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Ungewöhnlich wohnen : Daheim im Stadion

Das alte Arsenal-Stadion in London: Historische Fassade für schicke Wohnungen Bild: Unternehmen

Der Londoner Fußballverein FC Arsenal hat sein ehemaliges Stadion in einen Apartment-Komplex umgewandelt. Der neue „Highbury Square“ ist eines der kuriosesten Immobilienprojekte Großbritanniens.

          4 Min.

          Es gibt verschiedene Gründe, warum Tom Finch vergangenen Herbst in den Londoner Stadtteil Highbury gezogen ist. Ein entscheidender war die Dauerkarte. Auf der Warteliste des britischen Erstliga-Fußballclubs FC Arsenal London für Saison-Tickets stehen zurzeit mehr als 40 000 Namen - normalerweise sind sie also praktisch nicht zu bekommen. Doch sein Vermieter versprach, ihm das begehrte Ticket zu besorgen, wenn er die Dreizimmerwohnung in dem neuen Apartment-Komplex nehme.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Finch hat zugegriffen, und seit drei Monaten ist der 28 Jahre alte Brite seinem Club so nah wie nie zuvor, denn er wohnt jetzt im ehemaligen Arsenal-Stadion an der Avenell Road in Nordlondon. Der geschäftstüchtige Verein hat die Arena zu einer Wohnanlage mit rund 700 Apartments umfunktionieren lassen. Der neue „Highbury Square“ ist eines der kuriosesten Immobilienprojekte Großbritanniens - ein Fußballtempel mit Klingelschildern. Tom Finch teilt seine Nachbarn in zwei Kategorien ein: „Leute, die sich für Fußball nicht interessieren und Arsenal-Fans.“ Anhänger anderer Vereine gebe es hier nicht.

          Literarisches Denkmal

          Das Stadion ist ein Stück Fußball-Geschichte. Der Schriftsteller Nick Hornby, Autor von „High Fidelity“ und „About a Boy“, hat ihm ein literarisches Denkmal gesetzt. In „Fever Pitch“ erzählt der fanatische Fußballfan die Geschichte seines Lebens mit dem FC Arsenal vom schicksalhaften ersten Stadionbesuch Ende der sechziger Jahren bis zum einschneidenden Wechsel vom Stehrang auf die Sitzplätze zwei Jahrzehnte später.

          Die Welt, die Nick Hornby beschreibt, gibt es nicht mehr. Selbst ein bedingungsloser Anhänger wie er räumt ein, dass der FC Arsenal früher „das langweiligste Team in der gesamten Geschichte des Universums“ war. Heute ist der Verein einer der vier britischen Topclubs, die den Fußball auf der Insel dominieren, ein internationaler Unterhaltungskonzern. Das Arsenal-Team spielt seit vier Jahren im neuen Emirates-Stadion, einer Hightech-Arena nur wenige hundert Meter von der alten entfernt. Sie ist um ein Drittel größer als der Vorgängerbau und fasst 60 000 Zuschauer.

          Picknick verboten

          Im vom Fußball verlassenen alten Stadion haben die Architekten, da wo früher das Spielfeld war und sich die Dramen der Arsenal-Geschichte abspielten, einen weitläufigen grünen Innenhof angelegt. Still ist es hier und fast menschenleer, denn die durchgestylte Grünanlage, die nachts lilafarben erleuchtet wird, ist nur zum Anschauen gedacht. Picknick und spielende Kinder sind laut Hausordnung untersagt. Es gibt einen „Memorial Garden“, ein Stück Rasen unter dem die Urnen von mehr als 500 verstorbenen Arsenal-Fanatikern ihre letzte Ruhe gefunden haben. Darunter liegen Tiefgarage und das zur Anlage gehörende Fitnessstudio.

          Arsenal-Fan Tom Finch wohnt direkt an der ehemaligen Außenlinie. Er hat eine Dreizimmerwohnung im Parterre der früheren Osttribüne. Diese und die gegenüberliegende Westtribüne haben die Planer zumindest in ihren Gründzügen erhalten. Nord- und Südtribüne wurden durch Neubauten ersetzt. Das Stadion hat heute zwei Gesichter. Von außen betrachtet, ist es, als sei die Zeit stehengeblieben.

