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Entspannen im Freien : Perfekt verschaukelt

Für das „Nestrest“ ließ sich Dedon von den Behausungen der Webervögel inspirieren. Bild: Hersteller

Sanftes Schwingen macht auch Erwachsenen gute Laune. Sie müssen sich nur entscheiden: lieber geborgen oder frei? Auch das Budget spielt eine nicht unerhebliche Rolle.

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          Es gibt gute Gründe, dass die meisten Erwachsenen Nudeln mit Ketchup nicht mehr für einen kulinarischen Höhepunkt halten, ihre Lieblingsbücher mehr als zehn Sätze haben und sie Klettergerüste nach Möglichkeit meiden. Völlig unverständlich ist jedoch, dass die meisten Menschen aufhören zu schaukeln, wenn sie das Spielplatzalter hinter sich gelassen haben. Denn das sanfte Hin und Her beruhigt, hilft bei Schlafstörungen, kann sogar Schmerzen lindern. Schaukeln macht glücklich – nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das liegt vor allem an unserem Gleichgewichtssystem, dem Vestibularapparat. Der informiert das Gehirn über Beschleunigung und Abbremsen, Auf und Ab sowie Drehbewegungen. Erfahrungen mit Schwerkraft und der Lage im Raum gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Wenn das Vestibularsystem angeregt wird, zum Beispiel durch sanftes Schaukeln, stabilisiert sich die Haltung eines Menschen, sein Muskeltonus wird normalisiert. Im Gehirn kommt die Botschaft an: „Alles in Ordnung!“

          Das Wohlgefühl, das diese Bewegung auslöst, wird schon im Mutterleib angelegt. Jeder Mensch versucht intuitiv, ein weinendes Baby durch Wiegen zu beruhigen, und vernachlässigte Kinder machen Schaukelbewegungen, um sich selbst ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln.

          Den Blick schweifen lassen oder im verborgenen genießen

          Anstatt sich einfach schnöde auf eine Liege zu pflanzen, könnte man in Zukunft den Sonntagnachmittag auch einfach mal im Garten verschaukeln – und muss dafür noch nicht einmal dem Nachwuchs den Platz streitig machen. Modelle für Erwachsene gibt es für 230 oder fast 10.000 Euro, aus Rattan, Polyethylen oder Zeltstoff, für Singles, Paare oder gleich die ganze Familie. Auch wenn ein großer Baum bestimmt gut aussieht, vonnöten ist er nicht. Viele Hersteller bieten ein Gestell zum Aufhängen gleich mit an. Eigentlich muss man nur eine Grundsatzentscheidung fällen: lieber im Verborgenen schaukeln oder mit freiem Blick auf die Blätter, den Himmel und die Wolken.

          „Cacoon“ ist eher Hängezelt als Nestschaukel und so leicht, dass es sich auf Reisen mitnehmen lässt. Bilderstrecke
          Moderne Schaukeln : Sanftes Schwingen für Erwachsene

          Einen Rückzugsort und Schutz vor neugierigen Blicken bieten die Nestschaukeln. Die hängenden Behausungen der Webervögel haben die Designer Fred Frety und Daniel Pouzet zum „Nestrest“ für Dedon inspiriert: Form, Farben und Textur orientieren sich an diesen hochkomplexen Bauten. Da das „Nestrest“ aber eher 160 Kilogramm Ehepaar inklusive Barbecue-Bauch als 70 Gramm Vogelpärchen aushalten muss, besteht es nicht aus Pflanzenfasern und Federn, sondern aus einer besonders festen Polyethylen-Faser. Das „heimliche Versteck für den modernen Garten“, wie der Hersteller seine Schaukel anpreist, soll Raum für Meditation und lange Gespräche in freier Natur bieten, hat mit mehr als 9000 Euro allerdings auch seinen Preis.

          Swingen wie im Sommer auf Capri

          Auch Nick und Sarah McDonald waren nach einer Trekking-Tour durch den mexikanischen Urwald so beeindruckt von den Webervögel-Nestern, dass ihnen die Idee zu „Cacoon“ kam. Als Segelmacher fiel die Materialwahl auf ein festes, wasserabweisendes Textil. In Form und Faser erinnert das „Cacoon“ deshalb auch eher an ein hängendes Zelt als an ein Möbel – und ist mit sechs Kilo Gewicht in der Variante für zwei Personen auch ebenso mobil wie ein Zelt. Deswegen ist es eigentlich auch zu schade, die Nestschaukel nur in den eigenen Garten zu hängen, denn auch in der Ferne lässt sich entspannt schaukeln. Nach einer Wanderung kann man im „Cacoon“ auch notfalls in der Natur übernachten – sofern ein starker Ast in der Nähe ist und ein starker Lastenträger mit von der Partie.

          Ein echter Designklassiker ist das „Hanging Egg“ von Nanna Ditzel, das vor fast 60 Jahren entworfen wurde. Der eiförmige, in der Luft schwebende Sessel, der an einen eleganten Korb erinnert, verbindet minimalistisches skandinavisches Design mit der Wärme des Naturmaterials Rattan. Seit drei Jahren stellt der dänische Hersteller Sika den Sessel wieder her, allerdings aus Polyrattan, da das Naturmaterial nicht wetterbeständig ist. Die Flechttechnik, mit der das Material verbunden wird, ist jedoch noch dieselbe wie 1959. Auf Reisen mitnehmen sollte man das „Hanging Egg“ vielleicht nicht, dafür macht es sich im Winter aber auch im Innenraum gut.

          Mögen die Nestschaukeln zwar perfekt zum Cocooning-Trend der vergangenen Jahre passen: Der Preis für all das Gekuschel ist die freie Sicht auf den Himmel. Wer Freiheit mehr schätzt als Geborgenheit und trotzdem wirken will wie das ewige Kind, kann sich im „Adagio“ von Paola Lenti dem süßen Nichtstun hingeben. Die kleinen Korbsessel in bunten Farben sehen aus, wie sich ein Sommer auf Capri anfühlt. Und wer frei, aber trotzdem nicht allein sein möchte, kann auch zu zweit in der modernen Hollywoodschaukel „Swing“ Platz nehmen.

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