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Tiny Houses : Klein, aber mein

Heute hier, morgen dort: Mit dem Tiny House ist das möglich, zumindest theoretisch. Bild: action press

Die Tiny-House-Bewegung ist in Deutschland angekommen. Immer mehr Menschen planen den Umzug ins Minihaus. Doch das Recht setzt der Freiheit enge Grenzen.

          Kleine Häuser sind ein großes Thema. Ausgerechnet Tchibo hat das vor Augen geführt, als der Einzelhandelsriese sechs Wochen im Mai und Juni Minibutzen auf fahrbarem Untersatz im Sortiment hatte. Das war typisches Tchibo-Marketing. Auch Inseln und Hausboote hat das Unternehmen schon angeboten, und nun eben Tiny Houses, also mit Bad, Küche und Schlafstelle ausgestattete Kleinsthäuser, in diesem Fall mit einer Wohnfläche zwischen 10 und 16 Quadratmeter für 40.000 Euro und mehr. Wie viele Aufträge die Schreinerei Diekmann als Geschäftspartner erhalten hat, verrät Tchibo nicht. Doch die Anzahl der Anfragen sei „enorm“, teilt eine Sprecherin mit, und die Gespräche mit den Interessenten „sind noch in vollem Gange“.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon vor mehr als zehn Jahren haben Trendscouts die Minihausmode am Wohnungsmarkt ausgemacht – und den Siegeszug der Tiny-House-Bewegung aus den Vereinigten Staaten auch in Europa vorhergesagt. In Amerika propagieren Designer wie der Kalifornier Jay Shafer seit den Neunzigern die Winzighäuser als sparsame und umweltschonende Form des Wohnens und Gegenentwurf zu den „McMansions“, den häufig überdimensionierten Häusern in den Staaten. Weil die Menschen dort ein ziemlich mobiles Leben führen, sitzen die Kleinsthäuser in der Regel auf einem Anhänger, auf dass ihre Besitzer sie bei Bedarf einfach ans Auto hängen und zum nächsten Wohnort fahren können. Auch hierzulande versuchten sich Architekten und Designer an mehr oder weniger formschönen Miniaturbehausungen, die im Garten, auf einer Dachterrasse oder einem Parkplatz Platz finden könnten. Die meisten dieser Entwürfe sind am Wohnungsmarkt Exoten geblieben. Hübsch anzuschauen, auf Magazinfotos und im Netz garantiert ein Hingucker, leider wenig alltagstauglich.

          Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass die Minihäuser vielleicht doch mehr als nur ein mediales Phänomen sind. Die Messe Karlsruhe etwa hat in diesem Jahr erstmals ein Tiny House Festival veranstaltet, zwecks Erfahrungsaustausch. Angesichts des Zuspruchs soll ein zweites im nächsten Mai folgen. Gradmesser ist auch, was Dieter Puhane gerade erlebt. Am gebürtigen Münchener kommt man in der Szene nicht vorbei. Sein Unternehmen Tiny House Rheinau ist seit 2015 am Markt und nimmt für sich in Anspruch, der erste Anbieter in Deutschland gewesen zu sein. Drei Jahre später schätzt der gelernte Schreiner, Gas- und Wasserinstallateur die Zahl seiner Mitbewerber auf etwa dreißig. Im ganzen Land gibt es Unternehmen und Tüftler, die die Nachfrage bedienen, in Nordhessen etwa die Tischlerei Christian Bock, die hochwertige Miniaturhäuser baut. Oder Tech Tiny House in Stuttgart, dessen junge Gründer mit Ingenieurwissen und hoher Präzision für sich werben. Die Palette reicht vom winzigen Haus von der Stange bis zum Miniaturheim aus der Manufaktur. „Wir merken von der Konkurrenz nichts, die Nachfrage steigt und steigt“, behauptet Puhane. Die Auftragsbücher seien bis Mitte 2019 gefüllt. Insgesamt 86 Häuschen habe man bisher gefertigt.

          Die große Freiheit ist kleiner als gedacht

          Die Klientel kommt aus allen gesellschaftlichen Schichten, darunter Studenten, Handwerker, Ärzte und Fernsehregisseure. Was sie eint: „Die sind alle ökologisch eingestellt, 100 Prozent schadstofffreie Materialien sind denen wichtig“, hat Puhane beobachtet und entkräftet den Verdacht, mobile Häuschen seien für ihre Besitzer ähnlich wie das Wohnmobil oder die Datsche nur Vehikel, um dem Alltag zu entfliehen. „Die meisten nutzen das als Erstwohnsitz.“

          Das hat auch Lisa Koßmann vor. Die 26 Jahre alte Studentin und Gamerin aus Karlsruhe ist eine typische Vertreterin der Minihaus-Bewegung. Als sie Anfang 2017 auf Wohnungssuche ging, war sie erstaunt, wie sehr sich die Mieten binnen kurzer Zeit erhöht hatten. Zudem dachte sie grundsätzlich darüber nach, wie sie in Zukunft wohnen wollte. Ein Kleinsthaus aus Holz, das kaum Platz verbraucht und keine Fläche versiegelt, passt für die Veganerin perfekt zu ihrem Lebensstil. Dazu kommt das Versprechen, sich mit der mobilen Behausung unabhängig von den Zwängen des Marktes zu machen und, je nach Arbeitsplatz, einfacher den Wohnort wechseln zu können.