          Unter Denkmalschutz

          Noch immer pilgern die Fan-Touristen an die Avenell Road und bewundern die nahezu unveränderte, in den Vereinsfarben Weiß und Rot gestrichene steinerne Art-déco-Außenfassade der Osttribüne. Der nostalgische Bau aus den dreißiger Jahren steht unter Denkmalschutz. Wer dagegen hineingeht und durch den grünen Innenhof spaziert, kann leicht vergessen, dass hier einmal der Mittelpunkt der Arsenal-Welt lag. In seinem Innern ist Highbury Square ein Apartment-Komplex wie viele andere auch - von der Stadionatmosphäre ist nicht mehr viel übrig. Der Blick fällt auf leichte und filigrane Glasfassaden. Wie riesige Aquarien öffnen sich die zu Wohnblöcken umfunktionierten Tribünen zum Innenhof.

          Zumindest ein bisschen aber ist der Fußball weiterhin da. Wenn Arsenal Heimspiel hat, ist auch heute noch die Hölle los. Ganz wie früher ziehen lautstark die Fanscharen durch die umliegenden Straßen - nur dass sie jetzt in die benachbarte neue Fußball-Arena strömen. Der Highbury Square hält sich die Fußballhorden vom Leibe, so gut es geht. Der Zugang zum Innenhof ist mit Zäunen abgeriegelt. Man braucht eine Zahlenkombination, bevor sich summend die Tore an den Eingängen öffnen.

          Gute Verkehrsanbindung

          Wenn Vera Jungkind am Samstagnachmittag auf ihrem Balkon im fünften Stock der früheren Nordtribüne steht, kann sie in der Ferne das Tosen der Massen und die Fangesänge aus dem Emirates Stadium hören. Die 32 Jahre alte Rechtsanwältin aus Düsseldorf ist mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn erst vor ein paar Wochen nach London gezogen. Sie gehört zu der Bewohner-Kategorie von Highbury Square, die Arsenal-Fan Tom Finch die „Indifferenten“ nennt: Fußball interessiert sie nicht besonders. Für die Wohnungswahl der Jungkinds gab es andere Prioritäten. Sie wollten gerne eine Neubauwohnung haben und eine Tiefgarage. Außerdem schätzt die junge Familie die Nähe zum Highbury-Fields-Park und die gute Verkehrsanbindung. Mit der U-Bahn ist man morgens schnell in der City, dem Bankenquartier von London, und abends in einer Viertelstunde im West End, dem Theaterviertel.

          „Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist hier für London ganz gut“, findet Jungkind. Zwar kostet ihr neues Apartment anderthalbmal so viel wie die alte Wohnung in Düsseldorf, und es ist deutlich enger. Kleine Zweizimmerwohnungen mit Blick zur Straße statt zum Innenhof kosten im Highbury Square umgerechnet rund 1300 Euro im Monat. Der Kaufpreis für eine Dreizimmerwohnung beträgt rund 560 000 Euro. Doch es gibt schlechtere Angebote auf dem trotz Rezession noch immer sündhaft teuren Immobilienmarkt der britischen Hauptstadt.

          Preisabschlag in der Krise

          Die Bewohner profitieren davon, dass der Verein von der Wirtschaftskrise auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Als die Bauarbeiten 2005 begannen, schien das ehrgeizige Projekt noch eine sichere Bank zu sein. Ein boomender Immobilienmarkt und fanatische Fans, die sich mit einer Wohnung im Stadion einen Lebenstraum erfüllen wollten, versprachen satte Renditen. Der Verein hoffte zunächst auf Verkaufserlöse von mehr als 400 Millionen Euro und einen Gewinn von bis zu 115 Millionen Euro.

          Doch als die Wohnanlage vergangenes Jahr fertig wurde, war die Blase am britischen Häusermarkt geplatzt und der FC Arsenal hatte Mühe Käufer zu finden. Im Herbst verkaufte der finanziell klamm gewordene hochverschuldete Verein rund 150 Wohnungen für knapp 50 Millionen Euro an einen Immobilieninvestor. Ein Schnäppchenpreis. Analysten schätzten, dass der FC Arsenal einen Preisabschlag von fast 20 Prozent akzeptieren musste. „Auch bei den Mieten gab es Preisnachlässe“, sagt Tom Finch. Die Rezession macht eben nicht einmal vor Fußball-Tempeln halt - und sogar die Arsenal-Dauerkarte zum erfüllbaren Traum.

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