https://www.faz.net/-gz7-9jwit

Wohnen in Bielefeld : Hier macht Dr. Oetker selbst das Licht aus

  • -Aktualisiert am

Zuerst will keiner hin und dann keiner mehr weg: Dank Universität, neuen Cafés und Start-ups hat das Bielefelder Leben einen anderen Rhythmus bekommen. Bild: Daniel Pilar

Bielefeld existiert – auch wenn ein Witz das Gegenteil behauptet. Aber die Ostwestfalen mögen es in der Tat unauffällig. Über eine Stadt, die im Schatten prächtig gedeiht.

          Die Bielefelder haben die Faxen dicke, können die Geschichte einfach nicht mehr hören. Den Witz, dass Bielefeld angeblich eine Stadt sei, die es gar nicht gibt. Dass die ehemalige Leineweberstadt, Sitz des Oetker-Imperiums und Metropole Ostwestfalens, mit rund 336.000 Einwohnern Stoff einer satirischen Verschwörungstheorie sei, über die es mittlerweile Bücher, Filme und Theaterstücke gibt – und selbst das Stadtmarketing damit wirbt. Nervig.

          Doch wie bei vielen Witzen und Gerüchten steckt ein Kern Wahrheit auch in dieser Geschichte. Denn Bescheidenheit ist in Zeiten analogen Angebertums und ständiger virtueller Selbstinszenierung in der Stadt am Teutoburger Wald immer noch eine Tugend. „Das tut ja woll nich nötich“, sagen die Ostwestfalen, wenn man ihnen ein schönes Geschenk mitbringt, überlegt, sich eine Sitzheizung im Zweitwagen zu bestellen oder der Friseur eine kostspielige Haarkur im Salon anbietet. Selbst wenn sie sich über eine persönliche Gabe freuen, die Heizung nach langem Zaudern doch ordern und den Haaren mit latent schlechtem Gewissen etwas Gutes tun – „das tut ja woll nich nötich“ ist ein tief verwurzelter Reflex in diesem Zentrum wirtschaftlich hochpotenter Hidden-Champion-Unternehmen, in dem steinreiche Unternehmer natürlich ohne Personenschutz durch die Fußgängerzone gehen und auch die in St. Gallen oder London ausgebildeten Kinder einen leicht westfälischen Zungenschlag einsetzen können, wenn er nutzt. Und die sich nicht wundern, wenn eine alte Dame ihrer Freundin ankündigt: „Ich geh jetzt auf’n Friedhof, den Oppa harken.“

          Die Ostwestfalen sind keineswegs nur unglücklich darüber, dass sie in der Wahrnehmung der Republik unter dem Radar laufen. Womöglich hat diese Unauffälligkeit historische Gründe. Viele Unternehmen entstanden im 19. Jahrhundert auf dem platten Land aus Bauernhöfen und Kotten, weit weg von städtischer Residenzkultur und adligen Lebensformen. In der Leinenweberei, den daraus folgenden Manufakturen und Industriebetrieben war man ostwestfälisch bescheiden oder auch lippisch-kniepig. „Der alte Oetker macht abends auch selbst das Licht in den Büros aus“, hieß es in Bielefelder Familien, wenn die Kinder zum Energiesparen angehalten wurden. Auch im Stadtbild spiegelt sich bis heute die Bedeutung der Unternehmen für die im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Stadt wider. Im Schatten der trutzigen Sparrenburg liegen die von der Familie Oetker gestiftete Kunsthalle und das Konzerthaus Oetkerhalle, die Schüco-Arena, die Seidensticker-Halle und nun seit wenigen Monaten das Ortwin-Goldbeck-Forum, in dem die Sammlung Hermann Stenner untergebracht ist.

          Generationenwechsel im starken heimischen Mittelstand

          Bei aller Gemächlichkeit, die auf stetigem Wirtschaften ruht: Das Bielefelder Lebensgefühl hat während der vergangenen fünf Jahre eine andere Farbe, einen anderen Rhythmus bekommen. Die lange nach innen lebende Stadt mit ihren früh hochgeklappten Bürgersteigen hat sich nach außen auf Plätze geöffnet. Grund ist nicht nur ein Generationenwechsel im starken heimischen Mittelstand, der Neubau der Fachhochschule und die sich gerade um eine Medizinische Fakultät erweiternde Campus-Universität mit 24.000 Studenten, sondern die Implementierung einer Start-up-Szene, die in der Region einen Umbauprozess in Gang gesetzt hat. „Bis vor drei Jahren gab es hier kein Umfeld mit Coworking Spaces, kein Netzwerk und kein Risikokapital, das hat sich nun sehr geändert“, sagt Sebastian Borek, Geschäftsführer der Founders Foundation, eines von der Bertelsmann-Stiftung ins Leben gerufenen Inkubators und Netzwerkplattform für junge Unternehmer. Gerade ist die Kaderschmiede für Gründer als Mieterin in das Ortwin-Goldbeck-Forum gezogen. Der regionale Bauunternehmer Goldbeck, der mit Gewerbeimmobilien groß wurde, hat eine klassizistische Villa um einen Neubau erweitern lassen und so das bestehende Kunstquartier zwischen Kunsthalle, Kunstverein und Skulpturenpark um ein viertes Element ausgedehnt. Dadurch wurde ein Gegenpol zur bisherigen guten Stube der Stadt geschaffen: Obernstraße und Niedernstraße mit dem Alten Markt gelten seit Jahrzehnten als Laufsteg mit einer großen Dichte an exklusiven Boutiquen, in denen die Verkäufer ihre Stammkunden mit Namen kennen und teure Handtaschen ebenso zu kaufen sind wie „Ömmken“-Bequemschuhe für ältere Damen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Carola Rackete bei ihrer Festnahme im Juli in Porto Empedocle

          Verfahren gegen Kapitänin : Rackete muss vor Gericht aussagen

          Im Verfahren wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Widerstands gegen ein Kriegsschiff sagt Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete an diesem Donnerstag vor Gericht auf Sizilien aus. Die Gefahr einer Inhaftierung besteht wohl nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.