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Textiltrends : Flucht in Scheinwelten

Mitspielen erwünscht: Installation von Camille Walala in der Londoner Now Galery Bild: Charles Emerson

Wie reagiert man am besten auf Katastrophenmeldungen? Mit flauschigen Stoffen, einem Rückgriff auf postmodernes Design und viel viel Farbe in den Innenräumen.

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          Die Lage ist ernst. In den Meeren schwimmen kaum noch Fische, sondern Plastiktüten, die Politik scheint unberechenbar und das Klima erst recht. Unsicherheit macht sich breit. Reaktionen auf solche Nachrichten sind üblicherweise sorgenzerfurchte Stirn, bedeutungsschwere Stimme, Grau in allen Schattierungen. Oder auch das genaue Gegenteil: Der gedrückten Stimmung wird mit betontem Unernst begegnet, mit einer Flucht in Farbe und der Attitüde, alles nicht so schwer, sondern mit Humor zu nehmen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn es wirklich so kommt wie auf der Vorstellung der Heimtextiltrends für die kommende Saison von der Messe Frankfurt vorausgesagt, dann werden die Innenräume zunehmend zu Scheinwelten, gestaltet mit dem Ziel, der harschen Realität zu entfliehen. Heimtextilien umfassen praktisch alles, was den Menschen stofflich umgibt, abgesehen von Kleidung: Teppiche, Sofabezüge, Tapeten, Bettwaren und Tischdecken.

          Es wird knallig und verspielt, so viel sei schon einmal verraten. Die größtmögliche Distanz zur Wirklichkeit gelingt nun einmal, indem man sich ihr komplett verweigert oder die vermeintliche Düsternis einfach nicht für voll nimmt. Stattdessen wird sie ins Absurde gedreht und mit einer satten Ladung Primärfarben übermalt, in denen Schwarz nur noch in lustigen Punkten oder Streifen vorkommt, aber nicht den Ton angibt. Diese Einrichtung, in der Gelb ungebremst auf Blau trifft und Grün auf Rot, erinnert an die große Heldin des Kinderzimmers, Pippi Langstrumpf, die sich herausnimmt, ihre Welt so zu gestalten, wie es ihr gefällt – natürlich kunterbunt. In dieser Umgebung hat das Spiel Vorrang vor der Arbeit, der Witz des Designs ist wichtiger als seine Funktion.

          Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Denn diese Optik wirkt nicht nur wie eine Reise in die Kindheit, sondern auch in die achtziger Jahre – bei manchem mag das auch zusammenfallen. Nachdem die Postmoderne schon ihr Comeback in der Möbelbranche gefeiert hat und vor allem junge Designer die Gestaltung der Memphis-Gruppe mit ihren Kugeln, Pyramiden und Würfeln zitieren, haben nun auch die Textildesigner die italienische Designgruppe um Ettore Sottsass entdeckt. Anstatt die Funktionalität des Designs ins Zentrum zu stellen, geht es vor allem darum, dass die Objekte individuell und wiedererkennbar sind. Lustvoll werden alltägliche Formen neu interpretiert, ein lebensfroher, spielerischer Umgang mit Design steht im Mittelpunkt. Die Muster sind voller markanter Punkte, Streifen und Zickzacks in Primärfarben, akzentuiert mit Schwarz und ergänzt durch Pastellfarben, vor allem in Rosa und Lila.

          Wer jetzt an eine Clownsgarderobe denkt, liegt nicht ganz falsch. Und wer sich in seinem skandinavisch angehauchten Wohnzimmer umblickt und beim Streichen über den hellgrauen Wollstoff seines Mid-Century-Sofas fragt, wie das alles zusammenpasst, dem sei gesagt: gar nicht. Die Wiederentdeckung des Memphis-Designs fühlt sich an, als würde man nach einem Sommerurlaub an der dänischen Westküste direkt nach Las Vegas fliegen oder sich nach dem Besuch eines biologischen Slowfood-Restaurants zum Nachtisch eine Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt holen.

