          „Die siebzehn größten Unternehmen der Region machen einen jährlichen Umsatz von 60 Milliarden Euro, das entspricht fast dem Bruttoinlandsprodukt von Litauen“, sagt Borek, der die Mission hat, hier im Herzen des German Mittelstand künftige junge Top-Unternehmer durch intensive Programme im Gründen auszubilden und ein Netzwerk mit bestehenden Betrieben zu knüpfen. Als Vorbild gilt Borek die Start-up-Nation Israel. Auch die Personalberaterin Christiane Gräfin Matuschka, die lange in London, Berlin, Frankfurt und Düsseldorf gearbeitet hat und nun seit 15 Jahren in Bielefeld lebt, glaubt an den Standort: „Es klingt vielleicht vermessen, aber hier sind so große Budgets, dass die Region bei der Entwicklung von Start-ups den Vergleich mit Berlin, Tel Aviv und London nicht mehr scheuen wird, hier sind Kreativität und Kapital.“

          Die Bielefelder Universität ist vielleicht nicht die schönste, aber doch ist sie bei Studenten und Lehrenden beliebt.

          Und Bielefeld als privater Lebensmittelpunkt? „Zuerst will keine Socke hierher, dann bist du da und willst nicht mehr weg, denn es ist ein Refugium für neue Ideen, Chancen, Geld und Persönlichkeitsentwicklung“, erklärt sie. Dem Vorurteil, mit den behäbigen Westfalen müsse man erst einen Sack Salz gegessen haben, bevor man wirklich an sie ran komme, widerspricht sie. „Ja, es stimmt, dass früher wenig nach außen getragen wurde, Erfolge wie Misserfolge, es war unfein, man hielt eher seine Klappe, aber nun öffnet sich das Leben.“

          Dass sich die Stadt durch die Förderung von Start-ups ändert, sieht auch Christina Hoon, die seit 2015 an der Bielefelder Universität den BWL-Stiftungslehrstuhl mit Schwerpunkt Führung von Familienunternehmen innehat. Sie untersucht in diesen Tagen die Arbeitsattraktivität und Lebenszufriedenheit in der Region. „Natürlich wollen viele junge Talente zuerst immer nach Berlin, Hamburg oder München“, sagt sie. „Aber das verändert sich, weil es die Tendenz gibt, doch weg in die Region zu gehen, in Mischstädte, in denen man nicht nur gut arbeiten, sondern auch gut und schön leben kann.“ Für den Arbeits- und Wohnstandort Bielefeld sprechen nach ihrer Ansicht kurze individuelle räumliche Wege und engmaschige Netzwerke.

          Die Arbeitslosenquote liegt in der Region zurzeit bei fünf Prozent, in Ostwestfalen-Lippe gibt es 700.000 sozialversicherungspflichtige Jobs bei 2,1 Millionen Einwohnern. Die gute wirtschaftliche Lage der Region zeigt sich auch auf dem Wohnungsmarkt, Preise für Wohneigentum und Mieten sind auch hier gestiegen. Nach Angaben der Stadtverwaltung ist der Bielefelder Wohnungsmarkt in vielen Segmenten deutlich angespannt, vor allem günstige Wohnungen fehlen. Der Mietpreis betrug 2017 im Schnitt fast 7 Euro je Quadratmeter, die Mieten für Bestandsobjekte lagen damit um 20 Prozent höher als im Jahr 2010. Auch Eigenheime sind stark gefragt: Ein frei stehendes Einfamilienhaus kostete 2017 rund 330.000 Euro und damit 11 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

          Generation 60 Plus sucht Wohnungen im Zentrum

          „In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl sozial geförderter Wohnungen im Neubau dazu um 80 Prozent eingebrochen, weil bei der augenblicklichen Lage auf dem Immobilienmarkt und dem Förderrahmen in Nordrhein-Westfalen der soziale Wohnungsbau für Investoren wirtschaftlich völlig uninteressant ist. Das muss durch die Landespolitik geändert werden“, sagt SPD-Oberbürgermeister Pit Clausen. Die 12.000 Wohneinheiten aus dem Bestand der eigenen Wohnungsbaugesellschaft reichten nicht aus, um die Nachfrage zu befriedigen, und auch die Regelung, dass alle neuen Wohngebiete mit einer 25-Prozent-Quote mit Sozialwohnungen ausgewiesen werden, greift noch nicht. „Die Nachfrage nach Baugrund ist so hoch, dass den Anbietern, egal in welchem Segment, alles aus der Hand gerissen wird, da muss die Stadt eigentumsmäßig den Daumen drauflegen“, plant er. Seine Strategie ist nun, nach dem Vorbild der Stadt Münster die Umwidmung von Acker- in Bauland mit einem Vorkaufsrecht des Bodens an die Stadt zu binden, die dann wiederum Bauentwickler aussuchen kann, die sich zu einem Teil sozialen Wohnungsbau verpflichten. Dafür braucht er aber noch einen breiten parteiübergreifenden Konsens.

          „Wir haben eine viel größere Nachfrage nach Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen, als wir bedienen können, und da ist kein Ende in Sicht“, bestätigt auch Dirk Vormfenne, der Leiter des Immobiliencenters der Bielefelder Sparkasse. Die Nachfrage ziehe sich vom Hochpreissegment bis zu günstigeren Objekten in allen Größen. „Seit einigen Jahren ist viel Bewegung bei Einfamilienhäusern der 1950er bis 1970er Jahre zwischen 100 bis 130 Quadratmetern, die durch den Generationenwechsel auf den Markt kommen und bei den Käufern sehr beliebt sind.“

          An der Bratwurstbude am Jahnplatz treffen sich Alteingesessene und Zugezogene.

          Stark gefragt seien zudem Wohnungen in der Innenstadt: „Eine ganz neue Käufergruppe um die 60 Jahre sucht Immobilien im Zentrum mit seinen vielen Cafés, Boutiquen und Ärzten, dazu mit guter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, da Unabhängigkeit im Alter auf dem Wohnungsmarkt neu interpretiert wird“, sagt der Immobilienfachmann. Immer mehr Bielefelder dieses Alters verkauften ihre Häuser in den Randlagen, um sich mit hoher Lebensqualität in der Innenstadt zu verkleinern. Stimmungsvolle Altbauten sind durch die Kriegsschäden schwer zu finden. Sehr beliebt sind die grünen Hanglagen um den Teutoburger Wald, die Stadtteile Hoberge, Theesen und das studentisch geprägte Viertel um den Siegfried-Platz, das jedoch wenig Entwicklungsmöglichkeiten hat. Mit dem Neubau der Fachhochschule und der Erweiterung der Uni prognostiziert Vormfenne im Bielefelder Westen künftig noch mehr Wohnraumprobleme. „Wir brauchen dringend ein Verkehrskonzept mit öffentlichem Nahverkehr und besserer Verkehrsführung, das die Stadt entlastet“, heißt es dazu von der Industrie- und Handelskammer, wo immer wieder Klagen über Staus und unkoordinierte neue Verkehrsführungen auflaufen.

          Bezahlbare Wohnungen und Häuser sind auch für die IHK ein wichtiges Thema, da in der Region der Fachkräftemangel in fast allen Branchen ein zunehmendes Problem ist. Und auch wenn sich die Bielefelder Start-up-Szene vor der israelischen nicht verstecken muss: Das legendäre Bielefelder Regenwetter kann mit der Wärme Tel Avivs nicht mithalten. Doch da tröstet der Ostwestfale sich mit Blick auf die vielen neuen Cafés gern mit der alten ostwestfälischen Weisheit: „Sonne – tut ja nich so nötich.“

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