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Wohnen in Bielefeld : Hier macht Dr. Oetker selbst das Licht aus

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„Die siebzehn größten Unternehmen der Region machen einen jährlichen Umsatz von 60 Milliarden Euro, das entspricht fast dem Bruttoinlandsprodukt von Litauen“, sagt Borek, der die Mission hat, hier im Herzen des German Mittelstand künftige junge Top-Unternehmer durch intensive Programme im Gründen auszubilden und ein Netzwerk mit bestehenden Betrieben zu knüpfen. Als Vorbild gilt Borek die Start-up-Nation Israel. Auch die Personalberaterin Christiane Gräfin Matuschka, die lange in London, Berlin, Frankfurt und Düsseldorf gearbeitet hat und nun seit 15 Jahren in Bielefeld lebt, glaubt an den Standort: „Es klingt vielleicht vermessen, aber hier sind so große Budgets, dass die Region bei der Entwicklung von Start-ups den Vergleich mit Berlin, Tel Aviv und London nicht mehr scheuen wird, hier sind Kreativität und Kapital.“

Die Bielefelder Universität ist vielleicht nicht die schönste, aber doch ist sie bei Studenten und Lehrenden beliebt.

Und Bielefeld als privater Lebensmittelpunkt? „Zuerst will keine Socke hierher, dann bist du da und willst nicht mehr weg, denn es ist ein Refugium für neue Ideen, Chancen, Geld und Persönlichkeitsentwicklung“, erklärt sie. Dem Vorurteil, mit den behäbigen Westfalen müsse man erst einen Sack Salz gegessen haben, bevor man wirklich an sie ran komme, widerspricht sie. „Ja, es stimmt, dass früher wenig nach außen getragen wurde, Erfolge wie Misserfolge, es war unfein, man hielt eher seine Klappe, aber nun öffnet sich das Leben.“

Dass sich die Stadt durch die Förderung von Start-ups ändert, sieht auch Christina Hoon, die seit 2015 an der Bielefelder Universität den BWL-Stiftungslehrstuhl mit Schwerpunkt Führung von Familienunternehmen innehat. Sie untersucht in diesen Tagen die Arbeitsattraktivität und Lebenszufriedenheit in der Region. „Natürlich wollen viele junge Talente zuerst immer nach Berlin, Hamburg oder München“, sagt sie. „Aber das verändert sich, weil es die Tendenz gibt, doch weg in die Region zu gehen, in Mischstädte, in denen man nicht nur gut arbeiten, sondern auch gut und schön leben kann.“ Für den Arbeits- und Wohnstandort Bielefeld sprechen nach ihrer Ansicht kurze individuelle räumliche Wege und engmaschige Netzwerke.

Die Arbeitslosenquote liegt in der Region zurzeit bei fünf Prozent, in Ostwestfalen-Lippe gibt es 700.000 sozialversicherungspflichtige Jobs bei 2,1 Millionen Einwohnern. Die gute wirtschaftliche Lage der Region zeigt sich auch auf dem Wohnungsmarkt, Preise für Wohneigentum und Mieten sind auch hier gestiegen. Nach Angaben der Stadtverwaltung ist der Bielefelder Wohnungsmarkt in vielen Segmenten deutlich angespannt, vor allem günstige Wohnungen fehlen. Der Mietpreis betrug 2017 im Schnitt fast 7 Euro je Quadratmeter, die Mieten für Bestandsobjekte lagen damit um 20 Prozent höher als im Jahr 2010. Auch Eigenheime sind stark gefragt: Ein frei stehendes Einfamilienhaus kostete 2017 rund 330.000 Euro und damit 11 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Generation 60 Plus sucht Wohnungen im Zentrum

„In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl sozial geförderter Wohnungen im Neubau dazu um 80 Prozent eingebrochen, weil bei der augenblicklichen Lage auf dem Immobilienmarkt und dem Förderrahmen in Nordrhein-Westfalen der soziale Wohnungsbau für Investoren wirtschaftlich völlig uninteressant ist. Das muss durch die Landespolitik geändert werden“, sagt SPD-Oberbürgermeister Pit Clausen. Die 12.000 Wohneinheiten aus dem Bestand der eigenen Wohnungsbaugesellschaft reichten nicht aus, um die Nachfrage zu befriedigen, und auch die Regelung, dass alle neuen Wohngebiete mit einer 25-Prozent-Quote mit Sozialwohnungen ausgewiesen werden, greift noch nicht. „Die Nachfrage nach Baugrund ist so hoch, dass den Anbietern, egal in welchem Segment, alles aus der Hand gerissen wird, da muss die Stadt eigentumsmäßig den Daumen drauflegen“, plant er. Seine Strategie ist nun, nach dem Vorbild der Stadt Münster die Umwidmung von Acker- in Bauland mit einem Vorkaufsrecht des Bodens an die Stadt zu binden, die dann wiederum Bauentwickler aussuchen kann, die sich zu einem Teil sozialen Wohnungsbau verpflichten. Dafür braucht er aber noch einen breiten parteiübergreifenden Konsens.

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