          Auch die Texturen scheinen aus dem Kinderzimmer zu stammen: Flummiartig, flauschig und wabblig trifft auf glatt und glänzend – die neuen Stoffe wirken künstlich, und trotzdem will man sie berühren, mit ihnen spielen und sie nicht nur anschauen. Natürlichkeit ist für diese Textilien kein Kriterium, Hauptsache, sie machen Spaß. Vorbild für dieses Design, das zur Interaktion einlädt, ist unter anderem das Lego-Haus im dänischen Billund, das nicht nur von außen wie ein Gebilde aus den bunten Kunststoffsteinen aussieht, sondern auch innen auf 12.000 Quadratmetern Erwachsene und Kinder ins Spiel bringen will.

          Mit dem Zug zum Surrealismus lassen diese Textilien an künstlerische Vorbilder wie Magritte und Miró denken, die Farben und Formen erinnern an den holländischen Konstruktivisten Piet Mondrian. Es sind Einflüsse, die in den Arbeiten von Camille Walala ganz besonders deutlich werden. Die Französin, die seit mehr als zwanzig Jahren in London lebt, hat mit ihren vielbeachteten Installationen und Ausstellung das Comeback des Memphis-Designs, auf das sie sich explizit beruft, mit vorangetrieben. Nicht unerwartet sind auch die niederländischen Designer bei diesem Farbrausch ganz vorne mit dabei. In unserem Nachbarland ist das Designverständnis spielerischer und humorvoller als in Deutschland, die Lust auf etwas Ungesehenes größer als die Sehnsucht nach technischer Perfektion. Das in Eindhoven von Sanne Schuurman gegründete Designkollektiv Envisions lässt in seinen Arbeiten die Farben förmlich explodieren. Die jungen Gestalter, die nach eigener Angabe „alles machen, außer dem Endprodukt“, wirken ein bisschen wie die niederländischen Erben von Memphis. Sanne Schuurman experimentiert vor allem mit Materialien aus der Industrie wie Schaumstoffröhren, die mit knallbunten Verbindungen neue Verwendungen finden, zum Beispiel als Raumteiler oder schalldämpfende Wandverkleidung.

          Es ist aber nicht nur ein bonbonbuntes Phantasialand, in das die neuen Heimtextilien entführen sollen. Eine andere Scheinwelt verheißt Eskapismus aus dem allzeit vernetzten Alltag in einen klösterlichen Minimalismus mit hellen, reinen Farben und ruhigen Oberflächen. In Innenräume, in denen eine mit hellem Leder ausgeschlagene Box aus Beton dafür sorgen muss, dass das Handy keinen Empfang hat, weil der dauervernetzte Mensch anscheinend einen analogen Helfer braucht, um ohne digitale Hilfsmittel auszukommen.

          Und natürlich ist auch wieder eine Retrowelt im Angebot. Nur, dass sie uns nicht mehr in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit seinen modernen Designklassikern führt, sondern noch weiter zurück, ins Art déco. Mit Bögen und Kurven, luxuriösen Stoffen und opulenten Farben wie Burgunderrot, dunklem Ocker und natürlich Gold verströmen diese Innenräume viel mehr Sinnlichkeit als der Stil des Mid-Century. Es sind Räume, bei deren Anblick man glaubt, das Grammophon knistern zu hören. Zum Einsatz kommen Textilien, die umschmeicheln, wie hochflorige Teppiche, Seide, Samt und weiches Leder. Es kommt nicht nur auf das Auge, sondern auch auf den Tastsinn an. Wer diese Räume betritt, soll sich sofort entspannen und dem lässigen Luxus hingeben können. Spannung entsteht durch unerwartete Materialkombinationen wie üppige Steppstoffe neben unbearbeitetem Holz. Oder auch durch unerwartete Farbkonzepte, wie sie die Interiordesignerin India Mahvadi immer wieder einsetzt. Sie ist überzeugt, dass die Farben „sich streiten“ müssen – und kombiniert burgunderrotes Leder mit ozeanblauem Samt oder sattgrüne Wände mit lilafarbenen Sesseln. Sie mischt abendländische Nostalgie mit morgenländischer Mystik – und erschafft damit Räume, in denen harmoniert, was im Alltag immer weiter auseinanderzufallen scheint.

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