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Ferienhäuser in Ungarn : Nach dem Rausch

  • -Aktualisiert am

Vor allem Badeorte wie Keszthely am Westufer ziehen immer noch Immobilienkäufer an. Bild: Your_Photo_Today

Die große Schnäppchenjagd ist am ungarischen Ferienhausmarkt rund um den Plattensee vorbei. Wie geht es nun weiter?

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          Es war die Erinnerung, die den Ausschlag gab. Als er klein war, erzählt Franz Raaben (Name geändert), habe er an einem Teich gewohnt und jeden Abend wiegte ihn Froschgesang in den Schlaf. Als er Jahrzehnte später seiner Frau zuliebe nach Ungarn an den Balaton kam, konnte er dem Land eigentlich nichts abgewinnen. Bis dahin hatte er seine Urlaube immer am Meer verbracht „und eigentlich auch nicht vor, daran irgendetwas zu ändern“.

          Doch dann kam der erste Abendspaziergang durch das Weingebiet, in dem man privat Quartier gefunden hatte, fünf Kilometer vom Plattensee, wie das fast 80 Kilometer lange Gewässer heißt, entfernt, aber mit einem phantastischen Blick auf denselben und begleitet von – Froschgesang. Die Entscheidung, genau hier zu bauen, fiel noch am selben Abend, und schon drei Tage später saß das Paar in einer ungarischen Anwaltskanzlei.

          So spontan der Entschluss auch gekommen sei, bereut, sagt Raaben, hätten er und seine Frau ihn nie. Die politische Lage, sagt er, sei heute aus deutscher und europäischer Sicht vielleicht nicht die beste. Aber die Menschen sind ihren deutschen Nachbarn nach wie vor sehr zugewandt. Inzwischen, fast auf den Tag genau 20 Jahre später, verbringen die Raabens sogar mehr Zeit in ihrem ungarischen Zweitdomizil als zu Hause.

          Rund um den Balaton kommt man auch gut mit Deutsch zurecht

          Was die Gegend so anziehend macht? „Der an Sonnentagen tiefblaue Himmel, die sternenklaren Nächte, die nach wie vor intakte Natur.“ Erzählt Raaben von seiner Wahlheimat, gerät er immer noch ins Schwärmen. Und dank moderner Infrastruktur und einem funktionierenden Internet, berichtet der selbständige Grafikdesigner, könne er in den Weinbergen sogar arbeiten, ohne dass die Kunden etwas von seinem Aufenthalt in Ungarn mitbekämen. Das ist der eine Grund, warum er seinen echten Namen und seinen Wohnort nicht publik machen möchte. Der andere: Schon mehrfach ist in den vergangenen Jahren im Ferienhaus der Raabens eingebrochen worden. Für das Ehepaar zählen diese Erfahrungen zu den Schattenseiten ihres Urlaubslandes.

          Die Deutschen sind weder die einzige noch die stärkste Käufergruppe.

          Auch die schlechte Ausstattung der örtlichen Krankenhäuser sehen die beiden als Minuspunkt. Wohlgemerkt: „Nicht die Qualität der Ärzte oder das medizinische Knowhow, sondern das Drumherum.“ Der seiner Meinung nach schwierigste Aspekt des Lebens in Ungarn, bedauert Raaben, sei allerdings die Sprache. Sie unterscheidet sich so stark von Deutsch und allen romanischen Sprachen, dass er sich – wie viele Käufer – auch nach Jahren damit noch schwertut.

          Allerdings: Wer sich nicht wirklich in Ungarn niederlassen und dort arbeiten will, kommt zumindest rund um den Balaton auch gut mit Deutsch zurecht. Nach Budapest sind es ja vor allem das Gebiet rund um den größten See Mitteleuropas, die umliegenden Thermalquellen und Heilbäder und vor allem der Kurort Hévíz, in die nicht nur die meisten Touristen kommen, sondern in denen sich auch das lukrativste Immobiliengeschäft abspielt.

          Bisher locken gesundheitliche Aspekte Gäste aus Deutschland

          Dass vielerorts Deutsch gesprochen wird, liegt zum einen an der österreichisch-ungarischen Geschichte und – damit verbunden – dem Aufstieg des Heilbads Hévíz. Der Ort liegt am größten natürlichen und biologisch aktiven Heilsee der Welt. Das auch im Winter nie unter 24 Grad warme Wasser wirkt gegen vielerlei Krankheiten und zog schon Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Adelige, Künstler und Politiker an.

          Bis heute sind es gesundheitliche Aspekte, die Gäste aus Deutschland locken. Zum einen die Trink- und Badekuren, zum anderen die kostengünstigen Zahnbehandlungen, für die ganz Ungarn bekannt ist. Doch wer sich dann für einen Immobilienkauf entscheidet, weiß Krisztina Csorja von der Touristikinformation in Hévíz, der zählt noch andere Pluspunkte auf: stabiles Klima, 2000 Sonnenstunden im Jahr, günstige Lebenshaltungskosten, die Nähe zu Deutschland. „Und natürlich die Möglichkeit, vieles in Deutsch zu regeln.“

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