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Zweihundert Jahre im Geschäft : Design mit Geschichte

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Fischbacher setzt auf Heimtextilien. Bild: © Christian Fischbacher

Zweihundert Jahre im Geschäft: Der Möbelhersteller Thonet und der Textilverlag Christian Fischbacher sind zwei Familienunternehmen, die sich immer wieder neu erfinden.

          St. Gallen im Jahr 1819: Ein junger Mann namens Christian Fischbacher bietet auf dem Markt Webwaren aus Leinen an, die er bei den Bauersfrauen in den umgebenden Dörfern eingesammelt und zu Fuß in die Stadt gebracht hat. Boppard am Rhein im Jahr 1819: Ein junger Mann namens Michael Thonet gründet seine eigene Tischlerwerkstatt und experimentiert mit neuen Holzbiegetechniken.

          Zweihundert Jahre und einige Generationen später verdienen die Fischbachers ihr Geld immer noch mit Textilien und die Thonets immer noch mit Möbeln aus gebogenem Holz. Eine beeindruckende Kontinuität über einen so langen Zeitraum, in dem alte Märkte zusammenbrechen und neue gefunden werden, in dem ganze Geschäftszweige erblühen und wieder absterben, in dem Revolutionen und Weltkriege ganz unmittelbar auch die Existenz der Unternehmen bedrohen. Ein langer Zeitraum, in dem viele ähnliche Unternehmen lange schon aufgegeben haben und in Vergessenheit geraten sind. Warum also haben ausgerechnet der Textilverlag aus St. Gallen und der heute im hessischen Frankenberg beheimatete Möbelhersteller überlebt? „Wir hatten viel Glück“, sagt Michael Fischbacher, der die Firma in der sechsten Generation als Geschäftsführer leitet. Norbert Ruf, Kreativdirektor und Mitglied der Geschäftsführung bei Thonet, sieht es ähnlich: „Natürlich gehört eine große Portion Glück dazu.“ Denn, so ergänzt er, nur ein kleiner Prozentsatz aller Familienbetriebe schaffe den Sprung vom Ein- zum Mehrgenerationen-Unternehmen.

          Gründer Christian Fischbacher

          Fischbacher und Thonet sind in der Design- und Einrichtungsbranche nicht die einzigen Jubilare, die in diesem Jahr Grund zum Feiern haben. Beim norddeutschen Möbelhersteller Müller begeht die mittlerweile fünfte Generation das 150-jährige Jubiläum. Die thüringische Leuchtenmarke Midgard wiederum wird 100 und startet nach Neuaufstellung und Umzug nach Hamburg durch. Zwei internationale Firmen freuen sich über ihren 70. Geburtstag: der Fußbodenhersteller Bolon aus Schweden und der Kunststoffspezialist Kartell aus Italien, beide ebenfalls noch immer familiengeführt. Der Siebzigste mag vielleicht nicht so richtig rund wirken, dafür eint diese Geburtstagskinder, dass sie 1949, also in der Aufbruchszeit nach dem Zweiten Weltkrieg, geboren wurden. Siebzigjähriges Bestehen feiert übrigens auch das schwedische Regalsystem String, das wie nur wenige andere Möbelentwürfe den Geist ebendieser Zeit verkörpert. Denn das ist – neben der Extraportion Glück – vielleicht das wichtigste Erfolgsgeheimnis der Langzeit-Unternehmen: dass sie immer wieder den Geist der Zeit erkennen. „Ich glaube, ein Kernfaktor für den Erfolg ist es, sich die Offenheit zu bewahren“, sagt Norbert Ruf von Thonet. „Sich kontinuierlich zu hinterfragen, ob das, was wir machen, noch gültig ist – designästhetisch, produktionstechnisch, gesellschaftlich.“ Das schlechteste Argument in seinen Augen? „So haben wir das schon immer gemacht.“

          Das wichtigste Prinzip ist die Leidenschaft

          Sich die Offenheit zu bewahren und den Zeitgeist im Blick zu behalten kann auch bedeuten, harte Entscheidungen zu treffen. Bei Christian Fischbacher war es beispielsweise Ende der achtziger Jahre so weit, als das damalige Kerngeschäft zusammenbrach. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die Schweizer den größten Teil ihres Umsatzes mit sogenannten Fashion Fabrics erwirtschaftet, mit Textilien für die Bekleidungsindustrie. Zu ihren Kunden gehörten so namhafte Häuser wie Christian Dior, Christian Lacroix, Givenchy, Versace oder Van Laack. Fischbacher entwarf aufwendig bedruckte Stoffe und ließ sie auf Bestellung der Modehäuser in der Schweiz produzieren. Doch der Geschmack änderte sich, solche Stoffe kamen buchstäblich aus der Mode, und das Unternehmen drohte, seine Haupteinnahmequelle zu verlieren. „Mein Vater hat dann die schwierige, aber mutige Entscheidung getroffen, ganz aus dem Geschäft mit den Modetextilien auszusteigen“, sagt Michael Fischbacher. Die Entscheidung sollte sich als lebensrettend für das Unternehmen erweisen. Die damaligen Schweizer Hersteller von Bekleidungsstoffen gebe es heute alle nicht mehr, sagt Fischbacher. Stattdessen konzentrierte man sich in St. Gallen fortan ganz auf das bisherige Nebengeschäft mit Heimtextilien. Dabei ist es bis heute geblieben, die Marke entwirft hochwertige Vorhangstoffe, Bettwaren und Badtextilien und lässt sie bei Produzenten in der ganzen Welt herstellen – manches davon immer noch in der Schweiz.

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