          Naturnah, ressourcenschonend und autark

          Im April vergangenen Jahres hat sie begonnen, ein Tiny House als Selbstbauprojekt zu planen, und berichtet seitdem auf ihrem Youtube-Kanal („Nessa goes wild“) über Erfahrungen und Baufortschritt. Dort räumt die Video-Bloggerin mit manchem Mythos auf. Etwa dem von der großen Freiheit, die das transportable Haus verheißt. Denn einfach das Haus ans Auto hängen und auf zu neuen Zielen – so geht es leider nicht. Die Rechtslage ist in Deutschland komplizierter. Darauf hat auch der Verband Privater Bauherren (VPB) jüngst hingewiesen, ein weiteres Indiz dafür, dass die Tiny-House-Nische eine relevante Größe erreicht hat. Das Gesetz, belehrt der VPB, unterscheidet zwischen Häusern und Fahrzeugen. Soll ein Tiny House auf die Straße, gelten dieselben Zulassungs- und Versicherungspflichten wie bei einem Campingwagen. Dann empfiehlt sich auch eine Haustechnik wie für Caravans. Außerdem müsse man die gesamte Einrichtung vor Abfahrt sichern, gibt Baufrau Koßmann zu bedenken, was ziemlich aufwendig ist.

          Für alle, die das Minihaus ganzjährig bewohnen wollen, ist ein Baugrundstück zwingend. „Das ist der Knackpunkt“, stellt Puhane klar. „Auch wenn viele andere Meinungen kursieren, einfach am Waldrand oder am Fluss wohnen kann man nicht.“ Und: Steht das Minihaus als richtiger Wohnsitz auf einem Grundstück, muss es dort genehmigt werden wie jedes normale Wohnhaus. „Ob das klappt, hängt vom Sachbearbeiter auf dem Bauamt ab“, weiß Puhane und sieht die Lösung zukünftig in Tiny-House-Siedlungen, von denen erste gerade entstehen.

          Um die 100.000 Euro für 30 Quadratmeter Wohnfläche

          Lisa Koßmann baut seit Oktober an ihrem mobilen Zuhause. Klappt alles, wird sie Ende des Sommers einziehen. Knapp 23 Quadratmeter misst das Minihaus der Gamerin. Angesichts der geringen Fläche hat sie hinsichtlich der Raumnutzung Prioritäten setzen müssen. Da ihr zwei kleine Herdplatten nicht reichen würden, hat sie für die Küche mehr Platz eingeplant und sich für ein normal großes Kochfeld nebst Backofen entschieden, dazu eine Spülmaschine für den Single-Haushalt. Auch die Dusche hat Standardgröße. „Wer andere Lösungen sucht, kann sich auch im Camping-Bereich umsehen“, rät die Minihaus-Bauerin.

          Das Tiny House verspricht einen anderen Lebensstil.

          Insgesamt 35.000 Euro wird sie ihr kleines Eigenheim inklusive der kompletten Einrichtung kosten, schätzt Koßmann. Damit liegt sie am unteren Ende der Preisskala – und bekommt vergleichsweise viel Haus für wenig Geld. Der zeitliche Aufwand allerdings ist erheblich. „Allein gute Planung braucht Zeit“, sagt sie. Der Auf- und Ausbau aber ebenso: „Wenn man nicht kontinuierlich dranbleibt, zieht sich das schnell jahrelang.“ In der Spitze kosten Tiny Houses um die 100.000 Euro – je nach Ausstattung und Größe. Mehr als 30 Quadratmeter Wohnfläche lassen sich aber in einem einzelnen Minihaus kaum unterbringen.

          Einen Standort hat Lisa Koßmann noch nicht, allerdings schon einige Grundstücke im Auge, von denen sie vermutet, dass die Besitzer sie nicht so bald bebauen werden und sie ihr möglicherweise für einige Jahre zur Pacht überlassen. Wie lange sie dann wohl im Minihaus wohnen wird? „Keine Ahnung“, sagt die Sechsundzwanzigjährige. Anhaltspunkte zur durchschnittlichen Wohndauer gibt es bei der noch jungen Wohnform nicht. „Es ist für eine Lebensphase, wie jede andere Behausung ja auch“, sagt Brendan Thome vom Anbieter Tech Tiny House. „Ob die eher kürzer oder länger währt, muss man mal abwarten.“

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